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Nuruddin Farah

Nuruddin Farah | Video verfügbar bis 25.02.2018

"Ich bin Somali, ganz gleich, wo ich lebe. Ich wurde in eine Situation hineingeboren, in der ich jederzeit britischer Staatsbürger hätte werden können, weil die Italiener, die meine Stadt Baidoa besetzten, den Krieg verloren hatten."
(N. Farah in einem Interview zu Sabine Vogel, BZ im Juli 2007)

Nuruddin Farah und Denis Scheck
Zimmer mit Aussicht? Interview mit Aussicht! Nuruddin Farah spricht vor dem Tafelberg in Kapstadt mit Denis Scheck.

Dieser Satz könnte über der Biographie des bekanntesten Autors der afrikanischen Gegenwartsliteratur stehen als leitmotivische Hilfe, um seinen Lebenslauf als fremdbestimmter Exilant, Migrant oder Immigrant zu kennzeichnen. Immer abhängig davon, ob er freiwillig geht, gezwungen wird zu gehen oder verlockt durch attraktive Angebote – Nuruddin Farah war stets auf Wanderschaft.

Dort in Somalia, wo er sein möchte, konnte er bisher nur selten leben, weil entweder Krieg das Land überzieht oder er von den gerade Herrschenden verfolgt oder sogar zum Tode verurteilt wurde. Dabei ist er weder Straßenräuber noch Terrorist, sondern ein Verteidiger seiner afrikanischen Heimat gegen Ausbeutung und Unterdrückung ebenso durch Kolonialherren wie marodierende Clans.

Er ist Autor, und so ist seine Waffe das geschriebene Wort. Wenn er in seinen Geschichten, Theaterstücken und Büchern neokoloniale Abhängigkeit  kritisiert oder Konflikte zwischen afrikanischer Tradition und westlichen Werten thematisiert, untersagt die Zensur die Verbreitung und die Polizei verfolgt ihn. Eine Veröffentlichung im Ausland ist manchmal ein Ausweg, allerdings oft mit eingeschränkter Wirkung.

Nuruddin Farah
Der gebürtige Somalier Nuruddin Farah.

Wer ist Nuruddin Farah, der inzwischen als hervorragender, preisgekrönter Autor weltweit geschätzt wird? Wo liegen seine Wurzeln? Der Vater ist Dolmetscher, die Mutter – in der Familientradition stehend – eine Erzählerin. Als viertes Kind wird er 1945 im Süden Somalias geboren. Bereits als Vierjähriger besucht Nuruddin die Schule, ist intelligent und neugierig, lernt Arabisch und den Koran auswendig, verdient bald sein erstes Geld durch Briefe schreiben für andere. Die handwerklichen Fähigkeiten für einen Schriftsteller sind so gelegt, die Fantasie angeregt und das notwendige Talent vorhanden.

Nachdem er 1965 in den Somali News mit der Kurzgeschichte "Why dead so soon?" an die Öffentlichkeit gegangen ist, widmet er sich trotz Studium und einer Gastdozentur an der Universität in Mogadischu (da ist er erst 24 Jahre alt) der Schriftstellerei:

  • 1968 "Doctor and Physicist" ein Hörspiel während seines Studiums in Indien, dort auch gesendet;

  • 1969 "A dagger in vacuum", Theaterstück, von der somalischen Zensur verboten;

  • den Roman "Aus einer Rippe gebaut", 1969 in London verlegt.

  • Das Buch "Tallow waa, tallee ma" (1973) schreibt er in der gerade erst offiziell zugelassenen somalischen Schriftsprache, es erscheint in einzelnen Folgen, was von der Zensur jedoch vorzeitig beendet wird.

Nuruddin Farahs zahlreiche Veröffentlichungen haben immer wieder das gleiche zentrale Grundthema: Die Lebensbedingungen der Menschen im heutigen Afrika, besonders in seiner Heimat Somalia.

Sein aktuellstes Buch wird in diesem April erscheinen. Es ist der Abschluss einer Trilogie, deren erste beiden Teile "Links" 2005 und "Netze" 2009 veröffentlicht wurden.

Staatszerfall und Bandenterror prägen seine Heimat Somalia, als der Protagonist Jeebleh aus dem New Yorker Exil nach Mogadischu zurückkehrt ("Links"). Er hat große Probleme, sich in der vollkommen korrumpierten Gesellschaft zurecht zu finden. Niemandem kann er trauen, nicht Fremden, nicht Verwandten. In "Gekapert" versucht Jeebleh nun ein weiteres Mal, seine Heimat zu begreifen. Er verbündet sich mit seinem Schwiegersohn, einem Journalisten, der über den aktuellen Stand der Region berichten will. Sie müssen realisieren, dass das Chaos eher undurchschaubarer geworden ist: Unterschlupf suchende Piraten sorgen für zusätzliche No-Go-Areas, während die islamistische Organisation Al-Shabaab mit Hilfe stets präsenter Schergen die Macht im Lande anstrebt.

Station auf der Druckfrisch-Weltreise
Kapstadt: Station auf der Druckfrisch-Weltreise.

Nuruddin Farah, geb. 1945 in Baidoa/Somalia, hat auf eigene Faust zwei Mal versucht, eine Friedensmission in Somalia zu starten: vergeblich ("My life as a diplomat", 2007). Heute lebt er hauptsächlich in Kapstadt/Südafrika.

Stand: 20.06.2013 16:27 Uhr

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