SENDETERMIN So, 20.11.16 | 23:35 Uhr | Das Erste

Denis Scheck empfiehlt Donald Ray Pollock: "Die himmlische Tafel"

Denis Scheck empfiehlt Donald Ray Pollock | Video verfügbar bis 20.11.2021

Romane gibt's, die leben von einem so unwiderstehlichen betörenden Sound, dass es fast gleichgültig ist, was da eigentlich erzählt wird, so sehr wird man als Leser vom Strom der Geschichte erfasst und mitgerissen. So ein Roman ist "Die himmlische Tafel" von Donald Ray Pollock. Mit einer an den Südstaatenautor William Faulkner erinnernden Sprachgewalt erzählt Donald Ray Pollock von den Vereinigten Staaten vor hundert Jahren, einem Land der Armut und Gewalt wie gleichermaßen der Schönheit und Innovation, das einerseits so untergegangen und fern erscheint wie Atlantis, andererseits so gegenwärtig wie die Tagesschau.

Drei Brüder auf Gewalttour

Cob, Cane und Chimney Jewett sind drei Brüder, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts auf der gepachteten Farm ihres Vaters in den Südstaaten aus der Erde kratzen. Wie prägnant, wortgewaltig und direkt auf den Punkt Donald Ray Pollock ihr Leben beschreibt, verdeutlicht schon der Romananfang – reine Testosteron-Prosa: "Als sich 1917 an der Grenze zwischen Georgia und Alabama ein weiterer höllischer August langsam dem Ende zuneigte, weckte Peak Jewett eines Morgens seine Söhne mit einem kehligen Bellen, das eher nach Tier als nach Mensch klang."

Tatsächliche erinnert das Leben, das die Jewett-Brüder unter der Fuchtel ihres von religiösen Erlösungsphantasien besessenen Vaters auf dem Land des ausbeuterischen Major Thaddeus Tardweller führen, auch eher an das freudlose Dasein von Arbeitstieren als an das freier Menschen. Der Tod ihres Vaters verändert alles: aus dem Brüder-Trio wird ein gefürchtetes Bankräuber-Trio, dessen bluttriefender, mit Bestialitäten aller Art markierter Weg nach Norden bis in den Bundesstaat Ohio führt. Auf ihrem mörderischen Trip werden sie von einem literarischen Ideal ihrer Jugend inspiriert, dem Western-Helden Bloody Bill Bucket.

Der Schriftsteller Donald Ray Pollock.
Der Schriftsteller Donald Ray Pollock.

Woher kommt das Böse?

Wer mag, kann in "Die himmlische Tafel" eine amerikanische Spielart von Cervantes "Don Quichote" erkennen, der ja auch durchs Lesen der falschen Bücher den Verstand verliert. Ich lese Pollocks amerikanische Gewaltoper als grandiose Geschichte über Fortschrittsverlierer und als Meditation über den Ursprung des Bösen. Also vertrauen Sie mir und lesen Sie "Die himmlische Tafel" von Donald Ray Pollock, erschienen in der deutschen Übersetzung von Peter Torberg im Liebeskind Verlag.

Stand: 21.11.2016 11:31 Uhr

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