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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 29.10.2022

Und jetzt, aus den unendlichen Bücherhallen in der Heiligen Stadt Köln, die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Belletristik.

Platz 10: Sven Regener: "Wiener Straße"

Die enorm komischen Romane des "Element of Crime"-Sängers Sven Regener um Frank Lehmann sind einerseits brillante Schilderungen aus dem mit dem Mauerfall untergegangenen Kreuzberger Milieu – andererseits geniale Sprachopern. Niemand bannt in der deutschen Gegenwartsliteratur so souverän Dialekte und Soziolekte aufs Papier wie Sven Regener.

Platz 9: Cassandra Clare: "Lord of Shadows: Die dunklen Mächte 2"

Ich musste ja schon einiges an Schwachsinn für diese Bestsellerliste lesen. Aber diese zwischen Los Angeles, London und einem Feenreich spielende abstruse Geschichte über die verbotene Lieben zwischen zwei Dämonenjägern ist so fad und öde wie aufgeweichtes Knäckebrot. Darüber können auch die politisch korrekt geschilderten Amouren der lesbisch, schwul, bisexuell und genderfluid Liebenden in diesem lahmen Fantasyschmöker nicht hinwegtrösten.

Platz 8: Mark-Uwe Kling: "QualityLand"

"Leben wir in einer Diktatur, deren Methoden so sublim sind, dass keiner merkt, dass wir in einer Diktatur leben?" fragt Mark-Uwe Kling in seiner Science-Fiction-Satire über einen Michael Kohlhaas in einer neoliberalen digitalen Welt. Kling erzählt formal bestechend einfallsreich von einer nahen Zukunft, in der ein Androide für die Präsidentschaft kandidiert und einem von Datenkraken ausgebeutetem Underdog die Erkenntnis dämmert: "Ich bin nicht ihr Kunde. Ich bin nur das Produkt, mit dessen Verkauf Sie Ihr Geld verdienen." Trotz gelegentlich etwas pennälerhaft flachen Witzen der aufregendste politische Roman, den ich seit langem gelesen habe.

Platz 7: Jo Nesbo: "Durst"

Dieser Krimi um einen blutsaufenden Killer ist dagegen ein geistiges Ödland von bemerkenswerter Tristesse. "Smiths Finger legten sich auf Harrys Gesicht und versuchten, ihn wegzudrücken. Dann gab er es auf. Ließ von ihm ab. War Smiths Hirn endlich so sauerstoffleer, dass es ihm die Arbeit verweigerte? Harry spürte die Erleichterung und würgte noch einmal Smiths Blut hinunter." Mein Hirn verweigert, konfrontiert mit diesem gedankenleeren Geil-auf-Gewalt-Stuss, auf Anhieb die Arbeit.

Platz 6: Maja Lunde: "Die Geschichte der Bienen"

Drei Handlungsstränge aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen von der symbiotischen Beziehung zwischen Menschen und Bienen – und von unserer Torheit, durch Monokulturen, Spritmittel, Parasiten und extreme Wetterlagen das große Bienensterben auszulösen. In der Zukunft des Jahres 2098 sind die Bienen ausgestorben – bis ein kleiner Junge gestochen wird. Literarisch durchaus befriedigend, allerdings stört die Dauererektion des moralischen Zeigefingers in diesem Roman der Dänin Maja Lunde.

Platz 5: Ken Follett: "Das Fundament der Ewigkeit"

In der zweiten Fortsetzung seines Kathedralenwälzers "Die Säulen der Erde" inszeniert Follett die Religionskriege des 16. Jahrhunderts als gigantisches Kasperletheater: eindimensionale Charaktere, hölzerne Dialoge, einfallslose Handlungsfäden. Definitiv ein Fall für die literarische Abrissbirne.

Platz 4: Kerstin Gier: "Wolkenschloss"

Am Schluß dieses in reiner Zuckerwatteprosa geschriebenen Klischeekonzentrats um ein Zimmermädchen in einem Grand Hotel in den Schweizer Bergen stehen Sätze wie: "Manchmal fragte ich mich, ob Tristan und sein Großvater und die Leute von der geheimen Gesellschaft, für die sie angeblich arbeiteten, den Stein aus dem Kollier wirklich zurück in die indischen Tempelanlagen gebracht hatten." Auch sonst fehlt dem Roman einiges. Ganz sicher der Autorin Kerstin Gier die eine oder andere Tasse im Schrank.

Platz 3: Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

Welche Idee liegt eigentlich der europäischen Einigung zugrunde? fragt der Österreicher Robert Menasse in seinem glühend pro-europäischen Roman. Vergangene Woche wurde "Die Hauptstadt" sehr zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und stürmt nun erwartungsgemäß die Bestsellerlisten. Running gag des Romans in des Wortes wörtlichster Bedeutung ist ein durch Brüssel laufendes Schwein – und die verzweifelten Versuche der PPE, der Pig Producers of Europe, zu einem Freihandelsabkommen mit China zu kommen, um den Chinesen die Schweineöhrchen, -schnauzen und -schwänzchen verkaufen zu können, die in Europa im Tierfutter landen, in China aber als Delikatesse gelten. So vergnüglich­ und anregend wurde noch nie über die EU geschrieben, wie Menasse dies in seinem satirischen Bravourstück gelingt.

Platz 2: Daniel Kehlmann: "Tyll"

Und jetzt darf ich einen echten Triumph der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur anzeigen. Sprachtrunken, bildersatt und verzaubert habe ich den neuen Roman von Daniel Kehlmann zugeklappt: So ein Wunderbuch begegnet einem nicht jedes Jahr! Eindrücklich wie nie gelingt es Kehlmann, rund um den aus dem Spätmittelalter in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verpflanzten Tyll Ulenspiegel einen Mummenschanz um Macht, Machtmissbrauch und den Hochseiltanz unserer Existenz zu inszenieren, der es in sich hat. Hinreißend!

Platz 1: Dan Brown: "Origin"

Als Atheist müsste ich die Religionskritik in Dan Browns neuem Thriller eigentlich begrüßen. Aber sie kommt in diesem Roman um einen in Bilbao ermordeten Super-Nerd und eine durch die beliebtesten Touristenattraktionen Spaniens führenden Schnitzeljagd so stumpf und primitiv daher, dass ich lieber zu Kreuze krieche. Anders ausgegedrückt: Je länger ich gezwungen bin, Dan Brown zu lesen, desto mehr bedauere ich den Tod von Michael Crichton.

Stand: 30.10.2017 00:05 Uhr

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