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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 17.12.2022 | Bild: DasErste.de

Und jetzt aus den unendlichen Bücherhallen in der heiligen Stadt Köln: die Spiegel-Bestsellerliste Belletristik.

Platz 10: Marc Uwe Kling: "Qualityland"

Ein mit Esprit und formalem Einfallsreichtum erzählter politischer Roman über eine Zukunft, in der transnationale Player wie Amazon und Google den Nationalstaat abgelöst haben und ein Androide Präsident wird. Kling malt ein mögliches Morgen als endlos frustrierende Warteschleife aus, auf dass es nicht eintreten möge.

Platz 9: Maja Lunde: "Die Geschichte der Bienen"

Auch die Norwegerin Maja Lunde geht mit ihrem Roman in die Zukunft und beschreibt, wie eine Welt ohne Bienen im Jahre 2098 aussähe. Flankiert wird diese Erzählung über die Abhängigkeit des Menschen von Bienen von Familiengeschichten, die Mitte des 19. Jahrhunderts und in unserer Gegenwart spielen: hart an der Grenze zum Klischee, aber nicht ohne Reiz.

Platz 8: Lucinda Riley: "Die Perlenschwester"

Der vierte Band der Reihe um sieben Schwestern, die nach dem Tod ihres Adoptivvaters einige Hinweise zu ihrer Herkunft erhalten und auf der Suche nach ihren Familienwurzeln rund um den Globus ausschwärmen. Diesmal geht’s nach Thailand und Australien, in Wahrheit entführt uns Riley aber ins dumpfe Land der Langeweile, wo Königin Kitsch und König Konvention Seite an Seite regieren. Ein Buch peinlich, dumm und phantasielos.

Platz 7: Juli Zeh: "Leere Herzen"

Der dritte Science-Fiction-Roman auf dieser Liste. Von der deutschen Literaturkritik ist Juli Zeh für diesen Roman arg gezaust worden. Ich finde zu Unrecht. Zehs Vision einer nahen Zukunft, in der der Berlinhype durch eine Renaissance der Mittelstädte abgelöst wurde, deshalb Orte wie Braunschweig als hip gelten und eine Beratungsstelle für Suizidgefährtete in Wahrheit eine Agentur zur Anwerbung von Selbstmordattentätern ist, besitzt soziologischen Scharfsinn und satirischen Biss.

Platz 6:  Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

Eine grandiose Liebeserklärung an Europa und gleichzeitig eine blendend recherchierte Innenansicht über die Arbeit der Europäischen Kommission. Zudem einer der wenigen Romane, deren Schlusssatz "Fortsetzung folgt" nicht wie eine Drohung wirkt.

Platz 5:  Joachim Meyerhoff: "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"

Meyerhoffs Erzählwerk ist eine manische Totenbeschwörung und zugleich ein Stationendrama um Momente der Selbstfindung und Selbstverfehlung. Nie tappt Meyerhoff dabei wie etwa sein norwegischer Kollege Karl Ove Knausgård in die Falle narzisstischer Selbstbezüglichkeit – davor bewahrt ihn seine Verpflichtung gegenüber seinen Toten, die er durch sein Schreiben vor dem Vergessen retten will, und sein Witz – insbesondere in diesem vierten Band, der von ersten Bühnenerfahrungen und seinem Jonglieren mit mehreren Geliebten zwischen Bielefeld und Dortmund erzählt.

Platz 4: Ken Follett: "Das Fundament der Ewigkeit"

Die ebenso lieb- wie phantasielos heruntererzählte zweite Fortsetzung des Kathedralenwälzers "Die Säulen der Erde": geschwätzig, unnötig, platt.

Platz 3: Daniel Kehlmann: "Tyll"

Wie gerade gesagt: ein Meisterwerk! Gehört definitiv unter jeden Weihnachtsbaum!

Platz 2: Sebastian Fitzek: "Flugangst 7a"

Ein unter Flugangst leidender Psychiater soll auf einem 13-Stunden-Flug von Buenos Aires nach Berlin eine ehemalige Patientin durch Psychotricks so manipulieren, dass sie den Absturz der Maschine verursacht, sonst droht der Entführer seiner hochschwangeren Tochter, ein radikaler Veganer, an dieser ein Exempel zu statuieren. Eines muss man Sebastian Fitzek lassen: Niemand vermag so viel hanebüchenen Bullshit zwischen zwei Buchdeckel zu packen wie er.

Platz 1: Dan Brown: "Origin"

Dan Brown hetzt seinen Helden, den Symbologen Robert Langdon, von einer Touristenattraktion Spaniens zur nächsten, um den Mord an einem atheistischen Millionär aufzuklären, der im Guggenheim Museum Bilbao etwas verkünden wollte, was das Ende der Weltreligionen bedeutet hätte. Diese enorme Kulissenschieberei kann allerdings nicht vebergen, wie platt und banal bei Brown der Streit zwischen Wissenschaft und Religion geführt wird, um einen zutiefst albernen Plot um die große Weltverschwörung zu rechtfertigen. Die beste Beschreibung dieses Romans findet sich auf Seite 519 – Zitat: "eine Anhäufung von Worten, die scheinbar willkürlich verteilt auf der Fläche erscheinen, ein chaotisches Wirrwarr, das sich ständig veränderte, bis nach und nach ein kunstvolles Muster aus Phrasen entstand." Genau.

Stand: 18.12.2017 10:54 Uhr

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