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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch | Video verfügbar bis 07.05.2022

Und jetzt, aus den unendlichen Bücherhallen in der Heiligen Stadt Köln: die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. 

Platz zehn – Christian Nürnberger und Petra Gerster: "Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten"

Gleichermaßen flott wie fundiert geschrieben, richtet sich diese kurze Einführung im Lutherjahr eher an Jugendliche und Erwachsene, die noch nicht viel über den Reformator wissen. Nürnberger und Gerster ist dabei ein leichtes, aber kein leichtgewichtiges Buch gelungen.

Platz neun – Zana Ramadani: "Die verschleierte Gefahr"

Ein eher schrilles und argumentativ nicht immer überzeugendes Plädoyer für das Recht auf Leben ohne Religion aus der Feder einer als Muslimin in Ex-Jugoslawien geborenen Menschenrechtsaktivistin. Einst war sie Mitbegründerin von "Femen" Deutschland, heute ist sie – die schönsten Pointen schreibt doch immer wieder das Leben – Mitglied der CDU.

Platz acht – Yuval Noah Harari: "Homo Deus"

Der israelische Historiker Harari argumentiert in seinem schwindelerregenden Gang durch die Geschichte der Menschheit, diese habe im Zuge ihrer Selbstermächtigung Sinn gegen Macht getauscht und dabei immer neue Religionen erfunden. Dabei verzichtet Harari auf billigen Alarmismus und verleiht manchen Bedrohungen unserer Gegenwart eine wohltuende Perspektive: "Für den Durchschnittsamerikaner oder -europäer stellt Coca-Cola eine weitaus tödlichere Bedrohung dar als Al-Kaida", so Harari. Aktuell scheint Yuval Harari ein neuer religiöser Paradigmenwechsel anzustehen: der "Dataismus", der Kult um die Information, könnte zum neuen Glaubensgebäude werden. So großmäulig, provozierend und aufgepimpt manche steile Thesen des Vegetariers Hariri sind, so anregend sein Buch: Reine Gedankennahrung!

Platz sieben – Roger Willemsen: "Wer wir waren"

Im Juli 2015 hielt der viel zu früh verstorbene Roger Willemsen diese letzte Rede, in der aus der Perspektive eines Zukünftigen unsere Gegenwart kritisiert und daran erinnert, wie sehr unsere Zukunftsvorstellungen von der Vergangenheit bestimmt sind. "Das Auto hat keine Zukunft", zitiert Willemsen etwa Kaiser Wilhelm II. Im Jahr 1904: "Ich setze auf das Pferd." 

Platz sechs – Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur"

Andrea Wulf gelingt in dieser faszinierenden Lebensbeschreibung des weltreisenden Universalgenies Alexander von Humboldt, einerseits das weltreisende Universalgenie in seiner bisweilen schrulligen Kantigkeit plastisch werden zu lassen. Andererseits aber auch Brücken ins Hier und Heute zu schlagen, etwa wenn Sie Humboldt als Pionier des Hypertexts darstellt, Pionier des ökologischen Denkens und bis heute nie versiegenden Brunnen erquicklicher Erkenntnis.

Platz fünf – Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume"

Wie entsteht das Zeitgefühl in einem Baum? Wie wird der Eichelhäher, der doch die Samen von Eichen und Buchen frisst, zum Wohltäter des Waldes? Warum werden Mammutbäume in Europa nie so groß wie in den USA? Diese und viele weiteren Fragen beantwortet der Ex-Förster Peter Wohlleben so wissensprall und anschaulich, dass sein Buch über den Sehnsuchtsort der Deutschen schlechthin, den Wald, sehr viele Menschen zu Recht anspricht.

Platz vier – J.D. Vance: "Hillbilly Elegien"

J.D. Vance arbeitet heute als Fondsmanager in San Francisco, entstammt aber einer Arbeiterfamilie mit schottisch-irischen Wurzeln. Für sein Buch ist der Jurist, der nach einer Dienstzeit bei den Marines im Irak einen Studienplatz in Yale ergatterte, in das Milieu seiner Kindheit in die Appalachen zurückgereist und unternimmt eine ethnographische Expedition zu den Zukurzgekommenen, Abgehängten und Ausgegrenzten unter der weißen Bevölkerung der USA. Diese haben Donald Trump mit ihren Stimmen wegen seines Slogans "Make America Great Again"  den Weg ins Weiße Haus geebnet. Doch so atmosphärisch dicht J.D. Vance dieses Milieu des white trash auch beschreibt, fehlen diesem Autor die analytischen Instrumente der modernen Soziologie, um über bloßes Feuilleton hinauszukommen.

Platz drei – Eckhard von Hirschhausen: "Wunder wirken Wunder"

Der Autor hat sich bei mir darüber beschwert, dass ich sein Buch negativ besprochen habe, obwohl er sich doch nicht zu schade sei, "Herrschaftswissen was traditionell auf griechisch und latein verklausuliert wird, herunterzubrechen und verständlich zu machen, in der Sprache des Volkes. Das ist auch 500 Jahre nach Luther ein reformatorischer Akt." Das klingt gut, liest sich dann aber, etwa auf Seite 244, so: "Wenn Sie einmal vergessen sollten, was für ein Wunderwerk der menschliche Körper ist, können Sie sich mit einer Büroklammer daran erinnern. Biegen Sie den Draht auf und machen Sie damit einen kleinen Kratzer in Ihre Haut … Ich wette mit Ihnen, drei Tage später ist er verheilt … machen Sie jetzt mit der Beüroklammer den gleichen Kratzer ins Auto Ihres Nachbarn. Sie können jeden Tag nachschauen, ob er schon verheilt ist. Da wächst nichts zusammen." Ich stehe hier und kann nicht anders: Nur ein Wunder könnte dieses Buch retten!

Platz zwei – Robin Alexander Robin: "Die Getriebenen"

Auch wer die Kanzlerin anders beurteilt als der "Welt"-Journalist Alexander Robin wird an diesem gut geschriebenen, profund recherchierten Sachbuch über die Hintergründe der Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge Freude haben: Robin verrät nicht nur Hintergründe des Deals mit der Türkei, wie es zum Streit zwischen Seehofer und Merkel kam und welche Rolle Innenminister de Maziere und Finanzminister Schäuble dabei spielten, aus Robins Buch lässt sich entnehmen, wie in Merkels Kanzleramt Politik gemacht wird.

Platz eins – Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive: "Penguin Bloom"

Auf einer Urlaubsreise nach Thailand verunglückt die Australierin Sam Bloom schwer und bleibt querschnittsgelähmt. Ihr Mann schildert, wie eine aus dem Nest gefallene drollige australische Elster, die die Familie adoptiert, seiner Frau neuen Lebensmut gibt. Die Kalender-Weisheiten dieser Kitschfibel sind an Flachheit schwer zu übertreffen: "Lassen Sie Ihr Herz sprechen", heißt es da etwa. Ach, mir wäre es lieber, die Autoren dieses in seiner Krudheit unerträglich manipulativen Büchleins hätten öfter mal ihr Hirn sprechen lassen.

Stand: 07.05.2017 21:12 Uhr

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