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Denis Scheck kommentiert die Top Ten: Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten: Belletristik | Video verfügbar bis 24.01.2021

Platz 10

Cecelia Ahern: "Der Glasmurmelsammler" (Deutsch von Christine Strüh, Krüger Verlag,  365 S., 19,99 Euro)

Im neuen Roman der Kitschmeisterin Cecilia Ahern, die sich offenbar als Teil der irischen Tourismusindustrie versteht, findet eine Tochter nach dem Schlaganfall ihres Vaters heraus, dass dieser jahrzehntelang ein Doppelleben führte, unter dem Namen seines früh verstorbenen Bruders – ein weltberühmter Murmelspieler – und die wertvollsten Stücke seiner Murmelsammlung nun fehlen. "To lose ones marbles", seine Murmeln verlieren, ist im Englischen eine schöne Redewendung für die Einbuße jeglicher Verstandesfähigkeiten. Sagen wir so: Hier hat ein Stoff zweifellos die ihm adäquate Autorin gefunden.

Platz 9

Donna Leon: "Endlich mein" (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes, 307 S., 24,00 Euro)

Die Idee zu Commissario Brunetti kam Donna Leon während einer Opernaufführung. Im neuen Fall kehrt Brunetti zurück ins "La Fenice", wo "Tosca" auf dem Spielplan steht und ein Stalker eine weltberühmte Sopranistin bedroht. Die Wahrheit über "La Fenice" und den kurzweiligen neuen Brunetti äußert im Roman Brunettis Schwiegervater, wenn er sagt: "Ich glaube, mit 'La Fenice' verhält es sich wie mit einem Cousin, der auf die schiefe Bahn geraten ist… Was er auch anstellt und wie viel er gestohlen haben mag, man erinnert sich immer daran, wie reizend er in früheren Jahren war und was für schöne Zeiten man mit ihm und seinen Freunden in der Jugend verbracht hat."

Platz 8

David Safier: "Mieses Karma hoch 2" (Kindler, 313 S., 18,95 Euro)

David Safier erzählt in seiner Fortsetzung von "Mieses Karma" von einer untalentierten Serienschauspielerin und einem internationalen Kinostar, die in Gestalt von Ameisen, Goldfischen, Störchen und Schnecken wiedergeboren werden. Ein ideenloses, langweiliges Eigenplagiat – und ein Fall für den literarischen Tierschutz.

Platz 7 

Kerstin Gier: "Silber – Das dritte Buch der Träume" (Fischer FJB, 464 S., 19,99 Euro)

Auch wenn Kerstin Gier diesen Schlussband ihrer Jugendbuch-Trilogie um die pubertierende Liv Silber und ihren Freund Henry mit viel Zeitgeist-Themen wie erstem Sex, anonym verfassten Blogs und einer von mehreren Träumenden geteilten Traumwelt aufpimpt, bleibt es doch letztlich eine banale Hanni-und-Nanni-Geschichte, für die Sätze repräsentativ sind wie: "Wie sollen wir denn die Welt retten und dabei gleichzeitig unsere Abschlussprüfungen machen?"

Platz 6

Sebastian Fitzek: "Das Joshua-Profil" (Bastei Lübbe, 430 S., 19,99 Euro)

Ein Gewaltporno um einen Schriftsteller, der Opfer einer Verschwörung wird: sprachlich auf dem Niveau eines Heftchenromans, intellektuell weit darunter. Unliterarisch, indiskutabel.

Platz 5 

Martin Walser: "Ein sterbender Mann" (Rowohlt, 287 S., 19,95 Euro)

Im neuen Walser geht es um Liebe und Verrat, um Männerfreundschaften und Abhängigkeitsverhältnisse, um Tango und Suizidforen, also um viele Themen, die man aus dem Walserschen Romankosmos schon kennt und um einige, die völlig neu sind. "Das Altsein ist eine Heuchelei vor Jüngeren", lässt Walser seine Hauptfigur notieren. "Man ist alt, das stimmt. Aber man hat keine anderen Wünsche oder Absichten als jemand, der zwanzig Jahre jünger ist. Der Unterschied: Man muss jetzt so tun, als hätte man ganz andere Wünsche und ganz andere Absichten als ein Fünfundvierzigjähriger." Ein großer literarischer Jux. Ein Buch, das existentiell zu erschüttern vermag, und: eine virtuose Sprachoper.

Tipp:

 

Platz 4

Joachim Meyerhoff: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (Kiepenheuer & Witsch, 348 S., 21,99 Euro)

Nach dem Unfalltod seines Bruders gerät der Ich-Erzähler an einen Platz auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule, beschäftigt sich damit, Effi Briests gehörnten Ehemann als Nilpferd darzustellen und nimmt dreieinhalb Jahre Quartier bei seinen Großeltern, zwei fidelen Vollalkoholikern. Während er denken, spielen und leben lernt, greift der Tod nach seinem Vater und nach den skurrilen Großeltern. Meyerhoffs autobiographischer Romanzyklus zählt zum Aufregendsten und Intelligentesten, was heute in deutscher Sprache geschrieben wird.

Platz 3

Camilla Läckberg: "Die Schneelöwin" (Deutsch von Katrin Frey, List, 438 S., 19,99 Euro)

Camilla Läckberg gilt als der nächste Star des schwedischen Krimiwunders. Nach diesem wirren, ebenso geist- wie seelenlosen Retortenbaby von einem Roman um fünf vermisste Mädchen in Südschweden ist mir das ein Rätsel. Die auf abgenutzte Schockeffekte und Cliffhanger setzende Dramaturgie wird Opfer einer Sprache, die nur aus Schablonen besteht und Sätze hervorbringt wie: "Eiskalter Hass brannte in ihr, und sie tat, was sie tun musste." Ich auch.

Platz 2

Dörte Hansen: "Altes Land" (Knaus,  287 S., 19,99 Euro)

Ein souverän und gelassen erzähltes Buch über Ostpreußen und das Alte Land, die neue Sehnsucht nach dem Landleben und das alte Bedürfnis nach Heimat sowie das bis heute nachwirkende Trauma der Vertreibung.

Platz 1

Jojo Moyes: "Ein ganz neues Leben" (Wunderlich, 521 S., 19,95 Euro)

Band zwei der Love-Story um Lou und Will, von der Jojo Moyes in "Ein ganzes halbes Jahr" erzählt hat und die mit dem Tod von Will im Alter von 35 Jahren nach – erraten – einem halben Jahr endete, lässt uns Leser daran teilhaben, wie Louisa sich als Thekenkraft am Flughafen durchschlägt, in eine neue Beziehung mit einem Rettungssanitäter namens Sam stolpert und schließlich in die USA geht. Moyes Fortsetzung ist genau so quälend sentimental, selbstmitleidig und unverschämt manipulativ wie Band eins, sonst aber in jeder Hinsicht schlechter.

Stand: 25.01.2016 15:35 Uhr