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Top Ten: Belletristik

Top Ten: Belletristik | Video verfügbar bis 03.09.2022

Und jetzt, aus den unermeßlichen Bücherhallen in der Heiligen Stadt Köln: die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Belletristik.

Platz zehn: Sebastian Fitzek: "Das Paket"

Bedrückenderes als diese dumpfe "Geil-auf-Gewalt"-Prosa lässt sich auf der Bestsellerliste schwerlich finden: Fitzeks Roman um eine vergewaltigte Psychiaterin in Berlin markiert einen Tiefpunkt. Gut möglich, dass die Skala der Geschmacklosigkeit ein neues Eichmaß besitzt: ich schlage vor, ein Fitzek definiert die größte Menge an Zumutungen pro Seite.

Platz 9: Jussi Adler-Olsen: "Selfies"

Ärgerlich und schwach ist auch der siebte Fall um die Ermittler vom Sonderdezernat Q in Kopenhagen – wenn auch, das muss ich der Fairness halber sagen, nicht ganz so ärgerlich und schwach wie Fitzeks Gewaltporno. Diesmal geht Jussi Adler-Olsen in seiner Geschichte um einen Nazi-Großvater und hirnlose Blondinen, die sich einen lauen Lenz mit Hilfe des Sozialamts machen, so in die Vollen des Klischees, dass sich dieses espritlos runtergeschriebene Buch liest wie eine  "Lindenstraße"-Folge der Hölle.

Platz acht: Viet Than Nguyen: "Der Sympathisant"

"Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern." So beginnt dieser rasant erzählte Roman von dem aus Vietnam stammenden US-Amerikaner Viet Than Nguyen. Es geht um einen Geheimagenten in Diensten der Kommunisten, der auf einen südvietnamesischen General angesetzt ist und diesen nach dem Ende des Vietnamkriegs in sein kalifornisches Exil begleitet. Der größte literarische Lichtblick auf dieser Liste – und Anlaß zu einer provozierenden Frage: Gibt es in der riesigen US-amerikanischen Literatur zum Zweiten Weltkrieg eigentlich einen einzigen Roman, dem eine halbwegs adäquate Darstellung der deutschen Perspekive gelingt? Ich fürchte nicht.

Platz sieben: Ingrid Noll: "Halali"

Als die Bonner Republik noch in den Kinderschuhen steckte und in Bonn-Bad Godesberg Herrenbesuch bei möbliert wohnenden Damen genau so undenkbar war wie die Anerkennung der Sowjetzone genannten DDR, war auch Ingrid Noll einmal jung. Der aktuelle Krimi der mittlerweile 81-Jährigen lebt von seinem kuscheligen Retrocharme, der genauen Beobachtungsgabe seiner Autorin – und einer geschickt gewählten Erzählsituation. Natürlich ist dieses Buch wahnsinnig bieder. Dennoch hatte ich überraschend große Freude am entschleunigten Miss-Marple-Charme dieses Krimis, der souveränen Gebrauch von der rheinischen Mundart macht.

Platz sechs: Arundhati Roy: "Das Ministerium des äußersten Glücks"

Eine Frau im Körper eines Mannes, eine Frau mit drei Männern, die Geschichte Indiens und die Geschichte des Kaschmir-Konflikts:  in weniger talentierten Händen hätte daraus böser Kitsch werden können. Arundhati Roy gelingt das Kunststück, aus diesem komplexen Material einen ebenso emotional bewegenden wie politisch engagierten Roman zu schmieden.

Platz fünf: Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"

Magischer Realismus in einem Dorf im Westerwald: Mariana Leky erzählt für meinen Geschmack manchmal etwas zu süßlich und zu gesucht poetisierend, aber dann versöhnt die frisch verliebte Ich-Erzählerin wieder durch den Humor von Sätzen wie: "Hier war ich, obwohl ich fast überhaupt nichts sehen konnte, mitten im Hier und Jetzt statt wie sonst im Wenn und Aber, und ich nahm Frederiks Hand, und dann krachte es sehr laut, und ich war sicher, dass das ein Band war, ein Band, das von meinem Herzen sprang, aber es war der Hubkolben."

Platz vier:  Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin"

Was mich an Elena Ferrantes Romanen um die unterschiedlichen Lebenswege zweier Freundinnen aus einem armen Stadtviertel Neapels betört und begeistert, ist die enorme Sinnlichkeit mit der Ferrante erzählt. In "Meine geniale Freundin" steht auf Seite 265 der Satz: "Ich erlebte, was sich in meinem Leben noch oft wiederholen sollte: die Freude am Neuen." Genau diese Freude löst Ferrantes Romanquartett in mir als Leser aus.

Platz drei: Carmen Korn: "Zeiten des Aufbruchs"

Band zwei einer Romantrilogie um die Freundinnen Henny, Ida, Käthe und Lina, die aus demselben Hamburger Stadtteil Uhlenhorst stammen und an deren Lebenslinien entlang Carmen Korn die deutsche Nachkriegsgeschichte vom Wirtschaftswunder bis zur Mondlandung erzählt. Solide Unterhaltung. Zu großer Literatur verhält sich dieses Werk aber wie der im Roman erwähnte Muckefuck zu echtem Bohnenkaffee. 

Platz zwei: Karin Slaughter: "Die gute Tochter"

Genüßlich beschriebene Gewaltexzesse bestimmen diesen dumpfen Thriller mit einer absurden Handlung um einen 28 Jahre zurückliegenden Mord an der Mutter zweier Schwestern und einem vermeintlichen Amoklauf an einer Schule. Einen guten Eindruck von den stilistischen Fähigkeiten der Autorin vermittelt diese Passage: "Ihre Lunge stand kurz vor dem Kollaps. Punkt. Sie konnte nicht länger den Atem anhalten. Punkt. Sie konnte nicht mehr kämpfen. Punkt. Sie war müde. Punkt. Sie war allein. Punkt. Ihre Mutter war tot. Punkt. Ihre Schwester war fort. Punkt." Ich wünsche Karin Slaughter alles Gute fürs neue Schuljahr in der dritten Klasse.

Platz eins: Maja Lunde: "Die Geschichte der Bienen"

In drei miteinander verschränkten Geschichten erzählt die dänische Autorin Maja Lunde über eine Welt mit und ohne Bienen aus drei Jahrhunderten: eine spielt im 19. Jahrhundert in Großbritannien, eine in unserer Gegenwart in Ohio, eine in der Zukunft in China. Allen dreien gemeinsam ist einerseits eine große Anschaulichkeit, andererseits ein moralisierender Oberton. Bleibt die Frage: hätte diese Autorin auch einen Roman über Bienen geschrieben, wenn sie nicht mit Vornamen Maja hieße? 

Stand: 05.09.2017 08:31 Uhr

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