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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch | Video verfügbar bis 28.01.2023 | Bild[1]: DasErste.de

Und jetzt aus den unendlichen Bücherhallen in der Heiligen Stadt Köln: die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch.

Platz 10: Gregor Gysi: "Ein Leben ist zu wenig"

Die Lebensgeschichte des Rechtsanwalts und Politikers aus privilegiertem SED-Parteiadel fasziniert – nicht zuletzt aufgrund von Einsichten wie dieser, in der sich Gysis mit Gerhard Schröder vergleicht: "Schröder meint, dass sozial Schwache sehr viel schaffen können, wenn sie wollen ... – er selber kann sich als gelungenes Beispiel fühlen. Ich dagegen zweifle daran, unter anderen als meinen Bedingungen das erreicht zu haben, was ich jetzt mein Leben nenne. Ich bezweifle ebenfalls, dass ich so eine Kraft wie Schröder hätte entwickeln können." Solche Gedankenspiele bilden die Basis einer politischen Überzeugung – und von Literatur.

Platz 9: Eckart von Hirschhausen: "Wunder wirken Wunder"

Lachen ist die beste Medizin … Um diese These zu überprüfen, schlägt Eckart von Hirschhausen vor, sich zweimal mit dem Hammer auf den eigenen Daumen zu schlagen, einmal allein und einmal in Gesellschaft. "Allein tut es lange weh", schreibt Hirschhausen. "In Gesellschaft muss man über sein Missgeschick lachen und der Schmerz läßt nach." Ich habe das überprüft und kann bestätigen: in Gesellschaft läßt auch der Schmerz dieses Buches nach.

Platz 8: Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume" und Platz 7 vom selben Autor: "Das geheime Netzwerk der Natur"

Immer mehr Menschen verstehen unter Natur einen Parkplatz ohne Streifen. Das liegt daran, dass wir zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen und zu wenig Zeit in der Natur, vor der wir uns deshalb fürchten und nach der wir gleichzeitig große Sehnsucht entwickeln. Diese Ängste und Sehnsüchte weiß der Exförster Wohlleben mit seinen informationsträchtigen Büchern zu bedienen, keineswegs Flachwurzeln, sondern tief im ökologischen Wissen verankerte Pfahlwurzler des Sachbuchs – ein Unterschied, der wie Sturmtief Friederike gerade gelehrt hat, alles entscheidend sein kann.

Platz 6: Erling Kagge: "Stille"      

Seit der große Robert Gernhardt sein elftes Gebot erlassen hat – "Du sollst nicht lärmen!" – wissen wir, dass Stille eine Ressource ist genauso kostbar wie Wasser. Der norwegische Naturbursche Erling Kagge ist auf den Mount Everest gekraxelt und zum Nord- und Südpol getapert, Erling Kagge ist aber auch ein Intellektueller, zudem Jurist und Verleger und weiß, wie man Bücher verkauft. In seinem anregenden Essay über die Bedeutung der Stille denkt er darüber nach, was es bedeutet, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Goldfischen inzwischen länger ist als die von uns Menschen und schildert, was er auf seinen Extremtouren gelernt hat: "Die größte Herausforderung besteht darin, morgens bei minus fünfzig Grad aufzustehen. Heute genauso wie zu Zeiten von Roald Amundsen und Robert Scott. Die zweitgrößte? Mit sich im Reinen zu sein."

Platz 5: Ranga Yogeshwar: "Nächste Ausfahrt Zukunft"

In diesem Buch analysiert Ranga Yogeshwar nicht nur, wie heutige und kommende Technologien unser Leben verändern werden, sondern wirft erfreulicherweise auch immer wieder mal einen Blick in den Rückspiegel. "Als meine Eltern 1957 heirateten, war das für viele eine Irritation", schreibt Yogeshwar. "Zu diesem Zeitpunkt waren Mischehen zum Beispiel in vielen Bundesstaaten der USA noch gesetzlich verboten. Ein Inder und eine Luxemburgerin, das konnte nicht gut gehen!" Es ist aber gut gegangen – sehr gut sogar, und hat zu diesem klugen Buch über die Folgen der Digitalisierung und echten Fortschritt geführt.

Platz 4: Michael Wolff: "Fire and Fury"

Dieses Buch packt uns Leser am Schlafittchen und zerrt uns in ein Weißes Haus, in dem ein unentwegter Kleinkrieg zwischen ehrgeizigen Beratern und Trumps Verwandten herrscht. Die Stärke dieses Enthüllungsbuchs sind seine Quellen: Michael Wolff ist sehr tief in den engsten Zirkel von Donald Trump im Weißen Haus vorgedrungen. Dort traf er – wer hätte es gedacht – auf eine bedrückende intellektuelle Leere und auf einen alten Mann, der zu viel Zeit vor den drei Fernsehern verbringt, die er in seinem Schlafzimmer hat einbauen lassen, am liebsten unentwegt Golf spielen würde und zu viel Fast Food isst. Mit anderen Worten, auf einen Amerikaner wie im Comicbuch.

Platz 3: Gerhard Wisnewski: "verheimlicht – vertuscht – vergessen 2018"

Hat man sich von Rationalität, Begründungspflicht und Argumentationszwang erst mal verabschiedet, wie es der berüchtigte Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski in diesem wirren Kompendium "alternativer Fakten" praktiziert, ist die Welt ein einziger Hexenkessel. Emanuel Macron feiert Sadomaso-Satanistenfeiern im Louvre, hinter dem Serienkiller von Las Vegas stecken die Freimaurer und Angela Merkel ist eine Wiedergängerin Mao Tse Tungs. Zitat Wisnewskis: "Selbst Merkels unvermeidlicher Hosenanzug erinnert in seinem schnörkellosen und eleganzfreien Stil an die triste Parteikleidung Chinas." Gemessen an dem in jeder Hinsicht schäbigen Lumpenlook dieses Buches sind sowohl Merkel wie Mao strahlende Modeikonen.

Platz 2: Axel Hacke: "Über den Anstand in schwierigen Zeiten"

In seinem unnachahmlich unaufgeregten Stil erinnert Axel Hacke an ein paar fundamentale politische Wahrheiten – zum Beispiel, warum es gut ist, von Eliten regiert zu werden – und prangert die Verwahrlosung unseres Umgangs miteinander an. Eine überfällige Moralpredigt.

Platz 1: Rolf Dobelli: "Die Kunst des guten Lebens"

Die Bücher des Schweizers Rolf Dobelli machen nicht nur klüger, sondern tatsächlich glücklicher. Das liegt an seinen angenehm lebensnahen und dafür umso profunderen Ratschlägen, zum Beispiel, die Rolle des Zufalls für unser Leben anzuerkennen und dass wir uns unsere Eltern und damit unser genetisches Erbe, unsere Herkunft und unsere Bildungschancen eben nicht aussuchen können. Dieses Wissen macht demütig, klug – und glücklich.

Stand: 28.01.2018 23:35 Uhr

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