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Der IS in Deutschland

Der IS in Deutschland | Video verfügbar bis 13.08.2018

Der kurdisch-irakische Journalist Masoud Aqil ist vor drei Jahren von IS-Terroristen gekidnappt worden, mehr als 200 Tage lang wurde er in den IS-Gefängnissen bedroht und gefoltert. Nach seiner Freilassung gelang ihm die Flucht. Er ist nach Deutschland gekommen, wo ihn - wie er sagt – die Anhänger des IS wiederum einholten. Nun hat er ein Buch geschrieben – "Mitten unter uns – Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Europa einholte" – ein leidenschaftliches Plädoyer für einen anderen Umgang mit der Flüchtlingspolitik. 

Masoud Aqil überlebt die IS-Gefangenschaft

Nordsyrien, in der Nähe der umkämpften Stadt Rakka. Im Dezember 2014 fahren zwei kurdische Reporter im Auto zur Arbeit. Auf einer Landstraße werden sie von maskierten IS-Terroristen angehalten und verschleppt. Masoud Aqil ist einer der beiden. Er hat die Gefangenschaft überlebt. Über 280 Tage war er in den Händen der Extremisten. "Sie schrien, dass sie uns auf einem öffentlichen Platz enthaupten würden. Das war der härteste Moment, als sie die Messer auf unsere Nacken setzten. Später, nach hundert Tagen Gefangenschaft, war ich an diese Drohungen gewöhnt. Es gehört zur IS-Ideologie, unentwegt grundlos zu drohen.",sagt Aqil im Interview.

Über 280 Tage im IS-Gefängnis

Masoud Aqil in IS-Gefangenschaft
Masoud Aqil in IS-Gefangenschaft

Ein Bild nach 150 Tagen Haft. Masoud Aqil wird gefoltert, von Gefängnis zu Gefängnis verlegt. Wenn er nicht in Einzelhaft ist, schläft er zusammengepfercht mit anderen, darunter IS-Häftlinge, die wegen kleinerer Scharia-Verstöße inhaftiert wurden. Anders als in der IS-Propaganda offenbaren sie sich in der Gefängniswirklichkeit als schwache, psychisch labile Personen. Nach Masoud Aqil  versuchen sie die ganze Zeit wie in den Videos zu sein. Aber so sind sie nicht. Sie leben im Chaos, sind nicht organisiert.  "Wir waren die ganze Zeit zusammen in einer Zelle, manchmal auch ein einzelnes IS-Mitglied und ich. Ich betrachte sie als vereinzelte Gangster, eine Art islamisch-radikale Mafia. Jedes Nichts kann in dieser Mafia eine Rolle für sich finden.", so der kurdisch-irakische Journalist weiter.

Aqil kommt nach neun Monaten frei

Für ihn völlig unerwartet: Nach neun Monaten kommt er dank eines Gefangenenaustausches frei. Doch die Freiheit macht ihn nicht glücklich. Sein Kollege Farhad Hamo ist bis heute verschollen. Andere Mitgefangene erkennt er auf Propagandabildern von Hinrichtungen wieder. "Ich trage sie immer mit mir herum, erinnere mich manchmal an Worte, die wir gesprochen haben. Ich erinnere mich an die letzten Momente mit ihnen zusammen. Ich sehe ihre Augen vor mir, bevor sie vom IS getötet wurden. Diese Dinge mit mir herumzutragen, ist schwer, aber was kann ich tun?", erzählt Aqil fragend im Interview.

Wie gefährlich ist der IS in Deutschland?

Masoud Aqil beobachtet die Gefährder im Internet
Masoud Aqil beobachtet die Gefährder im Internet

Im Winter 2015 flieht Masoud Aqil mit seiner Mutter nach Deutschland. Heute lebt er mit ihr in einer kleinen Mietswohnung in einer norddeutschen Stadt und lernt Deutsch. Ein Berliner Verlag wird auf ihn aufmerksam. Zusammen mit Autor Peter Köpf schreibt er seine Geschichte auf. In seinem Buch geht es ihm nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Frage: Wie gefährlich ist der IS in Deutschland? Und warum schließen sich junge Menschen dem IS an? Was ihn im deutschen Asyl schockiert: dass er auf Facebook und Twitter IS-Terroristen aus Syrien wieder entdeckt, die mittlerweile hier leben. Offensichtlich sind sie, wie er als Flüchtlinge eingereist. Masoud Aqil warnt eindringlich vor ihren Aktivitäten: "Diese jungen Leute sind idiotische kriminelle Verrückte. Wenn sie gefangen genommen werden, sagen sie immer, dass sie alles bereuen, blablabla. Ich glaube ihnen kein Wort. Ich kenne die IS-Einstellung. Lügen im Namen der Religion sind für sie etwas Gutes, um das eigene Leben zu retten. Diese radikalen Organisationen nutzen unsere Toleranz aus, um ihr Gift in der Gesellschaft zu verbreiten."

Das Buch "Mitten unter uns" lebt von der starken Haltung Aqils

Masoud Aqil in Freiheit
Masoud Aqil in Freiheit

Masoud Aqil hat sich selbst an die deutschen Behörden gewandt, ihnen seine Erkenntnisse über islamistische Gefährder weitergegeben. Er will, dass die anderen Flüchtlinge es ihm gleichtun. Von allen Muslimen wünscht er sich eine mutige, offene Abgrenzung gegen die Radikalen. Diese Haltung macht Masoud Aqils Buch so stark. Es leitet aus seiner bewegenden Geschichte eine echte Botschaft ab. Er sagt, wir dürfen die Islamisten nicht zu Medienhelden machen, müssen ihnen stattdessen selbstbewusst entgegentreten.

Autor: Norbert Kron

Stand: 13.08.2017 22:20 Uhr

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