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Dokfilm "trust WHO" – wie krank ist die Weltgesundheitsorganisation?

Pandemien, Umweltkatastrophen, medizinische Ausnahmezustände. Wann immer die globale Gesundheit in Gefahr scheint, ist sie für uns da: die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO. "Eine universelle Gesundheitsversorgung ist das wichtigste Konzept des öffentlichen Gesundheitswesens", betonte die ehemalige Generaldirektorin der WHO, Magaret Chan, immer wieder, und versprach: "Wir lassen die Menschen nicht im Stich!" Beruhigende Worte. In einem beunruhigenden Film. "trustWHO" zeigt: Die Weltgesundheitsorganisation steckt in der Krise.

Können wir der WHO überhaupt vertrauen?

Nicht nur Journalisten und Aktivisten erheben Vorwürfe gegen die Organisation, sondern auch ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Weltgesundheitsorganisation sei in Vertuschungen auf höchster Ebene involviert, ihr fehle Geld, Führungskraft und der Mut zu sagen: "Packen wir's an".

"Die WHO setzt Normen und Richtlinien, nach denen sich viele Regierungen auf der Welt richten", sagt Regisseurin Lilian Franck. "Sie sind entscheidend und beeinflussen unseren Alltag mehr als wir denken. Wenn ich zum Arzt gehe, welches Medikament der Kinderarzt verschreibt, welche Impfung der gibt, all das ist von der WHO beeinflusst."

Trailer: "trustWHO"

Die WHO beeinflusst unseren Alltag mehr als wir denken

Lilian Franck ist Filmemacherin und, wie sie im Film betont, Mutter. Weil sie möchte, dass ihre Kinder unter guten Bedingungen aufwachsen, macht sie sich auf zum Hauptsitz der Weltgesundheitsorganisation nach Genf. Sie will wissen: Was steckt hinter der WHO und wie funktioniert sie?

Der Film begleitet sie tief hinein ins Herz einer UN-Organisation, deren höchstes Ziel nobler eigentlich nicht sein könnte: ein gesundes Leben für alle. Sie spricht mit Aktivisten, Whistleblowern, konfrontiert Mitarbeiter der Behörde mit ihren Recherchen. Und steht schließlich vor der Frage: Können wir der Weltgesundheitsorganisation überhaupt vertrauen?

"Ganz am Anfang dachte ich, die WHO ist eine öffentliche Organisation, die ist objektiv", erzählt sie. "Dann habe ich im Lauf der Arbeit an dem Film immer mehr rausgefunden, dass sie so vermeintlich objektiv gar nicht ist, sondern stark unter dem Einfluss von bestimmten Industrien steht in bestimmten Themenbereichen."

"Wahrscheinlich hatten Sie gar keine Schweinegrippe"

2009 geistert ein Gespenst durch die Medien. Sein Name: H1N1, Schweinegrippe. In den Nachrichten heißt es: Laut WHO könnten zwei Milliarden Menschen weltweit vom Virus betroffen sein. Die Welt gerät in Hysterie.

Doch nur einige Wochen später folgt die große Überraschung. US-Nachrichten vermelden: "Wenn Sie in den vergangenen Monaten mit dem Verdacht auf Schweinegrippe diagnostiziert worden sind, werden Sie sich vielleicht wundern: Wahrscheinlich hatten Sie gar keine Schweinegrippe, wahrscheinlich hatten sie noch nicht einmal eine normale Grippe." Am Ende sterben weniger Menschen an H1N1 als an normaler Grippe. Die Pandemie, ausgerufen durch die Weltgesundheitsorganisation, ein Schwindel?

"Bei der Schweinegrippe hat mich am meisten schockiert, dass die WHO viele Experten zu Rate gezogen hat, die gleichzeitig die Pharmaindustrie beraten" erzählt die Regisseurin. "Da gab es Experten mit Interessenkonflikten, die da in wichtigen Gremien waren, die dort Entscheidungen gefällt haben, wie die Ausrufung des Pandemiezustandes in der höchsten Stufe."

Braunhaarige Frau im Interview
Regisseurin Lilian Franck im "ttt"-Interview | Bild: ARD / ttt

Die Weltgesundheitsorganisation – eine Erfüllungsgehilfin der Industrie?

Der Film erzählt davon, wie Staaten, unter ihnen Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien, vor der Schweinegrippe Geheimverträge mit Pharmaunternehmen abschließen und sich verpflichten, Schweinegrippeimpfstoffe einzukaufen. Aber erst dann, wenn die WHO die Pandemiestufe 6 erklärt.

Wolfgang Wodarg, ehemaliger Abgeordneter im Europarat, erinnert sich: "Glaxo, Novartis, Sanofi – alle hatten sie diese Impfstoffe in neuen Produktionsanlagen für die Pandemie bereitgestellt: Alle hatten sie Verträge mit Nationalstaaten gemacht und dadurch, dass sie so viel investiert hatten und die Impfstoffe nicht verkaufen konnten, weil keine Pandemie kam und die nächste Grippe nicht in Sicht  war, haben sie eben eine gemacht."

Die Weltgesundheitsorganisation als Erfüllungsgehilfe der Pharmaindustrie. Lilian Francks Film versucht die Behörde nicht zu verteufeln. Er stellt vielmehr die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Und schaut dafür weit in die Entstehungsgeschichte der WHO zurück.

Siebzig Prozent der Gelder kommen aus privater Hand

1948 von 61 Staaten gegründet ist die WHO die einzige Organisation ihrer Art. Sie verzeichnet immense Erfolge in der Bekämpfung von Volkskrankheiten, wie Pocken oder Polio. Doch mit der Zeit schwinden Macht und Unabhängigkeit. Der Grund: Der WHO fehlt es an Geld. "Als die WHO gegründet wurde", so Lilian Franck, "wurde sie zu hundert Prozent aus den Beiträgen ihrer Mitgliedsstaaten finanziert. Heute machen diese Mitgliedsbeiträge nur noch 30 Prozent des WHO-Jahresbudgets aus."

Die übrigen 70 Prozent sind projektgebunden, kommen zu erheblichen Teilen aus privater Hand: aus Stiftungen und der Industrie. Die finanzielle Abhängigkeit macht die WHO empfänglich für Wirtschaftsinteressen und Lobbyarbeit. Man trifft sich auf üppigen Empfängen, organisiert von den Konzernen selbst – ein System wie geschaffen für Korruption.

Im Film findet diese Entwicklung ihren perversen Höhepunkt im japanischen Fukushima, kurz nach dem Atomunglück 2011. Weil die WHO es nicht einfordert, verzichtet man, trotz erhöhter Werte, auf die Vergabe von Jodtabletten zur Vorbeugung von radioaktiver Strahlung. Gesundheitliche Schäden, heißt es, würden kaum erkennbar sein. Die steigende Zahl an Schilddrüsenkrebs bei Kindern im Gebiet spricht eine andere Sprache.

Szene aus dem Film "Trust WHO"
Szene aus dem Film "Trust WHO" | Bild: realfictionfilme / realfictionfilme

Verharmlosung der Atomkatastrophe in Fukushima

"Auf dem WHO-Bericht über die Auswirkungen von Fukushima, steht ganz fett drauf, dass es sich dabei um einen Bericht der WHO handle", so Franck. "Wenn man aber genauer schaut, welche Experten ihn verfasst haben, sieht man, dass ein Drittel der Experten von der Internationalen Atomenergie-Agentur sind."

Der Vorwurf: Die Vertuschung einer Atomkatastrophe, eine Verstrickung von Atomlobby, japanischer Regierung und WHO. Mit ihren Erkenntnissen konfrontiert sie die Behörde und den Pressesprecher der WHO, Gregory Hartl. Angesprochen auf die eigenen WHO-Richtlinien, die eine Jod-Einnahme innerhalb von sechs Stunden nach einem nuklearen Unfall Jod empfiehlt, möchte der lieber das Thema wechseln: "Ich bin wirklich der Meinung, Sie verschwenden Ihre Zeit damit."

Im Zuge ihrer Recherchen erlebt Lilian Franck eine Weltgesundheitsorganisation, die es gelernt hat, Vorwürfen konsequent aus dem Weg zu gehen. Die vielleicht noch immer noble Absichten hat, aber schon lange nicht mehr in der Lage ist, diese auch zu verfolgen. Nur: Wenn wir nicht mal mehr der WHO vertrauen können, wem dann? Auch davon erzählt "trustWHO", dessen zweideutiger Titel nicht umsonst genau auf diese Frage anspielt.

Angaben zum Film: "trustWHO", Regie: Lilian Franck, Kinostart: 1. März 2018

Autor: Marcus Fitsch

Stand: 26.02.2018 11:23 Uhr

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