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"Mein Bruder Che" - Der Mensch hinter dem Mythos

Neue Biografie

PlayEin schwarz-weiß Bild von Che Guevara.
"Che" - Der Mensch hinter dem Mythos | Video verfügbar bis 08.05.2018

Alles scheint gesagt über den Revolutionär Ernesto "Che" Guevara, der nach seinem Tod zur mythischen Gestalt verklärt wurde. Jetzt, zu seinem 50. Todestag, hat Ernestos fünfzehn Jahre jüngerer Bruder Juan Martín Guevara eine neue Biografie veröffentlicht.

Che Guevara im Januar 1965
Che Guevara im Januar 1965

Er war ein lebhafter Junge. Immer in Bewegung, trotz seiner Asthma-Erkrankung: Ernesto Rafael Guevara de la Serna. Von der Mutter zärtlich "Ernestito" genannt, das älteste von fünf Geschwistern. Private Filmaufnahmen der Familie zeigen einen ausgelassenen Jungen, aus dem ein Held der Revolution hervorging, eine globale Ikone.

"Der Mythos ist unzerstörbar"

Längst ist der Mythos um Che Gueara überlebensgroß. Der Mensch dahinter: kaum sichtbar. Juan Martín, der jüngere Bruder, will das nicht hinnehmen. Fünfzig Jahre nach dessen Tod hat er ein Buch über ihn – über seinen Che.

"Der Mythos ist unzerstörbar", sagt er. "Man kann nur eines machen: Ihn mit Leben füllen, dem Bild wieder einen Inhalt geben, mit menschlichen Charakterzügen, mit Politik, mit Wissen. Deshalb habe ich das Buch geschrieben und deshalb bin ich auch hier: um darüber zu sprechen."

"Man brachte uns bei, Haltung zu zeigen"

Der fünfzehn Jahre jüngere Juan Martin, heute dreiundsiebzig, schildert in "Mein Bruder Che" die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie in Buenos Aires. Die Eltern: großbürgerlich, exzentrisch, Bohemiens. Der Vater als Geschäftsmann öfter mal bankrott. Die Mutter mit kurzem Haarschnitt fuhr selbst Auto – vernarrt in den Ältesten, den sie später immer vermissen wird. Die Guevaras, so erzählt der Bruder, lebten frei wie die Vögel in der Luft, müssen sich an keine Zeiten halten. "Wir haben einen schlechten Ruf", sagte die Mutter gern, "aber wir machen uns nichts draus."

Juan Martin Guevara, Ches jüngerer Bruder im "ttt"-Interview - ein älterer Herr mit Brille und Schnauzer
Juan Martin Guevara, Ches jüngerer Bruder im "ttt"-Interview

"Man brachte uns bei, Haltung zu zeigen und auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn wir von einer Sache überzeugt waren", sagt Juan Martín Guevara. "Wir sollten unseren eigenen Weg gehen. Ernesto nahm sich das besonders zu Herzen. Er suchte immer nach einem Weg, den alle Leute gehen konnten."

Che, der Bruder, der große Comandante

Sicher schwingt in Juan Martíns Worten Bewunderung mit für den großen Bruder, der stets zu Ende brachte, was er sich vorgenommen hatte. Und der kein Risiko scheute, weder bei seinen Reisen durch Südamerika, noch als er sich Fidel Castros revolutionärer Bewegung zur Befreiung Kubas anschloss.

Immer wieder trafen in Buenos Aires Nachrichten vom Tod Ernestos ein - die sich zum Glück als falsch erwiesen. Im Januar 1959, nach dem Sieg der Revolution, reist die ganze Familie zur Siegesfeier an. Mit dabei natürlich auch Juan. Aus seinem Bruder ist ein Revolutionsführer geworden: Comandante Che Guevara.   

"Dort anzukommen und den Comandante zu treffen, die bewegten Menschen zu erleben, die Aufbruchsstimmung – das bleibt unvergesslich. Wenn ich die Fotos anschaue, bekomme ich heute noch Gänsehaut. Es war sehr bewegend für uns. Wirklich sehr stark", einnert sich Ches kleiner Bruder. 

Der Traum vom "neuen Menschen"

Als Industrieminister will Che Guevara Kuba umbauen, die Ausbeutung der Landarbeiter beenden, Ungleichheit abschaffen. Sein Ideal: der "neue Mensch", der freiwillige Arbeit leistet zum Wohl der Gemeinschaft. Wie er selbst. Aus Briefen erfährt die Familie, wie schwer sich dieses Ziel erreichen lässt.

1965 sehen sie ihn zum letzten Mal, bevor er Kuba den Rücken kehrt. Er will die Revolution in die Welt tragen. Zu den bitterarmen Bauern in Bolivien. Mit einer Guerillero-Truppe irrt er durch den Dschungel, gehetzt von bolivianischen Soldaten. Eine zum Scheitern verurteilte, verzweifelte Mission. Doch Aufgeben? Niemals. "Victoria o Muerte" -  Sieg oder Tod.

Zynisch präsentieren die Militärs die Leiche des Che, nachdem sie ihn gefasst und am 9. Oktober 1967 erschossen haben. Die Fotos gehen um die Welt. Auch nach Buenos Aires. Die Familie wollte es nicht wahr haben, ezählt Juan Martín Guevara: "In der Familie glaubten wir nicht an seinen Tod. Meine Schwester sagte, es sei doch bloß wieder eine Fehlanzeige. Am nächsten Morgen kaufte ich die Zeitung mit dem Foto. Und da war kein Zweifel: Das war er." 

"Ich lebe nicht im Schatten, sondern im Licht meines Bruders"

Aber in dem Augenblick, in dem er stirbt, wird Che unsterblich. Idol aller linken Studentenbewegungen. Kultfigur. Pop-Ikone. Juan Martín Guevara, daheim in Argentinien, redet während der blutigen Militärdiktatur lieber nicht über seinen Bruder. Als Regimegegner sitzt er acht Jahre im Gefängnis. 

Er schweigt noch lange nach seiner Freilassung. Führt ein einfaches Leben, arbeitet als Lastwagenfahrer. Erst seit kurzem äußert er sich öffentlich. Er lebt, sagt Juan Martin, heute nicht im Schatten, sondern im Licht seines Bruders Che. 

Dass der letzten Endes mit seiner Mission gescheitert ist, spielt für ihn keine Rolle. In Südamerika ist der Che heute populärer denn je. Eine Marke, ein Visionär mit göttlichen Zügen, ein Talisman der Unterdrückten.

Bewertung des Buches

Juan Martín Guevaras Buch über seinen Bruder Che wartet nicht mit spektakulären Enthüllungen auf. Aber es wirft einen intimen Blick auf eine ungewöhnliche Familie, aus der einer der ungewöhnlichsten Menschen des letzten Jahrhunderts kam.

Buchcover der Biografie "Mein Bruder Che" von Juan Martin Guevara
Buchcover der Biografie "Mein Bruder Che" von Juan Martin Guevara und Armelle Vincent, erschienen bei Klett Cotta, ca. 22 Euro.

Autorin: Hilka Sinning

Stand: 08.05.2017 10:49 Uhr

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