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David LaChapelle – der bildgewaltige Fotokünstler

David LaChapelle – der bildgewaltige Fotokünstler | Video verfügbar bis 18.12.2018 | Bild: MDR im Ersten

Drama! Wassermassen im Studio! Ein paar Dutzend Helfer, Statisten und Darsteller am Set: David LaChapelle, der Fotokünstler, inszeniert die Sintflut aus dem Alten Testament. Die Idee dafür kam dem Amerikaner vor elf Jahren als Hurrikan Katrina den Süden der USA verwüstete. Es sollte ein Monumentalbild werden, ein Strafgericht frei nach Michelangelos Freske in der Sixtinischen Kapelle. Ein Bild wie eine Vorahnung all der Naturkatastrophen und Überschwemmungen, die die USA in schneller Folge heimsuchen sollten, sagt David LaChapelle: "Ich wollte die Flut darstellen, vor der wir alle Angst haben, die Apokalypse, die wir heute kommen sehen. Damals war die Bedrohung noch nicht für jeden offensichtlich, aber ich hatte sie immer im Kopf."

Seine Bilder: Schreiend bunt und an der Grenze zum Kitsch

Biblische Motive finden sich neuerdings immer wieder im Werk des 54-jährigen Fotografen, der bekannt wurde durch schreiend bunte Werbebilder und Porträts von Stars. Da hält Josef das Jesuskind auf dem Arm. Abgerissene Jugendliche auf der Straße finden Trost bei der Jungfrau Maria. Und der Rapper Kanye West hat schwer an seinem Kreuz zu tragen.

Fotokunst von David LaChapelle
David LaChapelle: "Kanye West Cross" | Bild: David LaChapelle/TASCHEN/ David LaChapelle

"Ähnlich wie bei unseren Vorfahren, die schon vor vielen tausend Jahren das Bedürfnis verspürten, einen Glauben zu praktizieren, finde ich Zufriedenheit und inneren Frieden darin", sagt der Fotograf. "Wenn das in einer Kultur fehlt, wenden sich die Menschen etwas anderem zu: Materialismus und Gier."

Dabei hat er selbst lange Zeit die Welt des Konsums bedient. Er ironisierte ihre Exzesse, aber gleichzeitig beflügelten seine Werbefotos ihre wildesten Phantasien. Da haben Milchmädchen ihren Spaß mit Cornflakes. Tätowierte Jungs präsentieren ihre Hintern einem Model in teurer Bademode.

"Ich will, dass die Leute sofort geflasht sind"

Porträt eines dunkelhaarigen Mannes
David LaChapelle, Fotograf | Bild: Thomas Schweigert/TASCHEN/ Thomas Schweigert

LaChapelles Werbebilder waren immer sexy und überdreht – ein Geschenk für die Mode- und Werbebranche. Er hatte Narrenfreiheit. Selbst als er für eine Kaffeemarke die Models in Gummimasken steckte, ließ man ihn gewähren. Kaffee als Droge, als Fetisch – da, schaut. "Ich will, dass die Leute sofort geflasht sind. Wenn sie dann aufmerksam hinschauen, können sie eine zweite Ebene entdecken und damit das, was ich eigentlich sagen will. Darin liegt für mich die Magie der Bilder. Das ist ganz wichtig."

Auf den ersten Blick sieht man da beispielsweise ein Werbefoto für Luxusschuhe. Auf den zweiten Blick entdeckt man David LaChapelles Kritik an den Essgewohnheiten der Amerikaner, die so monströs ist wie die Riesen-Hamburger und Hot Dogs auf einen Bildern. Selbst eine Toastpackung wird hier zum Killer.

Auch seine Porträts enthalten eine Polemik: Drew Barrymore zeigt eine Brustwarze – ein Sakrileg im prüden Amerika. Elton John benimmt sich wie ein wildes Tier. Und aus der Rapperin Lil Kim macht LaChapelle ein käufliches Objekt. Ihre nackte Haut bemalt er wie eine Luxus-Tasche von Louis Vuitton.

"Ich hatte die Nase voll von der Welt der Stars."

2006 war Schluss mit der Mode, den Popstars und den Werbebildern. David LaChapelle zog sich zurück nach Hawaii: "Ich hatte die Nase voll von der Welt der Stars. Nicht, weil ich ausgebrannt war, nein, ich hatte noch eine Menge Bildideen. Aber ich wollte mein Leben ändern." LaChapelles neue Welt, das sind jetzt die Urwälder auf Hawaii. Sie bilden die Kulisse für Bilder, die von Unberührtheit handeln, von Unschuld. Vom Aufbruch. Von der Wiedergeburt von Adam und Eva. Vieles streift die Grenze zum Kitsch. Gleichzeitig setzt LaChapelle seine Zivilisationskritik um: Der Mensch als mythologischer Ikarus, der nach seinem Höhenflug auf Elektroschrott abstürzt.

Kunstfotografien von David LaChapelle
David LaChapelle: Icarus | Bild: David LaChapelle/TASCHEN/ David LaChapelle

Den Hai von Damien Hirst, ein mächtiges, in Formalin konserviertes Symbol der Gegenwartskunst, lässt LaChapelle auf einem seiner Fotos verrotten. Und den Menschen stellt er als Sklaven seiner materiellen Begierden dar.

Das Gegenmittel ist für LaChapelle die rettende Kraft der Natur. Er zeigt den Regenwald und spricht von einer "Transfusion durch die Natur". Er selbst fühle sich im Wald wie neu aufgeladen. Die Bäume versorgten ihn mit Liebe und Gesundheit.

Fotokunst von David LaChapelle
David LaChapelle: "Transfusion" | Bild: David LaChapelle/TASCHEN/ David LaChapelle

LaChapelles neue Vision: Die Zukunft des Planeten

LaChapelles Bilder sind heute nicht mehr in Hochglanzmagazinen zu sehen, sondern sie hängen in Museen und Galerien. Gerade sind zwei Bildbände im Taschen Verlag erschienen, die einen Überblick über sein Werk bieten. Vor allem zeigen sie seine neue Passion: Die Zukunft des Planeten. In seiner "Landscape-Serie" zeigt er Bilder von Industriekomplexen, die aussehen wie Raffinerien in der Nacht.

"Ich wollte, dass sie von weitem aussehen wie Fotos von Öl-Raffinerien", erklärt der Künstler. "Wenn man näher kommt, erkennt man, dass es Modelle sind. Und wenn man noch näher kommt, sieht man, dass sie aus Produkten gebaut sind, die von den Raffinerien selbst stammen: Also aus Produkten aus fossilen Brennstoffen, Plastik, Folien und Verpackungsmüll – aus all dem, das wir am Ende wegwerfen."

Fotokunst von David LaChapelle
David LaChapelle: "Landscape - Emerald City" | Bild: David LaChapelle/TASCHEN/ David LaChapelle

Die Modelle wurden im Studio gebaut, David LaChapelle fotografierte sie in der kalifornischen Wüste. Es sollen leuchtende Denkmäler sein, Relikte des Industriezeitalters, die den Betrachter ermahnen: Schluss mit den fossilen Brennstoffen, Schluss mit dem Plastikmüll! Selten hat ein Appell so schön ausgesehen.

Angaben zu den Bildbänden:

David LaChapelle. Lost + Found. Part I

Hardcover mit Ausklappseiten in einer Box, 278 Seiten, € 49,99
erschienen bei TASCHEN

David LaChapelle. Good News. Part II
Hardcover in einer Box, 276 Seiten, € 49,99
erschienen bei TASCHEN

Autorin: Hilka Sinning

Stand: 18.12.2017 17:24 Uhr

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