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Junge Literatur aus Rumänien

"Null Komma Irgendwas" von Lavinia Braniște

PlayLavinia Braniște
Junge Literatur aus Rumänien: Lavinia Braniște | Video verfügbar bis 19.03.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinem Großvater nach Brot angestanden habe. Wir haben in sehr langen Schlagen nach Essen angestanden. Und jedem war es nur erlaubt, eine bestimmte Menge Lebensmittel zu kaufen. Und ich erinnere mich auch, dass alles sehr grau war. Es gab keine Farbe im Leben."

30 Jahre sind seit den langen Lebensmittelschlangen vergangen. Rumänien hat inzwischen auf Farbe umgeschaltet. Lavinia Braniște ist 35 Jahre alt und hat jetzt ihren ersten Roman vorgelegt."

"Meine Hauptfigur kämpft darum, ein bisschen mehr zu sein als nur Niemand"

Unterwegs in Bukarest
Das Leben - eine ewige Baustelle | Bild: ttt

Christina heißt die Ich-Erzählerin, sie arbeitet als Assistentin der Geschäftsführerin einer Baufirma. Irgendwo in einem provisorischen Bürokomplex in Bukarest. Bei Christina kommen alle Anrufe an – und damit hat sie intern die Rufnummer Null. "Null Komma Irgendwas" ist der deutsche Titel des Romans. Lavinia Braniște erklärt ihn so:

"Wenn du in einer Firma arbeitest und du hast die Telefonanlage unter dir und bist zuständig, die Anrufe weiterzuleiten, dann gibt es für diesen Job in Rumänien auch eine metaphorische Bedeutung: Intern im Unternehmen wirst du dann 'Die Null' genannt, du bist ein Niemand. Und meine Hauptfigur kämpft darum, ein bisschen mehr zu sein als nur Niemand. Sie möchte mehr erreichen. Zugleich fragt sie sich, ob es überhaupt Sinn macht, mehr zu wagen, mehr zu wollen vom Leben."

Die Ceaușescu-Diktatur – Bis heute ein kollektives Trauma

Unterwegs in Bukarest
Unterwegs in Bukarest | Bild: ttt

Mit Rumänien verbinden sich bis heute die absurd-apokalyptischen Bilder vom Ende des Kommunismus im Dezember 1989. Der irre Diktator hält seine letzte Rede. Auf dem Platz jubelt ihm ein Teil des Volkes noch zu, dahinter beginnen bereits die ersten Schießereien. Ceaușescu flieht mit dem Hubschrauber. Er wird verhaftet. Nach einem 55-minütigen Schauprozess werden er und seine Frau erschossen. Danach kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land: Geheimdienst und Armee schießen aufeinander – und auf die Bevölkerung. Über 1.300 Tote, die meisten davon Zivilisten. Lavinia Braniște ist sichtlich ergriffen, als sie sich die Bilder ansieht: "Ich könnte weinen, wenn ich das sehe. Ein Stück dieser Geschichte ist in mir."

Bis heute wurde niemand für die Massaker verurteilt. Keine Aufarbeitung geschah. Nichts. Die Rumänen haben keine Bilder von fröhlichen Mauerspechten im Kopf. Bei ihnen herrscht ein kollektives Trauma. Und Schweigen. Lavinia Braniște erklärt dazu: "Wir stehen heute an derselben Stelle – nach fast 30 Jahren! Es ist krass daran zu denken: Wofür sind all diese Leute gestorben? Die politische Klasse heute in Rumänien hat das Erbe der kommunistischen Ära einfach übernommen. Die früheren Securitate-Leute sind heute in der Geschäftswelt bzw. ihre Kinder und deren Kinder. Und so geht das immer weiter, ohne dass sich was ändert."

"Wofür arbeite und lebe ich?"

Die rumänische Autorin Lavinia Brainiște
Die rumänische Autorin Lavinia Brainiște | Bild: ttt

Ihre Buchheldin Christina geht jeden Morgen ins Büro, fährt mit ihrer Chefin auf Baustellen. Sie wohnt in einer Einzimmer-Wohnung mit Schimmel im Bad und bröckelndem Putz. Manchmal trifft sie Mihai, ihre Fernbeziehung. Christina ist Anfang 30 und würde eigentlich gern als Übersetzerin arbeiten, was sie studiert hat. Sie würde eigentlich gern eine richtige Beziehung, ein Kind, eine Familie haben. Der Roman erzählt von einem Leben im Konjunktiv. Ihre Protagonistin für eine ganze Generation:

"Es ist eine Generation in Rumänien, die ich da beschreibe, die zumeist in den größeren Städten lebt. Sie verkaufen ihr Leben an irgendeine Firma, einen Arbeitgeber. Du arbeitest für total wenig Geld. Und dieses Geld gibst du für die Miete, für Essen und das Notwendigste aus und dann bleibt nichts übrig. Und du fragst dich: Wofür arbeite ich? Wofür habe ich diesen Monat gelebt? Dieses Jahr?"

Christinas Leben ist in einer Zeitschleife, die Dinge wiederholen sich. Was Christinas Leben kennzeichnet, ist die komplette Abwesenheit von Zukunft.

"Es war nicht meine Absicht, politisch zu sein."

Unentwirrbare Lage?
Unentwirrbare Lage? | Bild: ttt

Lavinia Braniștes Roman erwähnt die unaufgearbeitete Vergangenheit Rumäniens, die grassierende Korruption, den politischen Stillstand und Zynismus im Land mit keinem Wort. Dennoch spiegeln sich diese Verhältnisse im Leben ihrer Romanheldin auf unverkennbare Weise. Dabei wollte die Autorin einfach den Alltag schildern, so wie er ist:

"Es ging immer um Politik in unseren Büchern. Das war die bestimmende Frage. Davon hatte ich genug. Es hat sich dann aber rausgestellt, dass mein Buch offenbar doch auch politisch ist. Aber das war nicht meine Absicht, das war nicht der Grund, warum ich es geschrieben habe. Viele Leute, die das Buch hier gelesen haben, sagten mir, dass sie sich selbst in der Person von Christina wiedergefunden haben."

Mehr als ein Gleichnis auf den Alltag in Rumänien

Dieses Buch ist nicht nur ein Gleichnis auf das Scheitern Rumäniens, die Widergänger der eigenen Vergangenheit loszuwerden und Zukunft zu gewinnen. Lavinia Braniște ist mit ihrem Roman, den sie jetzt in Leipzig auf der Messe präsentiert, auch der Sprung in die anderen Länder Europas gelungen – denn was unterscheidet das Leben ihrer Heldin Christina eigentlich noch vom Leben Millionen junger Menschen in der EU?

Autor: Ulf Kalkreuth

Buchtipp
Lavinia Braniște: "Null Komma Irgendwas"
Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke
288 Seiten
Mikrotext Verlag
Preis: 21,99 Euro

Stand: 20.03.2018 09:37 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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