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Alle wollen was Besonderes sein!  Jeder ist der Kurator seines Lebens!

Andreas Reckwitz und sein aktuelles Sachbuch: "Die Gesellschaft der Singularitäten"

Alle wollen was Besonderes sein!  Jeder ist der Kurator seines Lebens! | Video verfügbar bis 12.11.2018

Der einzigartige Lifestyle – nicht irgendeine Kaffeesorte. Trips zu den außergewöhnlichsten Orten – extravagante Hobbies und ovo-lacto-low-Carb Essen. Ja kein Standard! Wir wollen etwas ganz Besonderes sein. Wer normal ist, hat verloren. Das Leben ist eine Performance und wir sind unsere eigenen Regisseure.

Für uns Menschen der Spätmoderne ist das Einzigartige zum Fetisch geworden. Das Glücksversprechen: ein höherer Sozialstatus, mehr Prestige. Das Besondere wird zum ungeschriebenen Gesetz, sagt Andreas Reckwitz: "Indem man unvergleichlich ist, kann man sich absetzten von anderen, man kann sich absetzen, dadurch, dass man eben nicht durchschnittlich ist, nicht Durchschnittsmensch ist, sondern, dass da irgendetwas Besonderes, Außergewöhnliches im eigenen Leben vorhanden ist, und sei es der Kaffee, den man benutzt oder den man trinkt."

Einer Illusion aufgesessen

Doch was macht das mit uns und unserer Gesellschaft? Das untersucht der Soziologe in seinem neuen Buch. Wir kuratieren unser Leben und nutzen dafür alle Ressourcen, sogar Möbelstücke, weil wir glauben, sie machen uns hip und individuell: "Das interessiert mich auch als Soziologe daran, wie wird das sozial gemacht, wie kommen wir dazu, Dinge als einzigartig wahrzunehmen, sie sind es ja nicht von Natur aus", so Reckwitz.

Im Gegenteil: Wir denken, wir werten uns auf durch besondere Waren und merken gar nicht, dass wir einer Illusion aufsitzen. Ob kunstvolles Einzelstück oder Massenware mit Designstatus – wir eignen es uns an, weil wir glauben, es macht uns authentisch. Dabei ist das meiste eher Standard: "Überall standen diese Plastikdinger, würde mal sagen 'reine Massenware', nur jetzt, wo wir natürlich wissen, das ist von Charles und Ray Eames, gewinnt das Ganze wiederum Besonderheit, Einzigartigkeit, das ist eben nicht nur jetzt ein massenhafter Plastikstuhl, sondern der Eames-Chair", erklärt Reckwitz.

"Neue ökonomische Felder erschließen"

Wir leben in einer Gesellschaft der Singularitäten, diagnostiziert Reckwitz. Und das hat auch ökonomische Gründe, sagt er: "Dem Kapitalismus reicht es nicht mehr, Standardgüter zu produzieren, also die Güter von der Stange. Da gibt es im Grunde eine Sättigung seit den 70er Jahren. Das, was für alle gleich ist, irgendwann hatten gewissermaßen alle ihr Auto und ihre Waschmaschine, also da gibt es auch eine ökonomische Sättigung und seitdem hat natürlich auch die Ökonomie ein großes Interesse, sich neue Felder zu erschließen."

Denn die klassische Industriegesellschaft mit ihrer standardisierten Arbeitsweise ist Geschichte. Und damit die nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Mit der 68er-Bewegung beginnt eine Bildungsexplosion: Selbstverwirklichung wird möglich. Aber deregulierte Arbeits- und Kapitalmärkte sorgen später dafür, dass nicht mehr alle auf der gesellschaftlichen Rolltreppe nach oben fahren.

"Was hält da die Gesellschaft noch zusammen?"

Und Reckwitz erkennt noch einen weiteren Faktor: Die digitale Technologie schafft neue Produktions- und Lebensweisen. Heute kann jeder sich selbst vermarkten. Nur wer heraussticht, kriegt den umkämpften Job und Partner: "Wir sehen ja mittlerweile auch, dass diese Orientierung am Einzigartigen neue Zwänge mit sich bringt. Also neue Zwänge, auch den Zwang, einzigartig zu sein, weil man sonst Gefahr läuft, als bloßer Durchschnitt zu erscheinen", sagt er.

Gebildet, kosmopolitisch, hoch qualifiziert: Eine neue Mittelschicht ist Träger dieses Wertewandels. Reckwitz sagt: Das Nachsehen haben prekär Beschäftigte und viele, die früher noch zur Mittelschicht gehörten. Sie werden zunehmend abgehängt: "Wir leben nicht mehr in dieser homogenen Gesellschaft, sondern wir haben eine Gesellschaft, in der einerseits vielmehr kulturelle Differenzen eine Rolle spielen und die sogar zelebriert werden, und eben auch eine Gesellschaft, in der mehr soziale Unterschiede zwischen Klassen, zwischen Milieus, zwischen Schichten entstanden sind. Es ist gut und schlecht zugleich, es hat beide Seiten. Einerseits natürlich Pluralisierung, mehr kulturelle Differenzen, ist ja sehr erfreulich, bedeutet ja auch für den Einzelnen mehr Möglichkeiten, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, weniger Repression, aber auf der anderen Seite könnte man natürlich auch fragen: Was hält da die Gesellschaft noch zusammen?"

Distinktion statt Solidarität

Die Reaktion auf den liberalen Kosmopolitismus der einen ist die Abschottung der anderen. Die Kehrseite der Entwicklung: Polarisierung auf allen Ebenen. Politisch, kulturell und auch zwischen Stadt und Land: "Wenn wir gerade auch die Entwicklung von Populismus zum Beispiel anschauen in den letzten Jahren, da ist ja eine enorme Polarisierung und politische Konfrontation, die da auch in die Gesellschaften hineingebaut wird, die es vorher so extrem ja gar nicht gab, also das sehen wir ja auch die Schattenseiten dieser Gesellschaft der Singularitäten", sagt Reckwitz.

Distinktion statt Solidarität – die Verhaltensmaxime der spätmodernen Gesellschaft, der Anfang neuer Klassenkämpfe. Die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich verschärfen die Entwicklung drastisch. Das, was verbindet, tritt immer mehr in den Hintergrund. Gift für eine soziale und politische Landschaft, eine reale Gefahr für die Demokratie.

"Kulturelle Mindeststandards für alle"

Wie schaffen wir wieder mehr Teilhabe für alle? Solidarität, bessere Bildungschancen? Das ist die politische Aufgabe für die nächsten Jahre. Obwohl Reckwitz skeptisch ist: "Auch, wenn die Politik oder der Staat das Ganze nicht wirklich regulieren kann, das wäre ja eine Illusion, denke ich, aber zumindest um Rahmenbedingungen müsste es ja gehen, also zum Beispiel auch solche die Diskussionen, wie wir sie ja haben: Stichwort Mindestlohn oder Bedingungsloses Grundeinkommen usw., das sind ja auch Diskussionen, wo es darum geht, wieder einen stärkeren sozialen Ausgleich hineinzubringen."

Lösungen hat Andreas Reckwitz keine parat. Aber er macht kluge Beobachtungen und Vorschläge: "Sollten wir nicht kulturelle Mindeststandards für alle haben? Also nicht in der Betonung der Differenzen, sondern das, was gemeinsam da sein sollte, da haben wir ja auch schon diese politischen Debatten und ich denke, die werden sich sicher intensivieren und die sollten sich auch intensivieren. Nur was wir sicherlich nicht erhoffen sollten, ist, dass es wieder ein Zurück in die 50er, 60er Jahre gibt, in diese homogene Gesellschaft, das wäre eine Illusion."

"Die Gesellschaft der Singularitäten" – sie wieder solidarischer zu gestalten, wäre ein erster Schritt.

Bericht: Marco Giacopuzzi

Andreas Reckwitz "Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne"
480 Seiten, € 28,00
Suhrkamp Verlag,  Oktober 2017

Stand: 12.11.2017 23:05 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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