SENDETERMIN So, 12.03.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

"I Am Not Your Negro"

Ein brilliantes Filmessay und brennendes Plädoyer gegen Rassismus

PlayRegisseur Raoul Peck
"I Am Not Your Negro" | Video verfügbar bis 12.03.2018

September 1957. Kinder auf dem Weg in die Schule. Doch weil sie schwarz sind, muss das Militär anrücken, um ihr Leben und ihre Sicherheit zu garantieren. "Da sah ich das Foto. An jedem Zeitungskiosk", schreibt James Baldwin in seinem Essay "Remember This House". Das Foto der 15-jährigen Dorothy Counts. Beschimpft und angespuckt von dem Mob, auf dem Weg zur Schule in Charlotte, North Carolina. Unbeschreiblicher Stolz, Spannung und Schmerz waren im Gesicht dieses Mädchens. Es machte mich zornig."

Schriftsteller James Baldwin
Schriftsteller James Baldwin

Der Schriftsteller James Baldwin beschreibt in einem Essay, wie er durch die USA fährt und die Orte bereist, an denen die entscheidenden Konflikte im Kampf um schwarze Bürgerrechte stattfanden. Der haitianische Regisseur Raoul Peck hat daraus einen faszinierenden Dokumentarfilm gemacht, in dem man mehr über amerikanische Geschichte lernt als in jedem Geschichtsbuch. "Es geht nicht darum, was mit schwarzen Menschen passiert. Die eigentliche Frage ist: Was passiert mit diesem Land?", sagte Baldwin 1968.

Entsetzen über die Herzenskälte

Massenproteste
Massenproteste der Mittelschicht

Baldwin beschreibt am Schicksal seiner drei Freunde Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers, welche Opfer der Kampf um die elementarsten Rechte gekostet hat. Es waren nicht nur radikale rassistische Splittergruppen, die Jagd auf Menschen anderer Hautfarbe machten. Es war die weiße Mittelschicht. "Ich bin entsetzt über die moralische Gleichgültigkeit, die Herzenskälte in meinem Land", sagte Baldwin 1963. "Diese Menschen haben sich so lange selbst etwas vorgemacht, dass sie tatsächlich glauben, ich sei kein menschliches Wesen."

"Propagandamaschinen wie Hollywood – oder wie die Nazis oder die Roten Khmer in Kambodscha – erzeugen ein Bild von dir, das nichts mit dir zu tun hat. Aber sie verbreiten dieses Bild von dir, um dich loszuwerden. Um dich umzubringen”, sagt Raoul Peck, der Regisseur von "I Am Not Your Negro".

James Baldwin fing an, Hollywoodfilme zu analysieren. Er merkte schnell, dass die weißen Helden in diesen Filmen nicht auf seiner Seite waren. Wenn John Wayne Indianer umbringt, dann löscht er damit die Tatsache aus, dass die Geschichte Amerikas auch eine Geschichte der Ureinwohner und der Schwarzen ist. "Ich vermute, dass uns all diese Geschichten die Absicht haben, uns zu versichern,  dass kein Verbrechen begangen wurde. Wir haben aus einem Massaker eine Legende gemacht”, schreibt Baldwin in "Remember This House".

"Ich bin kein Nigger"

Regisseur Raoul Peck
Regisseur Raoul Peck

"Ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch", sagt Baldwin 1963. "Wenn du glaubst, ich bin ein Nigger, heißt das, du brauchst genau das. Ihr Weißen habt den Nigger erfunden. Überlegt euch: Warum?” James Baldwin habe sein Leben verändert, sagt Raoul Peck. "Ich wache ja nicht jeden Morgen auf und denke: Oh, ich bin schwarz. Es hat für mich keine Bedeutung. Ich könnte genauso rot sein. Das ist nicht meine Geschichte. Wenn ich also keinen Bezug zu dieser Geschichte habe, dann muss es etwas sein, was in deinem Kopf abläuft, nicht in meinem."

Ein schwarzer Präsident?

Eine Lösung, folgerte Baldwin, kann also nicht sein, wenn Schwarze sich in die weiße Gesellschaft integrieren, sondern nur, wenn sie ihre eigene Identität und Geschichte in den Traum eines neuen, gemeinsamen Amerikas einbringen. Deswegen lehnte er es auch ab, wenn weiße Politiker wie Robert F. Kennedy versuchten, schwarze Bürgerrechtler für ihre Zwecke einzuspannen, aber zu keinen echten Veränderungen bereit waren. "Schwarze machen immer größere Fortschritte in diesem Land", sagte Robert F. Kennedy 1961. "Und warum sollte nicht in der näheren Zukunft ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden können?”

Kennedys Vorhersage ist wahr geworden. Doch wenige Wochen nach der Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten gibt es große Zweifel, ob sich dadurch tatsächlich etwas verändert hat. "James Baldwins Antwort darauf war: Die Frage ist nicht, wer der erste schwarze Präsident sein wird, sondern in was für einem Land wird er Präsident sein”, sagt Peck.

Es ist beängstigend zu sehen, welche Aktualität Baldwins Analysen bis heute haben. Der Film macht klar: Unter dem heutigen Präsidenten, der offen rassistische Stereotype propagiert, fängt der Kampf für Bürgerrechte noch einmal ganz neu an.

Autor: Joachim Gaertner

FILM-TIPP
"I Am Not Your Negro”
USA/F 2016
Regie: Raoul Peck
ab 30. März im Kino

Stand: 12.03.2017 21:42 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.