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Darknet – Netz ohne Kontrolle

Pistole auf Website

Schusswaffen kaufen - im Darknet ganz einfach

Jenseits der bekannten Wirklichkeit existiert immer eine versteckte, dunkle Welt, in der andere Gesetze herrschen. Auch im Internet gibt es einen Untergrund, in den kein Spähprogramm eines Geheimdienstes eindringen kann. Wir haben uns dort herumgetrieben: im sogenannten Darknet.

Hier finden Sie Waffen und Drogen, hier bieten Kriminelle gehackte Kreditkarten und Kinderpornographie an. Wie wär es mit einer Walther PPK, einer Pumpgun oder 14 Gramm reinem Kokain? Man traut seinen Augen nicht. Dreist und schamlos treiben Dealer hier ihre üblen Geschäfte - für jedermann zugänglich. Geschützt durch eine Anonymisierungssoftware, die jede Überwachung unmöglich macht. Der Gipfel der Perversion: Ein Auftragskiller per Mausklick. Ausgenommen sind Zielpersonen unter 16 und Top-Ten-Politiker.

Ganz einfache Nutzung

Nutzen kann das Darknet jeder. Man lädt ganz einfach eine Software herunter, zum Beispiel „Tor“. Damit kann man im Tor-Netzwerk surfen. Dort wird jede Kommunikation über so viele Knotenpunkte umgeleitet, dass sie nicht einmal mehr für die Betreiber selbst nachzuvollziehen ist. Das heißt: Man bleibt – anders als im normalen Internet – völlig anonym. Was man dann in diesem Darknet macht, sieht niemand.

Julius Mittenzwei

Julius Mittenzwei

„Netzwerke wie Tor sind zunächst einmal ein völlig neutrales Netzwerk“, sagt Julius Mittenzwei vom Tor-Netzwerk. „Ähnlich wie eine Telefonleitung oder ein Briefkasten kann es für gute oder schlechte Zwecke verwendet werden. Die Erfahrung zeigt: Für die Mengen an Traffic, die jeden Tag über Tor-Netzwerke laufen, ist der Anteil an den bösen Jungs verschwindend gering.“

Eigentlich zum Schutz gedacht

Der eigentliche Zweck des Darknets ist es, Menschen zu schützen, für die Kommunikation lebensgefährlich sein kann. Vor allem Oppositionsbewegungen in totalitären Regimen. Das Tor-Netzwerk hatte wesentlichen Anteil an den arabischen Revolutionen. Organisiert wurden sie über das normale Internet, vor allem über Facebook und Twitter. Hochgeladen wurden die Inhalte der Seiten aber über das Darknet. Dadurch blieben die Betreiber anonym. Die Staatsmacht hatte keinen Zugriff. So gelang es, Diktatoren wie Mubarak in Ägypten zu stürzen.

NSA-Gebäude

Jenseits des Zugriffs der NSA ...

Jeder der politischen Aufstände der letzen Jahre findet einen direkten Niederschlag im Datenverkehr des Tor-Netzes. Und seit den Enthüllungen der letzten Wochen über Geheimdienstprogramme wie Prism und Tempora geht es nicht mehr nur um ferne Diktaturen. „Die praktischen Einsatzzwecke waren natürlich in erster Linie auf den nahen Osten oder andere totalitäre Regime begrenzt, wo man den Nutzen von Tor jedem erklären konnte“, sagt Mittenzwei. „Aber jetzt stellt sich raus, dass auch in den westlichen Demokratien alles mitgeschnitten und ausgewertet wird. Und auf Jahrzehnte gespeichert wird.“

Snowden und das Tor-Netzwerk

Was viele nicht wissen: Auch Edward Snowden verschickte seine Enthüllungen der Geheimdienst-Spionageprogramme über das Tor-Netzwerk an die Washington Post und den Guardian. Also über das Darknet, den einzigen Ort, der selbst für Programme wie Prism und Tempora nicht sichtbar ist. Und plötzlich ist nicht mehr klar: Wer ist hier eigentlich im Recht, der Staat oder der Hacker? Ist Snowden ein Held oder ein Verräter? „Ich finde, dass Snowden ein Held ist“, sagt Julius Mittenzwei vom Tor-Netzwerk. „Weil er den Mut hatte die Weltbevölkerung darüber aufzuklären, was da getrieben wird.“

Der Datenspur folgen

Michael Mahnke

Michael Mahnke

Was aber ist nun mit den kriminellen Angeboten im Darknet? Ist die Polizei völlig machtlos? Das Darknet ist anonym, deswegen kann sie auf elektronischem Weg den Täter nicht identifizieren. Für die Ermittlungen muss sie auf das gewöhnliche Internet ausweichen. Dort hinterlässt jeder Spuren, Benutzernamen, Passwörter – und wenn Täter dieselben im Darknet benutzen, können sie identifiziert werden. „Jeder Mensch hat sich, bevor er dort tätig ist, auch schon im Internet bewegt, hat irgendwo Datenspuren hinterlassen“, sagt Michael Mahnke vom LKA Niedersachsen. „Die versuchen wir dann entsprechend zu finden.“

Fremde, seltsame Welt

Falschgeld-Angebot

Im Darknet bekommt man alles - auch Falschgeld

Tatsächlich ist im Darknet alles nicht so einfach wie es auf den ersten Blick aussieht. Drogen und Waffen müssen verschickt werden. Da kann der Zoll zuschlagen. Und wer weiß, was sich tatsächlich hinter diesen Angeboten verbirgt? „Wir haben hier vor zwei Jahren ein Vermittlungsverfahren im Bereich der Kinderpornografie geführt, wo es ein größeres Angebot gab und wo wir ganz klar festgestellt haben, das es eine reine Betrugsseite war“, sagt Michael Mahnke vom LKA Niedersachsen. „Die Leute haben das Geld überwiesen und keine Ware dafür erhalten. Der Täter spekulierte darauf, dass diese Personen nicht zur Polizei gehen und es nicht anzeigen, weil sie ja dann selber in ein Strafverfahren geraten und hat dann abkassiert.“

Das Darknet ist eine fremde und seltsame Welt voller falscher Identitäten. Das ist bei der Verfolgung von Kriminellen eine Herausforderung. Aber für Oppositionelle in totalitären Regimen ist es eine Frage des Überlebens, geschützt kommunizieren zu können. Firmen, Journalisten, wir alle werden permanent ausgespäht. Dagegen ist das Darknet ein möglicher Schutz.

(Autor: Joachim Gaertner)

Stand: 01.07.2013 12:25 Uhr

Sendetermin

So, 30.06.13 | 23:05 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.