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Brennpunkt Marseille oder "Die Erschaffung des Monsters"

Brennpunkt Marseille oder "Die Erschaffung des Monsters" | Video verfügbar bis 17.09.2018

Über den Hügeln von Marseille: Wohnblocks von erdrückender Tristesse. Die so genannten Cités, die Problemviertel: Verfall. Drogenhandel, schwere Kriminalität. Fast alle Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Von hier oben blicken sie herab auf das schöne Marseille, wo Touristen flanieren und die Boote der Reichen im Hafen bewundern. 

Armut, Drogen, Gewalt – Symptome, die Marseille zum Monster machen

Blick auf das Hafen-Viertel, in dem die Jachten liegen
Blick auf das Hafen-Viertel, in dem die Jachten liegen

Wie all das parallel existiert und ineinandergreift, beschreibt der Journalist Philippe Pujol in seinem Buch "Die Erschaffung des Monsters": "Das Monster ist für mich die kranke Republik.

Die schlecht funktionierende Demokratie, die sich an einer ganzen Reihe von Symptomen zeigt: Massenarbeitslosigkeit, Vetternwirtschaft, Misere. Ich schreibe über all diese Symptome, die sich hier in Marseille zu einem einzigen Monster vereinigen."

"Die Leute in den Vororten fühlen sich allein gelassen"

Blick auf den Norden von Marseille
Blick auf den Norden von Marseille

Immer wieder ist Pujol durch die Siedlungen im Norden der Stadt gefahren. Viele Jahre war er Lokalreporter. Fast ein Viertel der Einwohner von Marseille leben in diesen prekären Vororten, hauptsächlich Migranten. Pujol spricht mit ihnen, kennt ihre Geschichten. Sie beklagen sich über den Dreck, die Ratten. Die Müllabfuhr, die nur selten kommt. Die Stadtverwaltung lässt die Gebäude einfach verrotten. Die Leute fühlen sich alleine gelassen:   

"Es gibt hier keine Lösungen, das ist nicht im Interesse der Behörden. Sie lassen die Gebäude verfallen, weil das der Bauwirtschaft nützt. Weil die alten Blocks dann abgerissen, neue Zugangsstraßen gebaut und neue Blocks hochgezogen werden können." 

Keine Perspektive, kein Vertrauen mehr in die Politik

In seinem Buch erzählt Pujol vom Leben in den Cités, indem er einzelne Familien porträtiert und ihre Schicksale nachzeichnet. Oft enden sie tragisch. Keines der Kinder hier hat Grund, an eine bessere Zukunft zu glauben. "Keine Perspektive zu haben, ist hart. Deshalb dealen die Jugendlichen mit Drogen. Sie denken nicht an Morgen: Erst ein paar Kröten verdienen. Dann weitersehen."

Ohne Sozialarbeiter wie Moussa (l.) wäre alles noch schlimmer
Ohne Sozialarbeiter wie Moussa (l.) wäre alles noch schlimmer

In den leerstehenden Etagen der Blocks legen die Drogenhändler Cannabis-Plantagen an. An den Zugangsstraßen sitzen Späher, die Zeichen geben, wenn die Polizei anrückt. Wenn sie ihren Job gut machen, steigen sie auf und werden selbst Dealer. In Pujols Buch kann man nachlesen, wie kriminelle Karrieren in den Slums verlaufen: Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei, Festnahmen, Gefängnis. Fliegt einer auf, rückt ein neuer nach. Eine unaufhaltsame Spirale.   

Nichts davon dringt durch zu den Touristen, die unten am Hafen die spektakulären Museen besuchen, eröffnet im Jahr 2013, als Marseille Kulturhauptstadt wurde. Der Beginn eines gewaltigen Immobilienbooms. Die Bauwirtschaft blüht in der Stadt der legendären "French Connection", seit jeher bekannt für Geschäfte im Mafia-Stil. Im Rathaus, davon ist Pujol überzeugt, hat man kein Interesse daran, in die Ghettos zu investieren.   

Halb verfallene Blocks, in denen Kinder mit Ratten spielen
Halb verfallene Blocks, in denen Kinder mit Ratten spielen

Alles wäre noch schlimmer ohne freiwillige Helfer wie den Sozialarbeiter Moussa. Er betreut Schulabbrecher und jugendliche Delinquenten. Es sind soziale Aussteiger, sagt er. In einer staatlichen Ordnung erkennen sie weder Sinn noch Nutzen: "In den Cités hat man schon lange das Vertrauen in die Politik verloren. Sie können sich umhören unter den jungen Leuten, die das Recht haben zu wählen, und Sie werden die Antwort bekommen: 'Wählen – Warum?' Um es in einem Bild zu sagen: Wenn morgen ein Feuer ausbricht, ruft keiner die Feuerwehr. Keiner glaubt daran, dass überhaupt Wasser zum Löschen da ist."

In keiner anderen Stadt in Europa gibt es so viele Morde durch Bandenkriege

Die "Alles egal"-Haltung der jungen Dealer bringt der Rapper ELAMS auf den Punkt: "Dieses Leben ist Irrsinn", singt er, "aber ich habe es mir nicht ausgesucht." Pujol erklärt, was er meint, denn er kennt es im Detail:  "Es gibt Cités, die komplett von Drogendealern kontrolliert werden. Dort gehen weder Journalisten noch Polizisten hin. Filmaufnahmen zu machen so wie hier, wäre dort zu riskant."

Philippe Pujols Buch "Die Erschaffung des Monsters"
Philippe Pujols Buch "Die Erschaffung des Monsters"

In keiner anderen Stadt in Europa gibt es so viele Morde durch Bandenkriege. Die Opfer werden mit schweren Schusswaffen niedergemäht und oft in ihren Autos verbrannt – allein im letzten Jahr gab es 34 Tote, darunter auch Jugendliche. "Es stimmt, die Kriminalität in den Siedlungen ist auffällig. Die Dealer zeigen ihre teuren Motorräder, sie geben gerne an – anders als die Verbrechen der Reichen und Mächtigen, die unsichtbar bleiben. Diese "White-Collar"-Kriminalität schafft aber erst die Grundlagen für Ghettos, die hier fast immer durch irgendwelche Immobiliendeals entstanden sind. Und in den Ghettos kann man eben nur mit Drogenhandel Geld verdienen."

Philippe Pujol zeigt, was Touristen nicht sehen. Er blickt hinter die Fassaden einer leuchtenden Metropole. Niederschmetternd und spannend - nur leider keine frei erfundene Handlung eines Kriminalromans.

Autorin: Hilka Sinning

Buchtipp
Philippe Pujol: "Die Erschaffung des Monsters –  Elend und Macht in Marseille“
Hanser Literaturverlage, 2017
304 Seiten
ISBN 978-3-446-25686-6 
Preis 24,00 Euro

Stand: 18.09.2017 11:24 Uhr

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