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"Der Vorhang zu und alle Fragen offen…"

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"Der Vorhang zu und alle Fragen offen…" | Video verfügbar bis 15.04.2019 | Bild: (c) dpa/Paul Zinken

Alles begann im September 2014, als der damalige Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner mit dem Chef der Londoner Tate Modern auf einem Empfang ein kurzes Gespräch hatte. Der 10minütige Gedankenaustausch begeisterte den Kulturstaatssekretär Renner so sehr von Dercon, dass er ihn zu einem Arbeitstreffen nach Berlin einlud. Renner entwickelte noch viel größere Pläne mit Dercon: Geschaffen werden sollte eine riesige Berliner "Kulturdachmarke", genannt: "Die neuen Volksbühnen". Ein Verbund von 5 sehr disparaten Kulturorten: Die Empfangshalle des ehemaligen Tempelhofer Flugfeldes, das Kino Babylon, der Berliner Prater, die Kunstwerke und schließlich die Volksbühne. Die Finanzierung dieser kulturpolitischen Großvision war weder durch Steuergelder noch durch erhoffte Sponsorengelder je wirklich gesichert. Als dann noch Künstler, die für dieses Projekt gewonnen werden sollten, keine Zusage gaben, war das Desaster vorprogrammiert. Zwei Monate lang haben Journalisten von Süddeutscher Zeitung, NDR und rbb die Vorgeschichte  recherchiert, konnten Tausende Seiten Akten und den Mailverkehr zwischen Kulturverwaltung, Regierendem Bürgermeister und Dercons Team einsehen.

Die Berliner Volksbühne zählt zu den besten deutschen Theatern

Regisseur Herbert Fritsch

In Berlin träumt man gerne groß. Zum Beispiel gab es da ein gut gehendes Theater, um genau zu sein: Das vielleicht beste deutsche Theater überhaupt – die Volksbühne. Nach 25 wunderbar-wilden Castorf-Jahren kam man auf die grandiose Idee, das Haus "weiterzuentwickeln". Der alte Flughafen Tempelhof sollte zur zweiten Spielstätte werden und die "Volksbühne" zur "Dachmarke": Als weltweit ausstrahlendes Symbol für die Kulturmetropole Berlin. Eine tolle Idee. Oder nicht? Herbert Fritsch äußert sich kritisch: "Ich meine Tempelhof! 2000 Zuschauer, abendlich aufzufüllen, das Ding zu heizen und was ich weiß noch alles, was da für Ansprüche bestehen. Ich meine – geht’s noch? Von vornherein wusste jeder, der ein bisschen Ahnung hat, von Theater, wie sowas läuft! Dass das nicht funktionieren kann. Wie kann man sowas machen? Da muss man doch ein bisschen nachdenken. Was sind denn da für Leute am Werk gewesen?"

Dercon verlässt die Volksbühne

Michael Müller, Chris Dercon, Tim Renner
Michael Müller, Chris Dercon, Tim Renner | Bild: dpa/Rainer Jensen

Am Werk waren der Regierende Bürgermeister Müller und sein Kulturstaatssekretär Renner. Sie holten Chris Dercon, einen international renommierten Museumsmann, nach Berlin. Ein für alle Beteiligten desaströses Missverständnis. Am Donnertagabend, während drinnen ein Endzeit-Szenario gespielt wurde, platzte draußen die Bombe. Dercon geht. Wie konnte es zu diesem allumfassenden Scheitern kommen? In zweimonatigen Recherchen von ndr, rbb und Süddeutscher Zeitung wurden tausende Seiten interner Dokumente, Emails und Aktenmaterial gesichtet. Aus ihnen ergibt sich die Chronik eines absehbaren Desasters. Die Tragödie beginnt, als der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner im Herbst 2014 in Berlin den Direktor der Londoner Tate Modern trifft: Chris Dercon. Kurz darauf will er ihn zum neuen Intendanten der Volksbühne machen. Ihre gemeinsame Vision: Das wichtigste Theater Deutschlands soll zu einer "Projektgesellschaft" werden. So steht es schon in einer Email aus dem Januar 2015. Was das bedeutet – die Abschaffung des Ensembletheaters. Ausgerechnet einer der größten Regisseure der alten Volksbühne, Rene Pollesch, soll ihm dabei als Schauspielchef, helfen. Doch der lehnt ab.

Tim Renner

Dennoch treiben Renner und sein Chef, der Regierende Bürgermeister  und damalige Kultursenator Michael Müller, die ambitionierten Pläne weiter voran. "Es ist schon vieles am Anfang schief gegangen. Das, was ich mir vorwerfen muss, dass wir nicht in dem Moment, wo wir wussten, ein Rene Pollesch wird nicht mitmachen im Team, nicht noch einmal das ganze Konzept hinterfragt haben und neu aufgestellt haben. Das, was sich der Kultursenator vorwerfen muss, ist, dass man nicht dafür gekämpft hat, Mittel für Tempelhof im Haushalt zu etatisieren!", so Tim Renner.

Die Fehlplanung eines kulturellen Großprojekts

Klaus Lederer, Kultursenator

Im Klartext: Die Berliner Politik bestellt bei Dercon ein Konzept, dass sie nicht bezahlen kann. Der will einen Millionenbetrag bei Sponsoren auftreiben. Gemeinsam träumen sie weiter. Als Dercon schließlich in seine Intendanz startet, hat er schon verloren. Sein Programm rettet ihn nicht: Die groß angekündigte Verbindung von Kunst, Theater, Tanz und Film bleibt ein Versprechen – kein Wunder, bei nur 4 echten Premieren. Die Stimmung in der Stadt ist längst offen ablehnend. Chris Dercon wird als neoliberaler Eventfuzzi beschimpft. Die Politik lässt ihn im Stich. Mittlerweile wurde in Berlin gewählt, und der neue Kultursenator hatte Dercon schon im Wahlkampf zur Fehlbesetzung erklärt – ein Jahr vor dessen Amtsantritt. Dass er ihn dann überhaupt anfangen lässt, ist sein Maximum an Unterstützung. Kultursenator Klaus Lederer daraufhin: "Jeder der auf so eine Position besetzt wurde, hat das Recht, es zu probieren, muss die Chance auch haben, das auch umzusetzen. Ich hab im Grunde seit diesem Zeitpunkt mich auch nicht mehr öffentlich zu diesem ganzen Vorgang geäußert. Ich hab jedes Interview abgelehnt, ich hab das nicht kommentiert."

Bis zu diesem Freitag, als er die "einvernehmliche" Trennung verkündet. Was bleibt, ist eine leere Hülle ohne Leitung und Konzept. Die vielen Schließtage und eine katastrophale Auslastung brachten das Haus an den Rand des Ruins. Und nun? Die verantwortlichen Politiker äußern dürre Sätze des Bedauerns und reden von Neustart. Erfassen sie die Dimension ihres Scheiterns überhaupt. "Es geht darum, dass man wirklich begreift, was für eine komplexe Zerstörung da stattgefunden hat. Über die muss man nachdenken und man muss drüber nachdenken, inwieweit übernimmt ein Politiker Verantwortung für seine Entscheidungen? Es ist jetzt alles kaputtgegangen und es gibt jetzt auf allen Seiten nur Verlierer.", so der Regisseur Herbert Fritsch.

Autoren: John Goetz, Peter Laudenbach, Tim Evers

Stand: 15.04.2018 20:00 Uhr

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