SENDETERMIN So, 07.02.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Colonia Dignidad"

Der neue Thriller von Florian Gallenberger

Ganz nah dran ist dieser Film an der Wirklichkeit, am Terror des Sektenführers Paul Schäfer, am Leben in Angst und blindem Gehorsam. In der "Colonia Dignidad" – der "Kolonie der Würde" – zählt die Würde des Menschen aber nicht das Geringste. Es zählt einzig und allein Paul Schäfer. Seine Anhänger glauben in ihm die Stimme Gottes zu hören. Aber Schäfer nutzt seine Macht nur aus, vergeht sich immer wieder an Kindern und Jugendlichen. Und das fast vier Jahrzehnte lang. "Schäfer hat sein Paradies auf Erden geschaffen", sagt Regisseur Gallenberger. "Schäfer hat den Ort geschaffen, an dem er seine abgründigen Begierden ungestraft und unbegrenzt ausleben konnte."

Anführer, Doktrin, Brutalität

Das Tor der Colonia Dignidad
Das Tor der Colonia Dignidad

Die Colonia war in Chile ein Staat im Staat. Ein 30.000 Hektar großes Areal, auf dem über 300 Deutsche lebten, wie in einem Hochsicherheitsgefängnis. Florian Gallenberger zeichnet in seinem Thriller die bedrückende Atmosphäre bis ins Detail nach. "Die Colonia ist wirklich eine Blaupause von einem Mini-Terrorstaat", sagt Gallenberger. "Es gibt den Anführer, es gibt die Doktrin und es gibt Brutalität. Und ich glaube, das sind die drei Säulen, auf denen das immer aufbaut. Und diese Klaviatur hat er perfekt beherrscht."

Eine riskante Rettungsmission

Daniel Brühl und Emma Watson in "Colonia Dignidad"
Daniel Brühl und Emma Watson in "Colonia Dignidad"

Im Film "Colonia Dignidad" spielen Daniel Brühl und Emma Watson ein Liebespaar, das die sozialistische Regierung von Salvador Allende unterstützt. Am 11. September 1973 werden tausende Allende-Anhänger im Fußballstadion von Santiago de Chile zusammengetrieben. Wer denunziert wird, den verschleppt der Geheimdienst. Daniel Brühls Figur landet im Folterkeller der Colonia Dignidad. Und so begibt sich seine Freundin auf eine einsame, riskante Rettungsmission, hinein in die Welt von Paul Schäfer, in der die Flucht – wie sich bald herausstellen wird – so gut wie unmöglich ist. "Seine große Fähigkeit und Gabe, die er hatte, ist sofort zu spüren, wer schwach war und wen man unterdrücken kann und wie man das tun kann", sagt Gallenberger. "Er hatte wie einen sechsten Sinn für die Ängste und die Schammomente der Menschen."

Grausame Folterstrafen

Jörg Schnellenkamp
Jörg Schnellenkamp

Männer, Frauen und Kinder mussten streng getrennt voneinander leben. Intime Beziehungen duldete Schäfer nicht. "Viele sind in irgendeinem Moment umgefallen und haben dann den anderen denunziert oder über ihn gesprochen", sagt Jörg Schnellenkamp, der in der Colonia Dignidad aufgewachsen ist. "Und dann gab es entweder Strafen oder sie wurden auseinander gehalten, bis hin zu pharmazeutischen Behandlungen, Elektroschocks und so weiter."

Täter und Opfer wohnen heute noch nebeneinander auf dem Areal, auch nach Schäfers Tod 2010. Viele Traumata, etwa durch die Elektrofolter, sind noch lange nicht aufgearbeitet. "Das war so grässlich, unaufhörlich" erinnert sich Aki Laube. "Der eine hat vorne reingehalten, in die Hoden, der andere hat dann hinten reingehalten. Dann hat es dich nach vorne gebeugt, dann hat er wieder auf den Kopf gehalten, wieder unter die Füße gehalten, unter die Kniekehlen gehalten, in den Rücken gehalten."

Ein nicht aufgearbeitetes Kapitel im Auswärtigen Amt

Regisseur Florian Gallenberger
Regisseur Florian Gallenberger

Die deutsche Botschaft hielt stets schützend die Hand über die Colonia Dignidad - bis heute ein nicht aufgearbeitetes Kapitel im Auswärtigen Amt. Der Umgang mit Diktator Pinochet war unheimlich, die Nähe zu Schäfers Sekte ein Skandal. NSDAP-Mitglied und SA-Mann Kurt Luedde-Neurath war bis 1975 Botschafter in Chile, sein Nachfolger Erich Strätling gab 1977 sein Ehrenwort, dass alle Vorwürfe gegen die Colonia Dignidad vollkommen haltlos seien.

"Die Pässe mussten abgegeben werden"

"Diejenigen, die es geschafft haben, rauszukommen, mussten in die Botschaft, weil sie keine Pässe hatten", sagt Gallenberger. "Die Pässe mussten abgegeben werden, die wurden zentral verwahrt. Bis 1985, also 24 Jahre lang, hat die Botschaft alle zurückgeschickt in die Colonia Dignidad. Wenn man sich vorstellt, dass man diesem mörderischen System unter Lebensgefahr entkommt und in die Botschaft flüchtet, wo jeder Mensch denkt, das ist der sichere Hafen – meine Botschaft! – und dann wird dort angerufen und man wird zurückgeschickt. Das finde ich echt skandalös."

Ein Film ohne moralischen Zeigefinger

Paul Schäfer in der Colonia Dignidad
Paul Schäfer in der Colonia Dignidad

Diese Wut packt Florian Gallenberger in seinen Film. Und dabei vermeidet er den Kardinalfehler, der so oft vom deutschen Politkino begangen wird. "Colonia Dignidad" verzichtet auf den moralischen Zeigefinger. Er ist ein geradliniger Thriller, spannend, verstörend und so kurzweilig, wie man es oft nur aus Hollywood kennt. Dadurch führt er umso effektiver die verlogene Scheinwelt und den Wahnsinn der "Colonia Dignidad" vor. Ein Wahnsinn, der Jahrzehnte lang kein Ende nahm.

(Autor: Florian Kummert)

FILM-TIPPS

"Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück”
ab 18. Februar im Kino

"Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad"
ab 18. Februar im Kino

Stand: 11.11.2016 15:11 Uhr

17 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.