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Das Kongo Tribunal

Das Kongo Tribunal | Video verfügbar bis 29.10.2018

Weil die Justiz im Osten der Demokratischen Republik Kongo tausende Verbrechen ignoriert, bringt der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau den Prozess kurzerhand auf die Theaterbühne. Am gefährlichsten Ort der Welt lässt er 2015 Rohstoffkonzerne, Politiker, Rebellen, Militärs und 40 Zeugen auf eine Jury aus internationalen Juristen und Experten treffen. Echte Akteure, echte Fälle, nur das Urteil hat keine Rechtsfolge – ein Wahnsinnsprojekt. Im Sommer 2017 kehrt er mit dem Film über sein "Kongo Tribunal" zurück in den Ostkongo: ttt hat ihn begleitet und fragt, kann Kunst die Welt verändern, wenn die Politik versagt?

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo

Filmszene aus "Das Kongo Tribunal"
Filmszene aus "Das Kongo Tribunal"

Als der Schweizer Theatermacher Milo Rau vor 3 Jahren hier recherchiert, geschieht in einem Dorf ein Massaker. 36 Tote, der jüngste war 2 Monate alt. Seit 20 Jahren herrscht im Kongo Bürgerkrieg: 6 Millionen Tote, jede dritte Frau vergewaltigt. Unfassbare Gräueltaten, um die Menschen zu vertreiben. Denn sie haben das Pech, auf einem der reichsten Böden der Welt zu leben. Zinn, Coltan, Kupfer – Rohstoffe, ohne die es Computer, Handys oder Elektroautos nicht gäbe. Um diese Bodenschätze kämpfen Armee und Rebellen. Die korrupte Regierung verscherbelt Abbau-Lizenzen an internationale Großkonzerne. Da stören die Menschen, die hier leben. Tausende ungestrafter Massenverbrechen, die Regierung schaut zu, der Westen profitiert von niedrigen Rohstoffpreisen.

Das lässt Milo Rau keine Ruhe. Kunst ist für den Theatermacher nur etwas wert, wenn sie in die Wirklichkeit eingreift. Für ihn ist die Aufgabe der Kunst, die Menschen wachzurütteln, damit sie gegen Ungerechtigkeit aufbegehren. Wenn die Politik versagt, muss eben er als Künstler handeln. Er befreit sich durch eine Art Vorwärtspanik. Im Interview nennt er es seinen persönlichen Lebenstrick.

Das künstlerische Großprojekt

Theaterregisseur Milo Rau
Theaterregisseur Milo Rau

Milo Rau stemmt sein bislang größenwahnsinnigstes Projekt: 2015 inszeniert er ein symbolisches Gericht und dreht gleichzeitig einen Film darüber. Auf der Bühne lässt er drei reale Fälle verhandeln. Richter, Staatsanwalt und 40 Zeugen, vom kleinen Goldschürfer bis zum Minister – alle sind echt, nur hat das Urteil keine Rechtsfolge. Gerichtsverfahren, die in der Wirklichkeit fehlen, im Theater stattfinden zu lassen, darauf hat sich Milo Rau spezialisiert. Monatelang recherchiert er, geht den Konfliktparteien auf die Nerven bis wirklich alle mitmachen: Regierung, Rebellen, Unternehmer. Dann überlässt er ihnen die Bühne. "Mein Trick ist ganz einfach: Ich übergebe die Verantwortung den Beteiligten. Wenn du jemandem die Verantwortung gibst, und er versteht: Das sind jetzt meine 20 Minuten." (Milo Rau)

Zurück im Ostkongo

Sommer 2017, Milo Rau ist zurück im Ostkongo, unterwegs mit seinem Film. Der Pfarrer eines kleinen Dorfes in der Provinz war ein wichtiger Zeuge. Vor dem Tribunal erzählte er eine Geschichte, die hier jeden betrifft. Im Boden der Gemeinde wurde vor ein paar Jahren Afrikas größte Goldader entdeckt. Eine multinationale Goldabbaufirma verpflanzt also kurzerhand das gesamte Dorf aus dem fruchtbaren Tal auf einen 3000 Meter hohen Berg. Ohne die Bewohner nach ihrer Meinung zu fragen, ohne sie zu entschädigen. Das ist im Kongo legal.

Ein Film mit Botschaft

Filmszene aus "Das Kongo Tribunal"
Filmszene aus "Das Kongo Tribunal"

Die Menschen im Gemeindesaal sind elektrisiert. Seit 20 Jahren rufen sie vergeblich nach Gerechtigkeit, haben alle Hoffnung aufgegeben. Jetzt ist da auf der Leinwand ein Prozess, der ihr Leid zur  Anklage bringt. Dass das Ganze nur ein Film ist, spielt für sie keine Rolle. Gerechtigkeit ist möglich, das ist die Botschaft des Kunstprojekts. Sie wirkt wie ein Aufruf zur Revolution. Ob Stadt oder Dorf, Akademiker oder Analphabeten: Der Film rüttelt auf. Alle, die ihn sehen, glauben, dass sie selbst etwas bewegen können. Sie schmieden Pläne, das Gerichtsmodell tatsächlich umzusetzen. Genau das will Milo Rau: Der Utopie einen Raum geben, beweisen, dass das Unmögliche möglich ist. Das Kongo Tribunal verurteilt die Provinzregierung und multinationale Konzerne gleichermaßen. Die, die den Film sehen, verstehen auf einmal, dass das Leid der Kongolesen mit unserem Wohlstand zusammenhängt. Dieses Verstehen ist für Milo Rau die wichtigste Voraussetzung für Demokratie.

 Autorin: Patricia Corniciuc

Stand: 29.10.2017 18:22 Uhr

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