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Schriftsteller engagieren sich für den Dialog im Nahen Osten

Bestsellerautorin Ayelet Waldman in Hebron
Bestsellerautorin Ayelet Waldman in Hebron

Wie leben Israelis und Palästinenser zusammen? Wie sieht es im Westjordanland aus? Gemeinsam mit der in Israel umstrittenen Organisation "breaking the silence" haben die Schriftsteller Ayelet Waldman und Michael Chabon eine Anthologie herausgegeben. "Oliven und Asche" heißt das Buch, für das internationale Autoren wie Eva Menasse oder Assaf Gavron nach Hebron oder Ost-Jerusalem gefahren sind und von ihren Begegnungen erzählen. Wir stellen die Anthologie vor.

Buchvorstellung in Hebron

Karte von Hebron
Karte von Hebron

Vor wenigen Tagen in Hebron. Das amerikanische Schriftstellerpaar Ayelet Waldman und Michael Chabon ist hier her gekommen, um ein neues Buch vorzustellen. Als wir mit ihnen dort drehen, kommen sofort Kinder angerannt. Es sind die Kinder der jüdischen Siedler, die sich in der Innenstadt niedergelassen haben. Die israelische Armee hat die Hauptstraße vor einigen Jahren für alle Palästinenser gesperrt, um Konflikte zu vermeiden. Die Kinder der Siedler nehmen die Besucher als Eindringlinge wahr und beschimpfen sie.

Ayelet Waldman und Michael Chabon
Ayelet Waldman und Michael Chabon

Das aufgeteilte Hebron ist ein Sinnbild für den Konflikt im Westjordanland. Vor drei Jahren ist Ayelet Waldman schon einmal hier gewesen, sie war schockiert über die aggressive Rhetorik auf beiden Seiten, traf Menschenrechtsaktivisten und wollte etwas ändern an der Situation. In dem Gebiet, das von Israel vor 50 Jahren besetzt wurde, leben mehr als 2 Millionen Palästinenser. Rund 300.000 jüdische Siedler haben sich in der Zwischenzeit dort ebenfalls niedergelassen. Als Schriftsteller glauben Ayelet Waldman und Michael Chabon an die Macht von Geschichten und luden internationale Schriftsteller ein, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen.

"Wir sind beide als Juden eng mit dem Land verbunden. Ayelet ist in Jerusalem sogar geboren und spricht hebräisch. Aber ganz abgesehen davon finden wir beide, dass man den Mund aufmachen muss, wenn man Ungerechtigkeit sieht, zumal in einer so massiven Dimension." (Michael Chabon)

"Ja, es gibt die Messerangriffe durch Palästinenser. Doch gemessen an dieser Situation sind nur relativ wenige Israelis ermordet worden. Das kann man dem israelischen Militär als Erfolg anrechnen. Aber erreicht wurde es durch kollektive Bestrafung. Jeder einzelne Palästinenser muss sich ununterbrochen überwacht und verfolgt fühlen." (Ayelet Waldman)

Die Buchpremiere in Jerusalem

Riesenandrang bei der Buchpremiere in Jerusalem: Die Anthologie erscheint dieser Tage auf Englisch, hebräisch und arabisch. Es sind berühmte Autoren, die geschrieben haben wie Dave Eggers oder Mario Vargas Llosa. Bei der Auswahl ihrer Themen waren sie völlig frei und erzählen persönliche Geschichten: Wie leben Fischer im Gaza-Streifen? Was sind das für Kinder, die Steine auf israelische Soldaten werfen? Unterstützt wurden die Schriftsteller durch die umstrittene Aktivistengruppe "Breaking The Silence", die aus ehemaligen Soldaten besteht. Sie machen nicht nur regelmäßig Führungen durch Hebron, sondern sammeln Aussagen von Soldaten über ihre Erlebnisse im Westjordanland. Weil sie diese anonym veröffentlichen, werden sie kritisiert.

"Breaking The Silence benötigt Unterstützung, denn sie wurden als Verräter und Feinde von der israelischen Regierung ins Visier genommen. Ich war selbst Soldat in den besetzten Gebieten – in Gaza. Ich habe es erlebt. Ich weiß, dass die Geschichten, die sie erzählen, wahr sind. Dabei geht es nicht um eine einzelne Geschichte an sich, sondern um die Mechanismen. Ich war ein Teil dieser Mechanismen." (Assaf Gavron)

Fida Jiryis
Fida Jiryis

Wo immer die arabische Israelin Fida Jiryis gelebt hat, ob in Nordisrael oder Ramallah, bekam sie das Gefühl, ein Mensch zweiter Klasse zu sein: Davon handelt ihre Geschichte. Für sie ist das Buch ein Hoffnungsschimmer.

Dialog jenseits von Schuldzuweisungen

Tatsächlich: Die Lebenssituation der Menschen, die hinter der israelischen Mauer leben, ist selten so vielfältig zur Sprache gekommen. Was fehlt, ist das Bedrohungsgefühl, das viele Menschen in Israel empfinden. Haben die Herausgeber keine Angst, dass das dem Antisemitismus Auftrieb gibt, der sich oft als Kritik an Israel tarnt?

Die sehr persönlichen und gut geschriebenen Reportagen stellen eine große Chance dar: für einen Dialog jenseits der Schwarzweiß-Schuldzuweisungen. Im Herbst erscheint das Buch auf Deutsch.

Autor: Norbert Kron

Stand: 26.06.2017 13:58 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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