SENDETERMIN So, 21.02.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Mustang"

Filmdrama über Schwestern, die in der türkischen Provinz für ihre Freiheit kämpfen

Filmszene aus "Mustang"
Szene aus dem Filmdrama "Mustang"

Der Film "Mustang" beginnt mit einem unbeschwerten Kindheitsmoment. Für die fünf Schwestern werden es die letzten sein. Ein unschuldiges Spiel mit den Jungs am Strand wird ihr Leben verändern. Denn, noch schneller als die Mädchen, kommt das Gerücht der Nachbarin zuhause an. "Ab einem bestimmten Alter werden Mädchen in der Türkei nur noch sexuell betrachtet, in allem was sie machen, in allem was sie sind. Das macht es möglich, ihnen einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Sie sollen sich schuldig fühlen, verschleiern, sie werden eingeschränkt in allem, was sie sind.", sagt Regisseurin Deniz Gamze Ergüven.

Was heißt es, ein Mädchen oder eine Frau in der heutigen Türkei zu sein? Die 37jährige Deniz Gamze Ergüven ist in Paris und Ankara aufgewachsen. Es ist ihr erster Film, gerade wurde er für den Oscar nominiert. Frankreich hat ihn eingereicht. In der Türkei ist er höchst umstritten. Da hat man wohl verstanden, dass der Film "Mustang" nicht nur eine kleine Familiengeschichte über fünf Waisengeschwister erzählt, sondern auch ein symbolisches Bild zeichnet, von einer rückwärtsgewandten Türkei.

Es gibt Frauen, die niemals das Patriachat in Frage stellen würden

Lale, die jüngste, ist die Erzählerin des Films. Leicht und mit märchenhafter Symbolik entwickelt sich die dramatische Handlung. "Unser Haus wurde zu einem richtigen Gefängnis", so Lale in dem Film. Und weiter: "Unser Haus wurde zu einer Hausfrauenfabrik, aus der wir nicht rauskamen." Verschlossene Türen und Fenster. Es sind die alten Frauen des Dorfes, die dafür sorgen, dass die nächste Generation in das gleiche Korsett hineinwächst. Die Großmutter führt ihre Enkel im Dorf vor: keusch, jungfräulich – eine gute Partie für heiratswillige Männer. Zwangsheirat statt Schule, die Oma als willfährige Helferin des patriarchalen Systems.

"Es gibt diese Frauen, die niemals das Patriachat in Frage stellen würden, in dem sie leben. Die ohne jemals zu zweifeln ihr ganzes Leben lang in einem familiären Zusammenhang verbringen, der die Frauen unterdrückt. Daher reproduzieren sie ohne zu hinterfragen immer wieder weiter die schon bestehenden sozialen Verhältnisse.", sagt die Regisseurin.

Das Prinzip der Unterdrückung, Gewalt und Unfreiheit

Der Onkel der fünf Mädchen verkörpert ein Prinzip für Deniz Gamze Ergüven. Das Prinzip Erdogan, das Prinzip der Unterdrückung, Gewalt und Unfreiheit.

Die Geschichte spielt in der türkischen Provinz. Doch Deniz Gamze Ergüven sieht das Problem im ganzen Land: "Man hört permanent Regierungsmitglieder, die sich zur Stellung der Frau äußern. Es hört einfach nicht auf, dass man da hören muss, Frauen und Männer seien nicht gleich, und das aus höchsten Regierungskreisen! Dass die Rolle der Frau auf Erden nur die der Mutter sein kann, die Kinder gebären sollte und weil ständig so geredet wird, hat das am Ende dazu geführt, dass Gewalt gegen Frauen als normal gilt und deswegen die Zahl solcher Fälle zunimmt."

Kein perfektes Happy End

Trotz allem ist "Mustang" ein optimistischer Film! Wild – wie junge Pferde – sind diese Mädchen, deshalb wollte die Regisseurin auch, dass sie langen Mähnen haben: "Also ich war mir immer bewusst, dass der Film natürlich für den Rest der Welt exotisch sein wird, aber ganz besonders auch für die türkischen Jungs und Männer, die ja in der gleichen Gesellschaft wie die Mädchen leben. Ich bin mir sehr sicher, dass noch nie vorher ein Film aus der Sicht türkischer Mädchen erzählt wurde.", sagt die Regisseurin. Und weiter: "Das ist ein Film, der sagt, Mut zahlt sich aus und Freiheit ist ein großes Prinzip und das ist doch schon mal ein Anfang!"

Ein perfektes Happy End wird es nicht geben, aber einen Hoffnungsschimmer. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven hat große kleine Heldinnen erschaffen.

(Autorin: Ulrike Bremer)

Stand: 22.02.2016 10:32 Uhr

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So, 21.02.16 | 23:05 Uhr
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