SENDETERMIN So, 21.02.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Emanzipation im Islam?

Publizistin Sineb El Masrar will Frauen von religiöser Bevormundung befreien

PlaySineb El Masrar
Publizistin Sineb El Masrar kämpft für Frauen im Islam | Video verfügbar bis 21.02.2017

Sineb El Masrar ist die Tochter marokkanischer Einwanderer. Von ihren Eltern wurde sie zu Selbstbewusstsein erzogen. Zu eigenständigem Denken. Gleichzeitig ist sie religiös. Der Islam ist für die heute 34-jährige Publizistin eine tolerante spirituelle Kraft: "Das ist diese Barmherzigkeit. Mein Vater hatte mal gesagt, Islam ist (arabisch) Barmherzigkeit...also Barmherzigkeit und Güte. Und das ist ein Islam, den ich glaube, viele erlebt haben, auch sozusagen die erste Einwanderungs-Generation."

Heute erlebt El Masrar ihre Religion aber immer öfter als ideologisch: als Herrschaftsgebäude. Das all jenen Frauen, die ihren Glauben anders leben wollen, wenig Wahlfreiheit lasse. Nur wer sich in das enge Gerüst füge, gehöre dazu, so El Masrar.

Dabei sei der Islam weder dogmatisch noch eine "Macho Religion". Auf der Suche nach den religiösen Quellen stieß sie auf einflussreiche Muslimas, wie die marokkanische Universitätsgründerin Fathima al Fihri und andere starke Frauen. "Das ist ja das Traurige, dass das quasi so verleugnet wird, unter einem Schleier im wahrsten Sinne des Wortes versteckt wird. Es gab nicht nur die Frauen des Propheten, sondern auch die Töchter. Und es gab sehr viele Figuren im Laufe der islamischen Geschichte: wir hatten Herrscherinnen, die über Großreiche geherrscht haben. Aber wer Emanzipation verhindern möchte, verleugnet oder versteckt eben genau diesen Teil der Geschichte.", sagt Sineb El Masrar.

El Masrar wendet sich gegen eine reaktionäre Islam-Auslegung

Und deshalb rechnet die streitbare Publizistin – die auch in der Islamkonferenz der Bundesregierung saß – jetzt schonungslos ab. In ihrem neuen Buch fordert sie "Emanzipation im Islam". Und wendet sich gegen eine reaktionäre Islam-Auslegung, voller "narzisstischer Frauenunterdrückung". Die Lesart des Islam, die auch von vielen Deutschen Islam-Verbänden vertreten werde: "Also ich werfe den Verbänden in erster Linie vor, dass sie doppelzüngig sind. Auf der einen Seite sagen sie, sie sind frei, sie sind für die Demokratie, sie würden sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, aber auf der anderen Seite verbreiten sie eben genau das Gegenteil. Sie zitieren Islamisten, sie zitieren Akteure des politischen Islams und diese Akteure sind alles andere als emanzipatorisch oder demokratiefreundlich."

Dabei hätten gerade die Islam-Verbände eine wichtige Aufgabe. Statt nur eine Diskriminierung verschleierter Frauen zu beklagen, sollten sie auch klar Position beziehen gegen religiöse Indoktrination. Zum Beispiel durch Kinderbücher, in denen schon dreijährigen Mädchen Kopftuchtragen als religiöse Pflichtaufgabe beigebracht wird. So werde ein konservatives Frauenbild manifestiert, sagt El Masrar. Sie wirft den Verbänden vor, nichts dagegen zu tun.

"Natürlich darfst Du dein Koptuch ablegen"

Extreme und bedauerliche Randphänomene, so nennt das Zekeriya Altug, der Sprecher der Ditib, des größten deutschen Islam-Verbandes. In der Zentrale in Köln arbeite man schon seit Jahren an einem runderneuerten Frauenbild – Frauen-Quote inklusive. "Wir sagen, auch in Entscheidungspositionen, also Vorsitz oder stellvertretender Vorsitz müssen auch weibliche Mitglieder aktiv Entscheidungen treffen können. Mehr kann man eigentlich nicht tun, als den Frauen die Möglichkeit zu geben, selber für sich einzustehen.", so Zekeriya Altug.

"Mehr kann man eigentlich nicht tun?" – Im Bundesvorstand der Ditib sitzt eine einzige Stellvertreterin. Und von den über 800 deutschen Ditib-Gemeinden haben genau vier eine Frau an der Spitze. Das ist Teilhabe im Promillebereich.

Außerdem, kritisiert El Masrar, seien weibliche Vorstände noch lange kein Garant dafür, dass Frauen und Mädchen ihren Glauben selbstbestimmt leben können: "Es gibt unheimlich viele junge Frauen heute, die damit hadern das Kopftuch abzulegen. Und mit ihnen müssen wir uns solidarisieren. Wir müssen ihnen sagen: Natürlich darfst du das ablegen, wenn du dich damit nicht wohlfühlst."

Wer Kopftuch tragen will soll das gerne tun, sagt El Masrar – aber eben auf Grund einer autonomen Entscheidung und nicht, weil andere es so wollen. Es seien die Männer, die sich seit vielen Jahrhunderten die Deutungshoheit über die Schriften und damit die Macht gesichert hätten: Macht über die Frauen, mit deren Kraft und Sexualität viele Herren offensichtlich überfordert seien. "Wenn eine Mann Angst hat seine Frau zu befriedigen, oder Angst hat, in Konkurrenz zu treten mit vorherigen Liebhabern oder Ehepartnern, dann ist es natürlich einfacher, die Frau so früh wie möglich zu konditionieren sich unterzuordnen und damit keine Forderungen, auch im Sexuellen, zu stellen. Und dieses "der Frau nicht zu genügen", das ist etwas, was durch viele theologische Texte wirklich sehr auffällig ist.", sagt die Publizistin.

Klare Position gegen Unterdrückung und Bevormundung

Weltweit sei diese historisch gewachsene Unterdrückung und Bevormundung der Muslimas im Namen der Religion noch immer trauriger Alltag, so El Masrar. Auch in Deutschland. Dagegen müsse klar Position bezogen werden. Statt – wie die Verbände – immer alles zu relativieren: "Rechte sind keine Privilegien! Die stehen uns zu. Und da möchte ich und möchte auch mit den anderen Frauen sagen: Debattiert nicht darum. Nehmt euch das, was euch zusteht. Und deshalb auch dieser Untertitel im Buch: ohne Kompromisse. Es steht uns zu. Punkt. Darüber wird nicht verhandelt."

Sineb El Masrar. Sie hat ein mutiges Buch geschrieben. Eine Streitschrift. Für ein selbstbestimmtes Leben – innerhalb ihrer Religion…

Buchtipps
"Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden"
Von Sineb El Masrar
Herder Verlag (9. Februar 2016)
ISBN: 978-3451342769
Preis: 24,99 Euro

"Muslim Girls: Wer sie sind, wie sie leben"
Von Sineb El Masrar
Herder Verlag (9. April 2015)
Taschenbuch
ISBN: 978-3451067792
Preis: 10,99 Euro

(Beitrag: Philipp Engel)

Stand: 22.02.2016 10:31 Uhr

Sendetermin

So, 21.02.16 | 23:05 Uhr
Das Erste