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Staatsfeind Nummer neun?

Die Antisemitismus-Debatte rund um Jakob Augstein und Henryk M. Broder

Jakob Augstein und Henryk M. Broder (Bild: dpa) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Jakob Augstein (l.) und Henryk M. Broder ]
Wenn es nach dem Simon-Wiesenthal-Zentrum, der größten jüdischen Menschenrechtsorganisation, geht, ist der deutsche Publizist Jakob Augstein Israels Feind Nummer neun. In einer TopTen–Liste der international schlimmsten Antisemiten, die das Zentrum unlängst veröffentlichte, nimmt Augstein Platz neun ein. Angeregt war diese Positionierung von dem deutschen Publizistenkollegen Henryk M. Broder. Der lieferte sich daraufhin mit  Jakob Augstein in der letzte Woche einen Schlagabtausch, der zu einer ausgewachsenen Antisemitismus-Debatte in der deutschen Presse zu Jahresbeginn wurde. Ein Thema, das regelmäßig die Welt beschäftigt und Deutschland ganz besonders.

„ttt“ sprach mit Henryk M. Broder, Jakob Augstein, Journalisten in Israel und Shimon Samuels vom Simon-Wiesenthal-Zentrum, der bereits vor zwei Jahren einen „Ethischen Kodex für Journalisten“ veröffentlicht hat, in dem Journalisten Verhaltensregeln im Umgang mit Israel empfohlen bekommen. „ttt“ über die Frage, wie man Israels Politik kritisiert, ohne dabei ein Antisemit genannt zu werden.

Autor: Philipp Engel

Text des Beitrags:

Seit Tagen wird erbittert gestritten:  Ist dieser Mann ein Antisemit? Jakob Augstein - Verleger der Wochenzeitung  "Der Freitag" und Kolumnist bei  “Spiegel online“.  Seit Ende Dezember steht er auf Platz 9 einer "Top-Ten" Liste der weltweit schlimmsten Antisemiten.  In bester Gesellschaft mit Ahmedinejad, den Muslimbrüdern und anderen bekennenden Judenhassern.   Erstellt hat die Liste das Simon Wiesental Center:

"Augstein ist seiner journalistischen Verantwortung nicht gerecht geworden",  sagt Shimon Samuels  vom Simon Wiesenthal Center, "weil er die Israelische  Regierung von heute  als eine Naziregierung bezeichnet. Das verstößt gegen die OSZE und die EU Richtlinien und   andere Vereinbarungen. Und sowas  trägt zur Verbreitung des Antisemitismus bei."

Tatsächlich hat sich Augstein in zwei Jahren  fünf Mal kritisch mit Israel auseinandergesetzt. Ist er deshalb ein Antisemit?  Seine Kritiker  stoßen sich vor allem an bestimmten Formulierungen.  Wenn Augstein vom Gazastreifen als einem "Lager" schreibe, sei die Assoziation zum KZ nicht weit.  Und wer wie Augstein behaupte, "die Regierung Israels führe die ganze Welt am Gängelband"  und sei ein "Brandstifter", der bediene das Klischee der jüdischen Weltverschwörung.

"Es wird hier auch sehr selektiv zitiert", sagt Jakob Augstein. "Und trotzdem hat mich die Kritik sehr getroffen und mich auch traurig gemacht, weil ich mich in die falsche Ecke gedrängt sehe."

Alles nur ein großes Missverständnis? Nein, findet  der Berliner Autor Henryk M.  Broder.  In einem offenen Brief nannte der bekennende "Polemiker"  Augstein kürzlich seinen "Lieblings-Antisemiten".   Denn für Broder sind Augsteins Texte ein typisches Beispiel für einen neuen, modernen Antisemitismus der Mitte: "Die  Art Israel zum Sündenbock zu machen,  ist wie früher im Stürmer. Damals war es der Finanzjude, heute ist es die Gemeinschaft im Nahen Osten", so Broder.

Für Broder zeigt sich  Antisemitismus heute nicht mehr in Gestalt pöbelnder SA-Männer, die "Juda verrecke"  grölen. Sondern in einem einseitigen Blick auf Israel. Und er behauptet,  viele Deutsche gingen mit der Politik Israels besonders leidenschaftlich ins Gericht: mit einem Land, das von Feinden umzingelt ist. Von Regimen, die es toternst meinen mit der Vernichtung ihrer jüdischen Nachbarn.

Warum, fragt Broder,  beschäftigen sich diese Menschen nicht mit demselben Eifer auch mit der Hamas, der Hisbollah oder der Regierung im Iran?  "Diese Kritik", so Broder, "dient dem Ziel das Gewissen zu entlasten. Je mieser sich die Israelis aufführen  - und sie führen sich oft mies auf -, desto entlasteter fühlt sich der Deutsche."

Er sieht das anders. Der israelische Journalist  Gidon Levi.  Der Star-Kolumnist der renommierten israelischen Tageszeitung "Haarez" sagt:  "Auch so manchem jüdischen Kritiker geht es eigentlich um etwas ganz anders, wenn er Journalisten als Antisemiten bezeichnet: Jede Kritik an Israel wird mittlerweile als Antisemitismus bezeichnet. Und das ist sehr praktisch. Denn anstatt dass wir Israelis uns fragen, läuft da vielleicht was falsch, attackieren wir sofort die Kritiker und sorgen dafür, dass sie sich entschuldigen müssen. Natürlich gibt es Antisemitismus. Keine Frage. Aber es gibt sehr ernstzunehmende Kritik an Israel. Und sie ist berechtigt und verdient. Und diese Kritik hat nichts mit Antisemitismus zu  tun."

Wenn Israel unsere Kritik braucht, wie soll man sie dann äußern?  Das Simon Wiesenthal Center wünscht sich eine differenziertere Betrachtung des Landes, denn im Nahen Osten könnten nicht nur Karikaturen, sondern auch Worte schnell zu Gewalt führen: "Wenn ein Journalist eine bestimmte Grenze überschreitet", so Shimon Samuels, "und seine Worte zu Hass und Gewalt führen können, dann hat er eine gewisse Mitschuld. Er ist mitverantwortlich für die Konsequenzen. Wir haben das so oft im Nahen Osten erlebt, dass ein Artikel zum Tod führen kann."

Jakob Augstein – Verleger und Journalist: "Ich kann doch mit meinen Texten nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass irgend ein Verrückter sie liest und sagt, der Meinung bin ich auch, das will ich, glaube ich, nicht, das ist auch, glaube ich, meine Arbeit…  das ist nicht mein Job."

Augstein ist sicherlich kein Antisemit. Aber darf man es sich so einfach machen? Haben wir wirklich keine  Verantwortung dafür, was aus unsere Worten wird?

Henryk M. Broder hat sich inzwischen dafür entschuldigt, dass er Augstein mit einem Nazi verglichen hat. Und  Augsteins Zeitung "Der Freitag" hat kluge und  differenzierte Artikel zur Debatte veröffentlicht. Gut so! Jetzt kann eine ernsthafte Debatte beginnen – über Kritik und unser Verhältnis zu Israel.

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 13.01.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 13.01.13 | 23:00 Uhr