SENDETERMIN So, 31.01.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Illegale Entführungen

Der britische Fotograf Edmund Clark dokumentiert, wie westliche Geheimdienste Krieg gegen den Terror führen

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Der britische Fotograf Edmund Clark | Video verfügbar bis 31.01.2017

Irgendwo in England steht ein Haus, angemietet vom britischen Geheimdienst. Hier wurde ein Terrorverdächtiger festgehalten. Ohne Haftbefehl und ohne Prozess. "Es geht darum, dass jemand gezwungen wurde, in dieses Haus einzuziehen. Er hat sich das nicht ausgesucht. Jeder Aspekt seines Lebens wird jetzt vom Staat kontrolliert. Die Details der Kontrollvorschriften sind ungeheuerlich, genauestens wird ihm vorgeschrieben, was er über den ganzen Tag tun darf und was nicht", sagt Edmund Clark.

Die illegalen Auswüchse des Antiterrorkriegs

Der britische Fotograf führt uns an Orte, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt, die so aber in unserer Nachbarschaft liegen könnten. Was wir auf den Fotos sehen, scheint nur banal – in Wirklichkeit geht es um den Krieg gegen den Terror. "Ein Großteil meiner Arbeit bricht dieses geopolitische Thema auf die Erfahrungen eines Einzelnen herunter, auf eine menschliche Ebene", erklärt Clark. Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Antiterrorkrieg der westlichen Geheimdienste und seinen illegalen Auswüchsen.

Szenenwechsel: Ein Hotelswimmingpool auf Mallorca. Wir erfahren, dass zwei Piloten im Januar 2004 in einem Hotel Shrimps-Cocktail und mehrere Flaschen guten Weißwein bestellt hatten. Es handelt sich um den Firmensitz einer Charterfluggesellschaft in den USA. Die zwei Männer aus dem Hotel sind Piloten dieser Firma. Und Clark hat auch ihren Flugplan. Der ging oft über Frankfurt nach Riad, Dubai, Pakistan oder nach Kabul. Ihre Passagiere wurden an einen Ort in Afghanistan gebracht. Früher stand hier das erste geheime Foltergefängnis der CIA.

Auf der Suche nach verborgenen Orten

Für seine Fotos hat Edmund Clark viele Dokumente eingesehen, hat detektivisch Orte gesucht und Belege darüber gesammelt, dass weltweit Menschen im Namen des Antiterrorkriegs gekidnappt werden. "Terror Incognitus – der Unbekannte Terror" und wir erfahren, die geheimen Foltergefängnissen liegen überall – auch in Europa. Clark war an vielen sogenannten "black sites" – "verborgenen Orten". Er hat entlassene Häftlinge getroffen, doch die Personen selbst zeigt er nie auf seinen Bildern!

Clark: "Ich treffe sie ja nicht aus journalistischen Gründen, um sie zu interviewen und darüber zu berichten, was geschah oder warum sie nicht protestierten. Ich gehe mit diesen Leuten ja nicht auf diese konventionelle Weise um. Fotografiere sie deshalb auch nicht."

Gewöhnliche Orte, aufgeladen mit Bedeutung

Wie bei Abu Omar. Edmund Clark recherchiert, wie er am 17. Februar 2003 in Mailand auf offener Straße gekidnappt wurde und dann über Rammstein nach Kairo geflogen wird. Weil Abu Omar einen Prozess anstrengt, gibt es Ermittlungsakten, die genau belegen, wie die CIA Agenten vorgegangen sind. Clark macht daraus ein Foto und zwar von der Straße der Entführung!

"Diese gewöhnlichen Orte, diese normalen Objekte, diese normalen bürokratischen Dokumente, wie Rechnungen, Geschäftsverträge, das sind profane Dinge. Aber sie sind mit Bedeutung aufgeladen, weil sie aus dem Netzwerk dieser geopolitischen Ereignisse stammen, das Banale ist verbunden mit der illegalen Entführung, Verschleppung, dem Verhör und der Folter von Individuen!", sagt der Fotograf.

Gerade werden seine Fotos in Mannheim gezeigt. Den Bildern sind einzelne Dokumenten zu Seite gestellt, die zum Beispiel ein belangloses Hotelzimmer und die Aussicht aus diesem mit der Verschleppung und Folter eines deutschen Staatsbürgers in Verbindung bringen.

Totalitäre Rechtlosigkeit mitten unter uns

Die Verursacher, Verfechter und Opfer des sogenannten Antiterrorkriegs projiziert Clark auf den CIA-Senatsbericht über illegale Praktiken in eben diesem Krieg. Der Bericht ist an vielen Stellen geschwärzt. Clarks Fotos sind wie diese geschwärzten Texte. Eine Oberfläche, die auf den ersten Blick nichts zeigt.

Edmund Clark will nicht politisch kommentieren dennoch schafft er es, auf ein brisantes Thema aufmerksam zu machen: Wie mitten in unseren demokratischen Gesellschaften eine totalitäre Rechtlosigkeit geduldet wird. Dazu passen auch Clarks Schlussworte: "Ich werde nicht sagen, ob ich das kritisiere oder nicht. Welche Schlüsse man aus meiner Arbeit zieht, das bleibt jedem selbst überlassen."

Bericht: Ulrike Bremer

Edmund Clark "Terror Incognitus"
ZEPHYR – Raum für Fotografie
Museum Bassermannhaus (Reiss-Engelhorn-Museen)
Mannheim  C4,9
31.1. – 29.5.2016

Stand: 03.02.2016 14:59 Uhr

Sendetermin

So, 31.01.16 | 23:05 Uhr
Das Erste