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Gestohlene Symbolik, Propaganda, Terror

Das Online-Magazin "Dabiq" – und der Widerstand

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Dabiq - Das Zentralorgan des IS | Video verfügbar bis 07.02.2017

Aufwühlende Fotos, Bilder von Glaubenskriegern, von Enthauptungen und Folterungen, religiöse Unterweisung, politische Grundsatzartikel – das ist "Dabiq", das Zentralorgan des sogenannten Islamischen Staates. Ein professionell gemachtes Online-Magazin, das direkt mit den Propagandavideos der Islamisten verlinkt ist.

Der Titel "Dabiq" bezieht sich auf eine Schlacht im syrischen Ort Dabiq, wo 1516 die Osmanen ein Heer von Ungläubigen besiegten. Heute, 500 Jahre später – so die apokalyptische Botschaft des Magazins – findet die entscheidende Schlacht gegen die Kreuzzügler von einst statt. Über dem Petersplatz in Rom wird die schwarze Fahne der Islamisten hängen.

Referenzen des Islam und die Symbolik der globalen Jugendkultur

Asiem El Difraoui
Asiem El Difraoui

"Diese Menschen haben seit 30 Jahren, auch mit den Vorläuferorganisationen und verwandten Organisationen Medienstrategien bewusst aufgebaut", sagt der Politikwissenschaftler Asiem El Difraoui. "Es gibt ganze Bücher darüber wie man als Dschihadist kommuniziert. Es gibt eine ganz merkwürdige, gefährliche Hybris. Referenzen des Islam treffen auf gestohlene Symbolik einer globalen Jugendkultur, den schlimmsten Trash, den wir in westlichen Gesellschaften produzieren."

Je größer der Schockeffekt, desto stärker die Faszination

Screenshot aus dem IS-Magazin "Dabiq"
Eine Seite aus dem IS-Magazin "Dabiq"

Im aktuellen Heft werden die Attentäter von Paris als Helden gefeiert. Mehrfach wurden in "Dabiq" spätere Anschläge angekündigt, in dazugehörigen Videos wie in einem Computerspiel nachgespielt. Für uns unvorstellbare Grausamkeit. Für die Strategen des IS eiskaltes Kalkül. Je größer Provokation und Schockeffekt, desto stärker die Faszination bei potenziellen IS-Kämpfern. Geschickt setzt die Medienstrategie bei den Bildwelten westlicher Jugendlicher an.

"Man kann sich immer wieder die Frage stellen: Können sich Coca-Cola, BMW und Apple gemeinsam so viele Headlines und so viel Medienfläche kaufen wie der Islamische Staat mit einer gezielten Terroraktion? Ob das jetzt grausame Morde sind oder die Zerstörung von Weltkulturdenkmälern", sagt Asiem El Difraoui. "Das sollte uns sehr zu denken geben. Wir fallen ja ständig in diese Propagandafalle. Wir reden jetzt auch schon wieder über Dabiq, Daesch, die Dschihadisten. Damit haben die schon sehr viel Erfolg."

Rechtfertigung für Menschenhandel

Foto eines IS-Kämpfers in "Dabiq"
Foto eines IS-Kämpfers in "Dabiq"

In einem Artikel von "Dabiq" werden Sklaverei, sexueller Missbrauch und Menschenhandel gerechtfertigt wird. Als der IS im August 2014 die Stadt Sindschar einnahm, flohen zehntausende Jesiden von dort in die Berge. Doch Tausende Frauen wurden von den Islamisten verschleppt, vergewaltigt und als Sex-Sklavinnen verkauft. IS-Kämpfer geben in Videos damit an, wie viel Geld sie für die Jesidinnen bekommen haben. "Dabiq" versucht jetzt nachzuweisen, dass das völlig im Einklang mit der wahren Lehre des Koran steht. "Die Artikel sind so aufgebaut: hier eine Viertel Koransure, da ein halber Vers", sagt Asiem El Difraoui. "Und dann behaupten sie wegen der Viertelsure und den zwei Worten von dem Vers können sie jetzt Frauen versklaven, Leute, die zum Islam konvertiert sind, umbringen, im Westen Bomben schmeißen."

Viele Denkmuster aus dem Westen

Viele der Denkmuster, die der IS in seiner Propaganda aufgreift, stammen aus dem Westen. Ein politischer Grundsatzartikel zitiert George Bush mit seinem Satz: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Der IS dreht den Spieß um: In einer Welt, in der es nur noch Freunde und Feinde gibt, hat er leichtes Spiel, unsere Gesellschaft zu spalten, innere Konflikte anzuheizen. "Bin Laden hatte schon gesagt 'Danke George W. Bush, dass du zum Kreuzzug aufgerufen hast.’ Das sind natürlich die besten Freunde der Dschihadisten. Desto mehr sie spalten, desto mehr Sympathien hoffen sie auch unter unzufriedenen Muslimen oder unzufriedenen Europäern überhaupt zu finden."

Horror-Videos aus Raqqa

Kinder aus der Stadt Raqqa mit Eimern, die für Wasser anstehen
Kinder aus der Stadt Raqqa

"Dabiq" gibt sich auch viel Mühe, die Zustände im Herrschaftsgebiet des IS in ein günstiges Licht zu rücken. Dort herrscht angeblich das Paradies des wahren Glaubens. Doch die Realität sieht anders aus. Abdalaziz Alhamza musste vor einem Jahr aus Raqqa, der Hauptstadt des IS, nach Deutschland fliehen. Er hatte eine Widerstandsgruppe gegründet, die Fotos und Videos aus Raqqa ins Internet stellt. Die letzten unabhängigen Informationen aus dem Zentrum der Gotteskrieger. In den Videos sieht man, wie Menschen stundenlang anstehen müssen, weil sie kein sauberes Wasser haben. Strom gibt es nur drei Stunden am Tag. Das einzige Krankenhaus ist außer Betrieb. "Es gibt kein Leben mehr in der Stadt", sagt Abdalaziz Alhamza. "Alles ist verboten. Die IS-Leute enthaupten Menschen auf offener Straße. Überall gibt es Checkpoints, sie verhaften und töten die Leute. Es ist wie in einem Hollywood-Horrorfilm."

Mit Plakaten und Parolen gegen den IS

Abdalaziz Alhamza
Abdalaziz Alhamza

Doch es gibt Widerstand. Die Aktivisten der Gruppe kleben nachts Plakate, sprühen Parolen gegen den IS, unter Lebensgefahr. Kleine, aber wirkungsvolle Aktionen, vergleichbar mit dem Widerstand der Weißen Rose in Nazi-Deutschland. Mindestens fünf Mitglieder der Gruppe wurden bereits umgebracht. Auch Abdalaziz Alhamza steht auf der Todesliste. "Das ist unsere Stadt. Und wenn wir nicht für sie kämpfen, wird niemand es tun. Irgendwann werden sie uns erwischen. Aber wir haben keine Angst. Wir akzeptieren, dass wir in diesem Kampf sterben werden. Vermutlich sehr bald."

Propaganda mit Schwachstellen

Die Propaganda des IS funktioniert nach den Regeln modernster Werbekommunikation. Mit immer neuen Schocks und Provokationen bestimmen die Islamisten die Nachrichten. Doch in letzter Zeit häufen sich Artikel in "Dabiq", die IS-Sympathisanten vor einer Flucht nach Europa warnen. Offensichtlich schwindet die Macht des IS bei denen, die die wahren Zustände in ihrem Herrschaftsgebiet täglich erleben. Das kann keine noch so gut gemachte Propaganda verhindern.

(Autor: Joachim Gaertner)

Stand: 07.02.2016 19:54 Uhr

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So, 07.02.16 | 23:05 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.