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Der Klang der Wut

Wie der Konzertpianist James Rhodes durch Musik zurück ins Leben fand

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James Rhodes begeistert junge Zuhörer für klassische Musik | Video verfügbar bis 21.02.2017

James Rhodes ist noch immer vor jedem Konzert angespannt – angekündigt wird er wie ein Popstar. Er ist ein cooler Typ und hat ein junges Publikum. Klassik im T-Shirt – auf Konventionen pfeift ein James Rhodes.

"Normalerweise läuft Klassik so ab: ein Typ kommt auf die Bühne, setzt sich ans Klavier. Das Publikum liest im Programmheft, während er spielt! Er spielt, starrt finster, spielt weiter. Dann ist Schluss. Da kann man doch gleich zuhause bleiben!", sagt der Konzertpianist.

Rhodes’ Konzerte sind anders: er spielt nicht nur, er geht auf das Publikum zu, erzählt, warum er die klassische Musik liebt. Deshalb kommen Leute, für die Klassik bisher tabu war. Rhodes ist bekannt für seinen rotzigen Ton: "Klassische Musik ist heute eine eigenartige Mischung: aus Weinen und Wichsen. Sie schämt sich für sich selbst!"

Rhodes, ein spätes "Wunderkind"

Erst vor zehn Jahren gab der Londoner sein erstes öffentliches Konzert. Heute, mit 40, spielt er im Barbican oder im Wiener Konzerthaus, macht Klassik-Shows fürs Fernsehen.

Jetzt hat er – dies allerdings ungewöhnlich früh – seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, die in Großbritannien für Aufruhr sorgte: "Der Klang der Wut". Ein drängendes Plädoyer für Musik – und die unfassbare Geschichte, wie die Musik sein Leben gerettet hat. "Mir war wichtig, nicht Kritikern zu antworten oder übers Musikbusiness zu schreiben, sondern über Dinge, über die noch immer keiner spricht – obwohl sie wichtig sind."

Er hat über seine Kindheit geschrieben – im London der 80er Jahre. Seine Eltern: wohlhabend, doch sie konnten ihn nicht vor dem Schlimmsten schützen. Der hübsche Junge wird missbraucht – vom Sportlehrer. James war damals sieben Jahre alt. Dazu der Pianist: "Als Kind vergewaltigt zu werden, ist der Everest des Traumas. Ich wurde benutzt, gefickt, gebrochen, als Sexpuppe missbraucht und geschändet. Immer und immer wieder, jahrelang.", und weiter: "Was wir an sexuellem Missbrauch noch immer falsch verstehen ist, dass man denkt er sei vorbei, sobald die Übergriffe vorbei sind. Tatsächlich dauert er viel länger an: denn der eigentliche Killer ist Scham! Scham ist das Schlimmste."

Ein Sück von Bach verzauberte ihn komplett

Ekel vor sich selbst: James kapselt sich ab. Doch er entdeckt ein Stück von Johann Sebastian Bach, das ihn komplett verzaubert: er fängt an, zu üben. Schafft sich einen Schutzraum aus Musik.

Erst als Rhodes selbst Vater wird, kollabiert er: Er fragt sich: wie kann er sein Kind, einen Jungen, vor einem Missbrauch bewahren? Selbstverletzungen, Suizidversuche. Rhodes landet in der Psychiatrie, wird ruhig gestellt. Nur eines dringt zu ihm durch: Musik – wieder ist es ein Stück von Bach, das ihn rettet – das 3. D-Moll-Konzert (nach Marcello).

"Wenn etwas so Starkes, so Schönes existiert – dann kann nicht alles schlecht sein. Das reichte aus, um zu sagen: ok, ich mach noch ein bisschen weiter.", erinnert sich Rhodes, "Musik ist das Einzige, das mich immer wieder aufgefangen hat. Alles andere kommt und geht: Menschen, Geld, Medikamente. Musik aber funktioniert immer!"

James Rhodes: Es geht um alles, wenn er spielt, das macht seine Musik groß.

"Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt"
Von James Rhodes
Verlag Nagel & Kimche AG (1. Februar 2016)
ISBN: 978-3312006540
Preis: 22,90 Euro

(Autorin: Brigitte Kleine)

Stand: 22.02.2016 12:23 Uhr

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