SENDETERMIN So, 17.04.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Magische Verwandlung

Die großartige Unterwasserkunst von Jason deCaires Taylor

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Die Unterwasserskulpturen von Jason deCaires Taylor | Video verfügbar bis 17.04.2017

Hinab in eine Welt jenseits der Zeit. Verfall und magische Verwandlung. Die Natur – Meeresgetier, Korallen, Schwämme – formt diese Kunst. Wir hatten Aufnahmen von diesen Skulpturen gesehen und wollten sofort los, den Mann treffen, der sie geschaffen hat: Jason deCaires Taylor. "Wenn man ins Meer taucht, wenn man seinen Kopf unter die Oberfläche steckt und das kalte Wasser auf seinem Gesicht spürt, dann kommt man in diesen anderen Bewusstseinszustand", sagt er. "Alles fühlt sich jenseitig an, alles bekommt eine andere Perspektive."

Europas erstes Unterwassermuseum

Der Kopf einer Unterwasserskulptur
Der Kopf einer Unterwasserskulptur

Playa Blanca auf Lanzarote. Seit Monaten erschafft Taylor hier mit vier Mitarbeitern das Museo Atlántico, Europas erstes Unterwassermuseum. Die Figuren sind Abbilder der örtlichen Bevölkerung. Sie werden als Monument versenkt. Das Material ist extra für das Meer entwickelter, Jahrhunderte lang haltender Beton. Durchsetzt mit porösen Anteilen, Löchern, Strukturen. Die Natur soll die Kunst vollenden. "Jedes dieser Teile ist so konstruiert, dass sich Meeresbewohner ansiedeln können", erklärt Taylor. "Viele der Oberflächen machen wir besonders rau, mit Textur. Das ist das perfekte Trägermaterial für Meeresflora und -fauna. Wir bereiten diese Skulpturen vor, aber sobald sie ins Meer gebracht werden, verabschiede ich mich von ihnen." Das Meer arbeitet dann weiter. Korallen, Schwämme und Seeanemonen. Es ist wie bei Arcimboldo – aber unberechenbar und in stetem Wandel, jeden Tag anders und neu.

Vanitas, Vergänglichkeit und Flucht

Eine Unterwasserskulptur mit dem Kopf im Meeresboden
Eine Unterwasserskulptur mit dem Kopf im Meeresboden

15 Minuten Bootsfahrt vom Studio entfernt, in der Bucht Las Coloradas, ist das neue Museum. Das Boot ist der Kassenbereich. 14 Meter tiefer: eine Gruppe von 35 Menschen auf dem Weg ins Jenseits. The Rubicon. Vor 300 Jahren haben auf Lanzarote die Vulkane fast das komplette Leben ausgelöscht. Alles atmet hier den Tod.

300 Skulpturen sollen es einmal werden. Bis jetzt sind 60 davon versenkt. Engagiert wurde Taylor, um eine Touristenattraktion zu bauen. Und was macht er? Er bringt den Touris die Themen Vanitas, Vergänglichkeit und Flucht. Die Kanarischen Inseln waren lange Zeit ein Tor Afrikas zu Europa. Sein "Floss von Lampedusa" mit Flüchtlingen zitiert das "Floss der Medusa" von Géricault.

Erst Sinnkrise, dann Unterwasserskulpturen

Taucher betrachten eine Unterwasserskulptur
Taucher betrachten eine Unterwasserskulptur

Getaucht ist Taylor schon als Kind. Aufgewachsen als Sohn eines Briten und einer Guyanerin in Malaysia. Kunststudent. Tauchlehrer. Mit 30: Sinnkrise, er verkauft sein Haus und investiert all sein Geld in Unterwasserskulpturen. In die Themse in London stellt er vor kurzem vier apokalyptische Reiter - ganz nah an der Finanzindustrie. "The Rising Tide".

"Kunst, die jeder versteht"

Auf den Bahamas hat er das Porträt eines Inselmädchens gemacht: fünf Meter hoch, 60 Tonnen schwer. Wie Atlas trägt sie die Welt auf ihren Schultern. Ganz nebenbei lockt sie die Tauchtouristen an, die normalerweise die nahen Korallen zerstören würden. "Ich wollte keine Galerie für Snobs und die Elite machen", sagt er. "Sondern Kunst, die jeder versteht und die alle erreicht."

Vom Sprayer zum Natur-Fan

Jason deCaires Taylor hat als Teenager Graffiti gesprüht. War ein leiser Typ. Liebte es Zeichen zu hinterlassen, aber es war ihm völlig egal, ob diese Zeichen jemals gesehen würden. Heute hinterlässt die Natur die Zeichen und er kehrt immer wieder zurück. Und staunt.

(Autor: Andreas Krieger)

Stand: 18.04.2016 09:35 Uhr

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