SENDETERMIN Mo, 31.07.17 | 00:10 Uhr | Das Erste

"Exit West" – der pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid über Flucht und Migration

Flucht in eine bessere Welt? | Video verfügbar bis 30.07.2018

Achten sie auf diesen Mann. Er hat ungemütliche Botschaften. Gewissermaßen ein Hiob aus Pakistan. Der Schriftsteller Mohsin Hamid ist ein genauer Beobachter der gesellschaftlichen Erschütterungen seines Landes: "In Pakistan können wir sehen, was mit einem Land passiert, das sagt, dies ist ein muslimisches Land. Dann kommt als nächstes die Frage: Wer ist Muslim? Du sagst, du bist Muslim, aber betest du auch? Trinkst du Alkohol? Freundest du dich etwa mit Indern an, wenn du ins Ausland reist? Und dann wird man feststellen, keiner genügt diesen radikalen Ansprüchen, keiner ist Muslim genug."

"Exit West" – alle redeten über das Weggehen

Männer auf Mopeds in Lahore (Pakistan)
Mohsin Hamid lebt inzwischen wieder in Lahore, Pakistan.

Ein islamistischer Selbstmordanschlag diese Woche in Lahore, der Heimatstadt von Hamid. 26 Menschen sterben. Als wäre die Geschichte seines neusten Romans "Exit West" zur Nachricht geworden. Hamid hat in den USA Jura und Literatur studiert und in London gelebt, bevor ihn seine Familie zurück nach Lahore zog. Er war erstaunt, dass dort alle, ob Freunde, Bekannte oder sein Friseur nur über das Weggehen redeten. "Exit West" – sein Roman ist daher eine konsequent zugespitzte Suche nach der besseren Welt.

"In Pakistan leben bestimmt ungefähr drei Prozent der Bevölkerung auf europäischem Niveau. Aber der Unterschied ist, dass es dem Durchschnittsbürger in Europa viel besser geht. Das ist die große Verlockung. Hier hat der Durchschnittsbürger keine Hoffnung auf diesen Lebensstil." So beschreibt der Autor die Lage in seinem Land.

Für Hamid wird die Massenwanderung nicht einfach so aufhören, sondern weitergehen: "Und zwar für Jahrhunderte. So wie es auch schon in den letzten Jahrhunderten war. Jeder, der glaubt, dass die Flüchtlingskrise vorbei ist, denkt unglaublich kurzfristig."

Suche nach einem besseren Leben

Welche Bedeutung haben in einer globalisierten Welt noch Nationen, fragt Hamid in "Exit West". Brauchen wir sie als Heimat um Wurzeln zu schlagen?

Und was passiert, wenn wie bei seinen Buchhelden Nadia und Saeed diese Wurzeln gekappt sind, weil militante Extremisten ihre Heimat verwüstet haben. Das junge Paar rettet sich in den Westen. Sie fühlen sich befreit und gefangen zugleich. Sie haben überlebt. Aber haben sie ihr Leben?

Dabei stellt sich für Hamid auch die Frage nach der Universalität der Werte Europas: "Europa ist auf der Idee der Universalität seiner Werte gebaut. Das wird gerade getestet. Die Menschen außerhalb Europas fragen, ob diese Werte, wenn sie universell sind, nicht auch für sie gelten? Das ist eine existentielle Herausforderung für Europa."

Resümee einer fremd gewordenen Welt

Mohsin Hamid
Der Autor Mohsin Hamid

Mohsin Hamids Roman ist wie ein Resümee über eine sich selbst fremd gewordene Welt. Und wenn seine Helden den, im Namen von irgendwem erschaffenen Verwüstungen entkommen sind, trauern sie um ihr nicht gelebtes Leben in der Heimat. Ihr neues zu Hause heißt London. Dort bevölkern sie mit anderen Flüchtlingen eigene Stadtteile. In Hamids Roman erobern britische Reservisten und die Armee diese Gebiete Großbritanniens von den Fremden zurück. Er treibt seine Geschichte ins Makabere, gerade so, als gelte es Europa gegen Außerirdische zu verteidigen.

Hamid sieht den aktuelle Umgang mit Geflüchteten sehr kritisch: "Es gibt doch nur die Möglichkeiten: Entweder wir massakrieren sie. Oder wir verbessern die Bedingungen in den Heimatländern. Oder wir schaffen Möglichkeiten in Europa, damit sie dort unterkommen und es uns allen besser geht. Realistisch wird es wohl eine Mischung aus allem werden. Und man kann nur hoffen, dass das Abschlachten auf ein Minimum reduziert bleibt."

Nadia und Saeed kommt es vor als sei die Welt auf einer Reise, getrieben doch ohne erkennbare Richtung. Und Hamid diagnostiziert Europa mitfühlend ein Persönlichkeitsproblem. Verschwimmende Grenzen einerseits und identitätsstiftende Nationalstaaten andererseits.      

"Die Angst, die Flüchtlinge könnten die europäische Gesellschaft zerstören ist real."

Diese Angst sollte man ernst nehmen, meint Hamid: "Ich denke, der Weg damit umzugehen, kann nicht sein, so zu tun, als ob alles so bliebe wie bisher und zugleich diese Angst kleinzureden. Die traurige Wahrheit ist, es ist unwahrscheinlich, dass es so bleibt. Es wird sich etwas verändern."

Manche sagen Zerstörung zur Veränderung. Hamid sagt zur Veränderung: "Überleben". Davon erzählt sein bemerkenswerter Roman.

Autor: Peter Gerhardt

Buchtipp

Mohsin Hamid: "Exit West"
DuMont Verlag 2017, 224 Seiten, Preis: 22,00 Euro

Stand: 31.07.2017 08:24 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 31.07.17 | 00:10 Uhr
Das Erste