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"Final Portrait" – Der Schweizer Künstler Alberto Giacometti als Filmheld

Giacometti auf der großen Leinwand | Video verfügbar bis 30.07.2018

Paris, 1964. Alberto Giacometti bittet seinen Freund James Lord für ihn Modell zu sitzen. Einen Nachmittag soll es allerhöchstens dauern, ein Portrait von ihm zu malen. Es werden 18 Tage daraus. Giacomettis amerikanischer Freund erhält in dieser Zeit tiefe und intensive Einblicke in den chaotischen und zermürbenden Schaffensprozess des Künstlers. All das hält er später in seinem Buch "Alberto Giacometti – Ein Portrait" fest.

Dieses Buch fasziniert den Regisseur Stanley Tucci: "Ich fand irgendwann dieses Buch und dachte, das ist das schönste Buch über den Schaffensprozess, das ich je gelesen hab. Ich habe es lange mit mir rumgetragen, immer wieder darin gelesen, weil es so inspirierend ist. Dann hab ich mich gefragt, ob ich nicht einen Film daraus machen kann."

Giacomettis Schaffen – angetrieben von Selbstzweifeln

Geoffrey Rush ("Shine") auf dem Weg zur Vorführung von "Final Portrait"
Geoffrey Rush auf der Berlinale 2017.

Der Schauspieler Geoffrey Rush, als Giacometti – eine Idealbesetzung. Das Pariser Atelier und die Kunst, die sich damals dort befand, lässt Tucci von jungen Künstlern originalgetreu nachbilden. Staubig, unordentlich, eng war Giacomettis Studio.

Dort treffen sich die Freunde nun bereits zum dritten Mal, James Lord musste seine Abreise nach New York verschieben. Fasziniert und irritiert beobachtet er die ungewöhnliche Arbeit des Künstlers und dessen Leben, angetrieben von Giacomettis Selbstzweifeln.

"Giacometti spricht sehr viel über ´Zweifel´ – ich glaube, dass Zweifel eine entscheidende Rolle spielen für seinen Schaffensprozess und das Thema ´Wiederholung´ ebenfalls. Erst durch die Wiederholung sehen wir die Dinge in einem klareren Licht und Giacometti hatte keine Angst davor, sich zu wiederholen." So Stanley Tucci über den Schaffensprozess des Künstlers.

Seine Werke – ein Blick in die Seele der Menschen

Berlinale 2017
Stanley Tucci präsentiert auf der Berlinale 2017 seinen Film "Final Portrait".

Giacometti konzentrierte sich bei seinen Arbeiten auf den Kopf und die Augen. So versuchte er in die Seele seines Gegenübers schauen. Er wollte den Menschen so zeigen, wie er ihn wirklich sieht - genau das brachte ihn zur Verzweiflung.

"Ein Künstler wie er im Buche steht", so beschreibt Tucci Giacometti. "Er tat alles völlig unverhohlen. Seine Bilder sind zwar sehr anmutig, Giacometti als Mensch war dagegen nicht gerade taktvoll, aber er hat genau das Leben gelebt, dass er leben wollte – ohne Kompromisse – und das sind zwei schwierige Dinge für jeden von uns."

Privat so schonungslos wie in er Kunst

Privat war Giacometti genauso schonungslos wie in der Kunst. Er war verheiratet, hörte aber nie auf andere Frauen zu begehren. Die Prostituierte Caroline ging im Atelier ein und aus. Ehefrau Annette fügte sich in ihr Schicksal. In Giacomettis letzten Lebensjahren blieb Caroline seine Muse und Geliebte. Stanley Tucci über das Liebesleben des Künstlers: "Er hat seine Ehefrau geliebt und sie ihn – aber aus irgendeinem Grund hat sie dieses Opfer gebracht und in diesem Elend gelebt. Als Giacometti eine Ausstellung hier in London in den 60ern hatte, kurz bevor er starb, kamen Annette und Caroline mit. Sie hatten drei Hotelzimmer gebucht, Giacometti konnte sich dann aussuchen, in welches er geht."

Das Ringen mit der Leinwand und dem Leben

Giacometti
Der Künstler Alberto Giacometti in seinem Atelier.

Stanley Tucci gelingt es auf eine spielerisch-leichte Weise, dem exzentrischen Künstler, aber auch dem verzweifelten Menschen Alberto Giacometti  nah zu kommen – wie er vor der leeren Leinwand mit sich ringt, als ginge es um sein Leben: "Ich werde nie einen Ausweg aus all dem finden."

Und so beendet James Lord schließlich Giacomettis verzweifelten Versuch, das perfekte Portrait zu malen. Aus einem Nachmittag wurden 18 Tage. Giacometti schenkte das Portrait am Ende James Lord. Vor zwei Jahren wurde es für 20 Millionen Dollar verkauft.

Für Tucci ist es klar: "Ob ich gerne Giacometti gewesen wäre? Na klar, aber ich hätte ein bisschen weniger geraucht und ab und zu mal geduscht."

"Final Portrait" – ein wunderbarer, genialer Film über den großen ewigen Zweifler Giacometti, und ihm zum Trotz über alle Zweifel erhaben.

Autorin: Barbara Block

Kinotipp
"Final Portrait", Kinostart: 03. August 2017

Stand: 31.07.2017 09:32 Uhr

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