SENDETERMIN So, 17.09.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Leanders letzte Reise"

Ein Mann auf der Suche nach sich selbst

Auf der Suche nach sich selbst: "Leanders letzte Reise" | Video verfügbar bis 17.12.2017

Eduard Leander ist 92, als seine Frau stirbt, doch seine Trauer hält sich in Grenzen. Im Gegenteil: Der grantige Alte findet endlich Zeit und Mut, in seiner Vergangenheit zu wühlen. Tochter Uli und Enkelin Adele sind einigermaßen überrascht, als sie Opa in seinem Schlafzimmer finden, als er gerade eine alte Kosakenmütze aufsetzt. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, die weitaus komplexer ist, als man zunächst vermuten mag.    

Großvater Leander macht sich auf den Weg in die Ukraine, um dort nach seiner Jugendliebe und seiner eigenen Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier zu suchen. Seine Enkelin Adele soll ihn davon abhalten. Beide wissen nicht viel voneinander  – aber das soll sich ändern. Letztendlich reist sie mit ihm in eine Vergangenheit, die bis ins Heute reicht und Generationen prägt.

Jürgen Prochnow fühlt sich an die Gechichte seiner eigenen Familie erinnert: "Das hat natürlich auch mit mir selbst zu tun. Ich bin während des Krieges noch geboren und meine ersten Erinnerungen gehen bis in diese Zeit, 1944-45, bis in die letzten Jahre des Krieges zurück. Mein eigener Vater, der in russischer Gefangenschaft gewesen ist, wollte auch nicht über diese Erfahrungen reden und hat ganz wenig davon erzählt. Und insofern kommt man zu dieser Figur Leander, die auch ein großes Geheimnis in sich birgt und nicht in der Lage ist,  es preiszugeben, darüber zu reden."

"Wo kommen wir her?"

"Leanders letzte Reise" ist ein Roadmovie, eine tiefenpsychologische Reise zu biografischen Verwerfungen und ihren historischen Entsprechungen, wie Regisseur Nick Baker-Monteys erklärt: "Ich glaube, das Universelle an der Geschichte ist die Frage: Wo kommen wir her, was ist mit unseren Eltern und Großeltern - inwiefern sind wir wie sie?

Regisseur Nick Baker-Monteys
Regisseur Nick Baker-Monteys

Die Ruppigkeit der Enkelin hat also, so erzählt der Film, mit der verbitterten Verschlossenheit ihres Großvaters zu tun. Nach und nach kommt sie seinem Geheimnis näher: Leander war im Zweiten Weltkrieg Wehrmachts-Kommandant einer ukrainischen Kosakeneinheit. Viele Kosaken hatten sich damals mit den Deutschen verbündet, um gegen den verhassten Stalin - und für eine freie, unabhängige Ukraine zu kämpfen. Auf die Geschichte dieser seltsamen Koalition stieß der Regisseur schon vor langer Zeit.

"Man fragt sich zunächst, wie das geht: Die engstirnigen Deutschen mit den wilden Kosaken? Das sind schon zwei Welten. Aber trotzdem haben die Deutschen mit den Kosaken gekämpft. Sie haben eine  Zweckgemeinschaft gebildet und sich angefangen zu mögen. Und sogar zu lieben. Und wenn man recherchiert, kann man gut nachvollziehen, wie sie zusammen gekämpft haben und gemeinsam in den Untergang gegangen sind."

Gefangen in der eigenen Vergangenheit

Reise zurück in die Vergangenheit
Reise zurück in die Vergangenheit

Zu dieser sehr komplexen, tragischen Geschichte zieht der Film nun noch eine zweite historische Ebene: Er macht einen "Zwischenstopp" in der heutigen Ukraine, in der wieder für Freiheit und Unabhängigkeit gekämpft wird. Und ganz zwangsläufig ziehen sich historische Parallelen zu damals, findet Jürgen Prochnow:

"Als wir in Kiew auf diesem Bahnhof drehten, sind wir durch diese Bahnhofshalle gelaufen, an all diesen Schilder von den ankommenden und abfahrenden Zügen vorbei. Und auf einmal lese ich da: Kowel. Das war der Ort, wo mein Vater im Lager gewesen ist."

Jürgen Prochnow im ttt-Interview
Jürgen Prochnow im ttt-Interview

Ein ukrainischer Russe begleitet inzwischen Leander und seine Enkelin durch die wieder von Soldaten geprägte Realität. Am liebsten möchte er sich raushalten aus dem Heimatkonflikt, aber so einfach geht das nicht, wie Regisseur Nick Baker-Monteys erklärt: "Und dann habe ich durch die Interviews, die ich mit Flüchtlingen aus dem Ostteil der Ukraine geführt habe, dort, wo der Krieg stattgefunden hat, zunehmend festgestellt: Ja, die sind gefangen in der Vergangenheit."

Am Kiewer Essenstisch dann wird für Leander und seine Enkelin das historische Drama deutlich – aber auch das Dilemma des Films: nämlich die Schwierigkeit, zwei so komplexe historische Ereignisse in einem 90-minütigen Film zu verarbeiten.

"Ich will wissen, warum wir sind wie wir sind"

Szene aus: "Leanders letzte Reise" mit Jürgen Prochnow und Petra Schmidt-Schaller
Szene aus: "Leanders letzte Reise" mit Jürgen Prochnow und Petra Schmidt-Schaller

Der einstige Faschist kehrt nun, nach 70 Jahren, das erste Mal an den Ort zurück, wo er gekämpft, sich aber auch unsterblich verliebt hatte. Eine doppelte Tragik: Nach dem Krieg rettete er seiner Geliebten und ihrer Familie das Leben vor der Hinrichtung durch die Sowjets, während Leander selbst als Kriegsverbrecher in den Gulag musste. So ist er beides: Held und Täter zugleich. "Klar, ist er ein Täter. Aber ich glaube, es ist wichtig, auch einen Täter ein bisschen zu verstehen und ihm näher zu kommen. Vor allem, wenn man einen in der eigenen Familie hat.

"Ich will wissen, warum wir sind wie wir sind", fordert Enkelin Adele in einer Szene. Dieser Film geht das Wagnis ein, die Beziehung von Lebenslinien und historische Linien an einem so aktuellen Konflikt wie dem in der Ukraine zu erzählen. Das ist eigentlich ein bisschen viel. Doch so zeigt er, wie gegenwärtig Geschichte ist.

Autor: Dennis Wagner

Kinotipp:
"Leanders letzte Reise"
(R: Nick Baker-Monteys)
Kinostart: 21. September

Stand: 18.09.2017 10:59 Uhr

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