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Moderne Protestkultur – Die Rückkehr der Gewalt?

Moderne Protestkultur - Die Rückkehr der Gewalt? | Video verfügbar bis 30.07.2018

Die schlechte Nachricht zuerst: Randale wie die in Hamburg hat es in der Geschichte immer schon gegeben. Die gute Nachricht? Die sucht man, auch drei Wochen nach dem G20–Gipfel, vergebens. 20.000 Polizisten und 100.000 Demonstranten schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Und die Zivilgesellschaft schaut betroffen auf ein Bürgerkriegsszenario, das an einem sonnigen Wochenende mitten in der Demokratie ausgebrochen ist.

Jakob Augstein
Der Journalist und Herausgeber Jakob Augstein.

Der Journalist Jakob Augstein sieht den Ursprung der Gewalt im System: "Wenn Gewalt entsteht, hat es vorher ein Versagen gegeben. Denn eigentlich müssten unsere Gesellschaft und unsere Politik so ausgerichtet sein, dass sie es nicht zu Gewalt kommen lässt. Wenn sie doch entsteht, ist die Gewalt ein Symptom für ein Problem. Unsere Aufgabe ist es, danach darüber zu reden. Das können wir aber nicht, wenn wir sagen: Wir lehnen die Gewalt ab. Und Ende der Debatte."

Schuldige sind schnell zur Hand

Der Spiegel-Kolumnist warnt vor der Dämonisierung der Proteste. Schuldige sind schnell zur Hand: "erlebnisorientierte Jugendliche", wie die Polizei etwas euphemistisch den "Schwarzen Block" nennt. Vermummte Straßenkämpfer, die bar jeder politischen Agenda durch die Stadt marodieren. Für die bürgerliche Mitte die Inkarnation des Bösen schlechthin. Wenn es sie nicht gäbe, man müsste sie erfinden.

"Natürlich ist der Schwarze Block ein dankbar angenommenes Bild und Phänomen, um sich nicht mit der realen und notwendigen Kritik beschäftigen zu müssen. Und jeder, der keine Lust hat, sich mit Kapitalismuskritik zu beschäftigen, freut sich an der Existenz vom Schwarzen Block." So beschreibt die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke die Symbolik des Schwarzen Blocks.

Hass und Wut – Störenfriede der Zivilgesellschaft

Carolin Emcke
Die Autorin und Publizistin Carolin Emcke.

Carolin Emcke untersucht seit langem Phänomene wie Hass und Wut, die wie ein Albtraum in die Zivilgesellschaft einbrechen. Störungen im Betriebsablauf, die in Zerstörungen übergehen können.

Die Philosophie kennt dafür eine eigene Figur, den Puer robustus, den Störenfried, dessen wechselvolle Geschichte Dieter Thomä vor kurzem aufgeschrieben hat. Er sieht den Störenfried nicht nur negativ: "Es gibt einen großen Streit um den Störenfried in der Geschichte. Im Wort steckt das ja schon drin, eigentlich kann er nur negativ sein. Frieden ist gut, Störung des Friedens ist schlecht. Da gibt es aber den berühmten faulen Frieden, falschen Frieden. Da bekommt dieser Störenfried Charme. Man kann nicht den Daumen heben oder senken beim Störenfried, sondern man muss sehr genau anschauen, wie tickt er? Und dann hat er zum Teil ungeheuer fruchtbare Entwicklungen angestoßen in der Geschichte"

Fruchtbare Entwicklungen durch Störenfriede

Zum Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik. Bei allen großen Protestbewegungen kam es zu Ausbrüchen von Gewalt: sei es bei der Anti-AKW-Bewegung, sei es beim Widerstand gegen den Ausbau der Startbahn-West am Frankfurter Flughafen oder bei den bundesweiten Hausbesetzungen in den 70ern. Auch der Staat zeigte damals schon, wie er sein Gewaltmonopol versteht. 1981, bei einer Protestdemo in Brokdorf, wurden Kampfhubschrauber gegen Atomkraftgegner eingesetzt. Doch bei allem Aufruhr war die Militanz nie das Entscheidende.

Dieter Thomä in einem Interview mit "ttt"
Der Philosoph Dieter Thomä.

"Wichtig bei diesen ganzen Protestbewegungen der letzten Jahrhunderte ist immer die Frage gewesen, wie weit sind die eigentlich ansteckend. Inwieweit liegt da eine Art Duft in der Luft, wo die anderen neugierig schauen und wo sie denken, da mache ich vielleicht mit. Die Logik bei den Gewaltexzessen von Hamburg ist ja gewesen, dass man Zuschauer angezogen hat, die eher so eine Art Horrorfilm sehen wollten." So der Blick von Dieter Thomä auf die G20–Proteste.

Sprache der Gewalt als Währung in der Mediendemokratie

Das Neue beim G20–Protest: Bilder, die an die Stelle von Worten treten. Bilder, die Emotionen produzieren, nichts sonst. Im Zentrum des Widerstands, sagt der Philosoph Slavoi Zizek, entsteht so ein "deutungsoffenes Vakuum." Bleibt: die Sprache der Gewalt – eine solide Währung in der Mediendemokratie.

Für Jakob Augstein lenkt die Gewalt die Aufmerksamkeit auf die Themen: "Gewalt lenkt nicht ab, sondern Gewalt lenkt hin. Man kann sagen, das ist ein schlimmer Mechanismus, dass unsere Aufmerksamkeitsökonomie so funktioniert. Das ist dann eine Wertungsfrage. Aber erst mal muss man nüchtern feststellen: Je mehr Gewalt sie haben, desto mehr Aufmerksamkeit haben sie, weil einfach alle Leute sich mit dem Thema beschäftigen."

Für Carolin Emcke hingegen, lenken die Krawalle von den eigentlichen Beschlüssen und Forderungen ab: "Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben es gesehen bei den G20. Eine Nachrichtensendung hat 20 oder 15 Minuten. Ich weiß nicht, wie viele Minuten dieser begrenzten Sendezeit genau auf die Gewalteskalation verwandt worden sind. Und soundso viel Minuten, die sonst vielleicht tatsächlich auf die Beschlüsse oder auch auf die Proteste oder auch auf die zivilgesellschaftlichen Forderungen gerichtet worden wären, die sind dann weggefallen."

Kunstperformance als Protest

Die "1000 Gestalten" sind ein Kunstprojekt gegen den G20-Gipfel in Hamburg.
Das Kunstprojekt "1000 Gestalten" zum G20-Gipfel in Hamburg.

Der eindrucksvollste Protest während des G20–Gipfels, ebenfalls ohne Worte und Programm – die Kunstperformance der 1.000 Gestalten, veranstaltet von einem Künstlerkollektiv der Hansestadt. Hunderte lehmverschmierte Figuren schleppten sich langsam durch die Straßen wie Untote. Sinnbild einer globalisierten Wirtschaftsordnung, die eine verkrustete, von Zombies bewohnte Gesellschaft erzeugt.

Gewaltprotest und was davon bleibt

Die Treffen der G20 sind, wie auch der Protest dagegen, längst ebenso erstarrt und totritualisiert. Die ganze Stadt erklärt zur Hochsicherheitszone, mit Operationen auf quasi-militärischem Niveau. Die militärische Logik aber kennt nur Freund oder Feind. Der Mensch dazwischen stört. In Hamburg waren das die Hamburger, denen die Stadt requiriert wurde.

Auch Dieter Thomä kritisiert den Ort des Gipfels: "Irgendwelche Leute, Regierungschefs aus aller Herren Länder treffen sich an einem Ort, der eigentlich belanglos ist. Und dieser offizielle Tourismus wird dann gekoppelt mit dem Revolutionstourismus auf der anderen Seite, dem eigentlich auch egal ist, wo er gerade ist. Und das führt letzten Endes zu einer unglaublichen Demütigung des eigentlichen Souveräns, des Volks (…) Das ist eine gefährliche Entwicklung für die Demokratie, weil: Demokratie braucht Orte und braucht Sphären, in denen dieser Austausch und dieser Streit stattfinden kann."

Übrigens, zur gleichen Zeit wie die gewalttätigen Riots fand in Hamburg auch ein Treffen der zwanzig wichtigsten Regierungschefs statt. Sie wollten sich hier über Maßnahmen gegen die Krisen der Weltgesellschaft austauschen, für ein "starkes, nachhaltiges, ausgewogenes und inklusives Wachstum". Von den Ergebnissen redet heute, drei Wochen später, schon niemand mehr. Das macht aber nichts, denn die Beschlüsse sind nicht bindend.

Autor: Rayk Wieland

Stand: 31.07.2017 11:21 Uhr

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