SENDETERMIN So, 17.09.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der letzte Trip auf Erden

Reinhold Messner über die legendäre Expedition von Ernest Shackleton und seinen Helden am Pol

Reinhold Messner beleuchtet eine legendäre Polarexpedition | Video verfügbar bis 17.09.2018

Im Sommer 1914 – in Europa beginnt gerade der Erste Weltkrieg – verlässt die "Endurance" den Hafen von Buenos Aires. Ihr Ziel: die Antarktis. Die 27 Mann starke Besatzung hat Expeditionsleiter Ernest Shackleton mit einer Zeitungsanzeige angeworben, die später berühmt wird: "Männer für waghalsige Reise gesucht. Geringe Löhne, extreme Kälte. Monatelange Dunkelheit. Sichere Heimkehr ungewiss. Ehre und Ruhm im Falle eines Erfolgs."

Das in der Anzeige an Entbehrungen Prophezeite wird sich mit jedem Wort bewahrheiten, wie die Bilder des Fotograf Frank Hurley zeigen, dem wir die einzigartigen Aufnahmen einer Reise verdanken, die in die Annalen der Polarforschung eingeht, obwohl sie auf ganzer Linie scheitert. Reinhold Messner las davon sozusagen am Ort des Geschehens: "Ich bin 1986 das erste Mal in die Antarktis gereist, um dort den höchsten Berg zu besteigen, den Mount Vinson, und ich hatte ein bisschen Literatur dabei von den großen Reisen am Beginn des letzten Jahrhunderts und bin dann bei der Shackleton-Expedition hängen geblieben."

Gefangen im Ewigen Eis

Reinhold Messner hat einen dokumentarischen Roman geschrieben.
Reinhold Messner hat einen dokumentarischen Roman geschrieben.

Beschäftigt hat ihn die Shackleton-Expedition bis heute. Sein dokumentarischer Roman ist eine Rekonstruktion der Ereignisse – erstmals mit Blick auf Shackletons Stellvertreter Frank Wild. Wenige Tage nach dem Erreichen der antarktischen Wedell Sea ist das Schiff vom Packeis eingeschlossen. Alle Versuche, sich zu befreien, scheitern. Was tun? Sechs lange Monate gefangen in den, wie Shackleton schreibt, "ungastlichen Armen des Eises". Wie überleben? Reinhold Messner, selber ein Experte fürs Extreme, erklärt: "Es geht ja in diesem Zusammenhang um die schlimmste, wildeste, menschenfeindlichste Natur, die wir kennen, und die Menschennatur auf der anderen Seite, die miteinander in den Kampf kommen, und es braucht sehr viel Erfahrung, um Menschen in dieser gefährlichen Natur zu führen, dass sie den Selbsterhaltungstrieb nicht verlieren. Das ist unsere letzte Hoffnung, der Selbsterhaltungstrieb."

Die Stunde des zweiten Mannes, Frank Wild

Als im Oktober 1915 die "Endurance" vom Packeis zermalmt wird, schlägt, schreibt Messner, die Stunde des zweiten Mannes, Frank Wild. Auf Eisschollen campierend, driftet die Crew qualvolle Monate Richtung Norden. Dann endlich offenes Wasser, in winzigen Booten erreichen sie Elephant Island. Nach 497 Tagen haben die Männer erstmals festen Boden unter den Füßen. Die Insel liegt abseits aller Schiffsrouten. Niemand wird sie finden. Und während Shackleton mit ein paar Helfern erneut auf den Ozean fährt, um Hilfe zu holen, bleibt Wild mit der Mannschaft zurück. Auf einem von Frank Hurleys Fotos winken sie den Davonfahrenden fröhlich nach – es war pure Verzweiflung.

"Unser Boss wird uns holen"

Der britische Südpolarforscher Ernest Shackleton (2.v.l.)
Der britische Südpolarforscher Ernest Shackleton (2.v.l.)

Zweiundzwanzig Mann sind in der Antarktis eingeschlossen, keine Hoffnung, je herauszukommen. Sie haben zwei umgekippte, kaputte Rettungsboote, um drinnen die Tage und die Nächte zu verbringen.

Es wird im Winter dunkel, 50 Grad kalt, und die Mannschaft plant den kollektiven Selbstmord. Sie wollen sich umbringen mit den letzten Patronen, weil das Leben so fürchterlich ist. Frank Wild sorgt dafür, dass sie überleben nur mit dieser Aussage am Ende: "Unser Boss wird uns holen."

Heldentum als die Kunst nie aufzugeben

Messners Roman ist auch eine Streitschrift in eigener Sache. Sein Leben ist ja eine moderne Variante der Heldentaten der Polarforscher. Nur: Heldentum – was soll das sein? Für Messner, dem 75 Jahre nach Shackleton die Durchquerung des antarktischen Kontinents gelingt, ist es die Kunst, nie aufzugeben – wie die Männer um Frank Wild. Von ihm war Messner so fasziniert, dass er den Ort des Geschehens sehen wollte:

"Zuerst einmal habe ich ja diese Shackleton-Expedition – oder diese Idee, sie vom Atlantischen zum Pazifischen Ozran zu überqueren – durchgeführt. Und damit ist meine Neugierde natürlich gewachsen. Aber da kamen wir, Arved Fuchs und ich, nicht am Point Wild vorbei. Und später habe ich alles getan, um dorthin zu kommen. Ich war inzwischen ein halbes Dutzend Mal dort. Ich muss sagen, es ist kaum vorstellbar.

"Das Leben ist absurd"

Eine Geschichte über die Kunst, nicht aufzugeben
Eine Geschichte über die Kunst, nicht aufzugeben

 "Point Wild" ist heute der offizielle Name der eisigen Bucht auf Elephant Island, wo die 22 Seeleute auf ihre Rettung warten: vier Monate in antarktischer Nacht. Als sie die Hoffnung schon aufgeben, erscheint ein Schiff am Horizont. Shackleton hat Wort gehalten. Was für eine Geschichte! Erst das grandiose Scheitern. Dann das Wunder des Überlebens und die Frage: Warum uns das so fasziniert?

Reinhold Messner sagt: "Ich glaube, dass wir alle im Unterbewusstsein wissen, dass das Leben absurd ist. Und die Leute, die da zuschauen, sagen sich: Das würde ich nie machen, nie ertragen, ich würde sterben! Ich würde verzweifeln, ich würde mich umbringen – zusammen mit den anderen. Diese Leute haben mit diesen Bildern eine kleine Stütze, dass das Absurde eigentlich das Großartige ist. Es ist großartig, dass es absurd ist."

Statt Ruhm und Ehre das Vergessen

Als die Expedition 1917 zurückkehrt, wird sie schnell vergessen. Gegen die Millionen Toten des Krieges wirken die paar Überlebenden vom Südpol wie ein schlechter Witz. Frank Wild stirbt später völlig verarmt. Andere Teilnehmer fallen direkt nach der Ankunft im Krieg. Statt Ruhm und Ehre erwartete sie alle: das Vergessen.

Autor: Rayk Wieland

Buchtipp
Reinhold Messner: "Wild oder Der letzte Trip auf Erden“
Fischer Verlage, Erscheint am 21. September 2017
312 Seiten
ISBN: 978-3-10-397318-1
Preis: 20,00 Euro

Stand: 18.09.2017 10:20 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 17.09.17 | 23:05 Uhr
Das Erste