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Fotograf Richard Mosse – wie Bilder in Falschfarben inhumane Realität zeigen

Flüchtlingskrise durch die Wärmebildkamera | Video verfügbar bis 30.07.2018

Was ist das? Das Ende der Welt? Eine Szene aus den letzten Tagen der Menschheit? Ein Mann wäscht sich zum Gebet in der libyschen Wüste von Ténéré, bevor sein Konvoi aufbricht Richtung Mittelmeer. Das Videoprojekt "Incoming" vom irischen Künstler Richard Mosse. Aufnahmen mit einer Wärmebildkamera.

Motive, so oft gesehen, dass sie kaum noch verstören

Motive, so oft gesehen, dass sie kaum noch verstören. Überfüllte, im Meer treibende Schlauchboote, Menschen in Camps, die ihre Sachen packen. "Incoming" – das sind Filme und Videostills, aufgenommen entlang der afrikanischen Flüchtlingsrouten, aus großer Distanz.

Richard Mosse mit einer Wärmebild-Kamera auf einem Hochhaus in Bulgarien.
Richard Mosse mit einer Wärmebildkamera auf einem Hochhaus in Bulgarien.

Für sein Projekt reist Mosse quer durch die Welt. In Harmanli, einem bulgarischen Städtchen, sucht er den perfekten Standpunkt für die Kamera. Er will das hiesige Lager dokumentieren, in dem hunderte Flüchtlinge in ehemaligen baufälligen Armeebaracken hausen. Der Apparat wiegt über 70 Kilo und muss per Fernsteuerung bedient werden. Das gigantische Tele–Zoom schießt Fotos auf eine Entfernung von dreißig Kilometern. Nach internationalem Waffenrecht handelt es sich bei dieser Kamera um eine Waffe.

"Es wird in Waffensysteme eingebaut, um den Feind aufzuspüren und anzugreifen. Wir beschlossen, gegen den ursprünglichen Zweck der Kamera anzuarbeiten und stattdessen die Flüchtlingskrise adäquat zu erzählen. Die Kamera ist eines der Werkzeuge, das unsere Regierungen erdacht haben – und nutzen, um Leute draußen zu halten. Wir drehen also diese Technik praktisch um. Und können so zeigen, wie der Westen die Flüchtlinge wahrnimmt. Es geht um die Wahrnehmung selbst." So beschreibt Mosse die Abeit mit der Wärmebildkamera.

Bilder wie von einem anderen Planeten

So entstehen Heat Maps, Wärmekarten, zum Besipiel das Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Im Original ist das Bild 4,50 Meter lang und 1,50 Meter hoch. Gespenstische Topographie einer befremdenden Zivilisation, wie von einem anderen Planeten. Individuelle Züge sind nicht zu erkennen. Und die Menschen wissen auch nicht, dass sie beobachtet und gefilmt werden. Die Aufnahmen zeigen, was mit ihnen passiert in diesen Lagern. Mosse nennt es "gestohlene Intimität" und beschreibt die Heat Maps als Landschaftsfotografien: "Die Heat Maps dokumentieren die provisorische und vorgefertigte Architektur von Orten, die unsere Gesellschaften übersehen und übersehen wollen. Sie wirken wie Landschaftsfotografien und sind keine Porträts mit irgendwelchen individuellen Geschichten.“

 "Du musst dich entscheiden, was passiert hier eigentlich, was siehst du in Wirklichkeit?“

Das ist nicht das Paradies. Das ist seit zwanzig Jahren Bürgerkriegsgebiet im Kongo. Bei einer früheren Arbeit nutzte Mosse vom US-Militär entwickeltes Infrarot-Material. Es gibt chlorophyllhaltige Pflanzenbestanteile rot wieder, kein Feind bleibt unentdeckt. 

Eine Besucherin beatrachtet ein Bild von Richard Mosse in einer Ausstellung.
Was in Wirklichkeit grün, erscheint durch das Infrarot-Material auf den Bildern in rot und pink.

Mosse will, dass sich der Betrachter entscheidet, dass er sich bewusst macht, was er auf einem Bild sieht: "Für ein Publikum sind diese Bilder erst einmal verwirrend. Sie wirken auf der einen Seite verführerisch und auf der anderen bedrohlich. Wir haben diese durch das rot hervorgehobene wunderschöne Natur und die in ihr verborgene grausame Realität. Das irritiert dich und du musst dich entscheiden, was passiert hier eigentlich, was siehst du in Wirklichkeit."

Ein militärischer Blick auf die Welt

"The Enclave", heißt die Dokumentation, die Enklave. Die schrille Verfärbung erzeugt eine Störung unserer Wahrnehmung, eine paradoxe Verschmelzung von Anmut und Grauen. Abstrakte Kulissen eines Krieges, zu schön, zu rot, um wahr zu sein.

Schon für Susan Sontag war die Kamera die "Sublimierung einer Schusswaffe". Richard Mosse geht noch einen Schritt weiter, indem er den militärischen Blick auf die Welt gleichzeitig verwendet und entwendet. Im Rahmen von "Incoming" richtet er sein Objektiv auch auf die Raketen und Flugzeuge, die ansonsten mit Hilfe der Kamera ihre Ziele auswählen und vernichten.

"Meine Bilder sind entmenschlichend"

Der Fotokünstler Richard Mosse in einem Interview bei "ttt".
Der Fotokünstler Richard Mosse.

Die Konvois in der Wüste, voll besetzt mit Leuten, die nach Europa wollen, gleichen fotografischen Negativabzügen einer Spezies. Und sind vielleicht gerade deshalb ein Plädoyer für die Unverwechselbarkeit und den Wert jedes einzelnen Lebens.

Richard Mosses Bilder wirken entmenschlichend, dennoch will er Menschlichkeit erzählen: "Wir sind einfach nur Organismen, die leben, die atmen. Unsere Zellen erschaffen Energie aus Verbrennung. Alle auf die gleiche Weise. Wir sehnen uns nach Wärme, die im Zentrum des Gedankens an das eigene Zuhause steht. Ich hoffe, mein Werk erzählt von der gemeinsamer Menschlichkeit. Vom Flüchtling, der genauso Mensch ist wie der Grenzsoldat oder der Manager"

Ein Kind, gefilmt im Flüchtlingslager Tempelhof. Wir erkennen nicht sein Gesicht. Wir wissen nicht, was es in den Händen hält, die wirken, als seien sie gefaltet zum Gebet. Wir sehen ein zerbrechliches Wesen und spüren die Wärme, die wir zum Leben brauchen.

Ausstellungstipp
Richard Mosse stellt im November 2017 in der Galerie carlier | gebauer in Belin aus.

Autor: Alexander Bühler

Stand: 31.07.2017 11:35 Uhr

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