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Die Evolution des Krieges

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Die Evolution des Krieges | Video verfügbar bis 11.10.2016

 

So kam der Krieg nach Europa – mit den Menschen, die vor ihm flohen. Die sich nicht aufhalten ließen von Stacheldraht und Grenzkontrollen. Hatten sie eine Alternative? Hatte Deutschland eine Alternative, als sie aufzunehmen? Inzwischen sind es über eine Million Flüchtlinge, und es werden täglich mehr. Und die Welt wundert sich über eine Willkommenskultur, die kurz zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte. Aber die Welt hat sich verändert.

Herfried Münkler, Politikwissenschaftler:

»Die Bundesrepublik Deutschland ist, ich würde sagen, in den letzten fünf Jahren in die Rolle einer Vormacht hineingeraten. Das hat wesentlich damit zu tun, dass ökonomische und fiskalische Macht eine so zentrale Rolle gespielt haben. Und jetzt hat Frau Merkel durch ihre Entscheidung von Anfang September ein Problem, das ganz Europa betraf, gelöst. Das heißt, sie hat die deutsche Führungsrolle dahingehend interpretiert, dass wir den ersten Schritt zu einer Lösung des Problems machen müssen.«

Die Folgen der Globalisierung von Krieg

Herfried Münkler über den Wandel der Kriege
Herfried Münkler über den Wandel der Kriege

Glaubt man Herfried Münkler, sind wir in diesen Tagen Zeugen einer Entwicklung, welche die Welt, wie wir sie kannten, verändern wird. Der Globalisierung von Handel und Finanzen folgt jetzt die Globalisierung der Folgen von Krieg und Elend. Das alte Konzept der reichen Wohlstandsnationen, den Strom der Migranten per Abschottung auszubremsen, das funktioniert nicht mehr.

Herfried Münkler:

»Wir sind heute in einer Lage, in der sich mindestens zwei politische Ordnungsmodelle überlagen: Auf der einen Seite das der Territorialisierung politischer Ordnung, mit Grenzregime und wie auf einer politischen Karte bunt eingefärbten Nationalstaaten. Auf der anderen Seite das Regime der Ströme von Waren, Informationen, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. Und wir hatten die ganze Zeit die Vorstellung, die Ströme von Menschen, das sind nur wir, als Geschäftsreisende und Touristen, aber nicht die anderen - die werden besucht, aber die besuchen uns nicht. Das hat sich verändert.«

Ganze Länder auf der Flucht

Und da ist noch die Globalisierung lokaler Konflikte, die Bevölkerungen ganzer Länder in die Flucht treibt. Konflikte heute, sagt Münkler, beginnen ohne Kriegserklärung und enden ohne Waffenstillstand. Syrien, Libyen, der Irak sind Failing States, die keine regulären Armeen mehr haben.

Herfried Münkler:

»Was jetzt passiert, ist ein Diffus-Werden. Wir haben es mit kleinen Akteuren zu tun, die mit ein paar Millionen Dollar Leute bewaffnen und einen Bürgerkrieg beginnen; mit einem Konflikt, der aus kleiner Flamme geführt wird, der mal stärker aufflackert und dann wieder glimmt und der eigentlich nie endet.«

Wandel der Kriege und ihrer Bedeutung

Herfried Münkler sieht den 11. September als Einschnitt
Herfried Münkler sieht den 11. September als Einschnitt

Herfried Münkler, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, ist einer der einflussreichsten deutschen Wissenschaftler. In seinem neuen Buch über die Frage, was Krieg bedeutet in unserer Zeit, beschreibt er die Evolution der Gewalt seit dem Ersten Weltkrieg. Wurden im letzten Jahrhundert Kriege noch um Territorien geführt, geht es heute um die Kontrolle von Strömen und von Kommunikation. Die USA, sagt Münkler, hätten sich nach den Desastern im Irak und in Afghanistan von der Idee verabschiedet, Gebiete am Boden zu besetzen. Der Krieg geht dennoch weiter: mit Drohnenschlägen aus der Luft und Geheimdienstoperationen. Eine demokratische Kontrolle ist bei dieser Art der Kriegsführung ausgeschlossen.

Herfried Münkler:

»Was sich im Moment entwickelt hat, ist ein Krieg, der permanent stattfindet, aber im Geheimen, weil natürlich diejenigen, die ihn betreiben auch gar nicht wollen, dass Informationen da sind. Das heißt umgekehrt, dass Terroristen ein Interesse haben möglichst sichtbare Anschläge durchzuführen, um auf diese Weise nicht nur sichtbare Zerstörungen herbeizuführen, sondern um dort zu treffen, wo die westlichen Gesellschaften grundsätzlich besonders verwundbar sind, in ihrer Nervosität und Ängstlichkeit, in der Zerstörung von Milliardenvermögen.«

Krieg als diffuser Dauerzustand

Herfried Münkler moralisiert nicht
Herfried Münkler moralisiert nicht

Die klare Trennung zwischen Krieg und Frieden ist seit den Anschlägen vom  9. September 2001 Geschichte. Wir können nicht mehr sagen, wann Krieg beginnt und wann er endet. Der "War On Terror" wurde nie erklärt, und er findet bis heute an jedem Punkt der Welt statt. In den asymmetrischen Kriegen der Gegenwart, sagt Münkler in seinem Buch, tragen die Akteure keine Uniformen, sie überschreiten keine Grenzen und bilden keinen politischen Körper. Der Krieg ist ein diffuser Dauerzustand geworden.

Herfried Münkler:

»Ich will nicht sagen, dass wir der alten Unterscheidung von Krieg und Frieden nachtrauern werden, die war ja auch schrecklich, aber die neue Welt, in der der Krieg in kleiner Form ein ständiger Begleiter an der Peripherie der Wohlstandszonen ist, ist ebenfalls unschön. Aber diese Kriege zu beenden, überfordert unsere Fähigkeiten, wie das Scheitern der USA im Irak und Afghanistan und das der Europäer in Libyen gezeigt hat. Wir sollten sehr bescheiden sein und sagen, wir werden diese Länder nicht neu erfinden, aber vielleicht sind wir in der Lage so viel Stabilität herzustellen, dass dort Prosperität entsteht und dass die Leute dort bleiben und nicht flüchten.«

Prekärer Frieden

Münklers Buch ist keine moralische Streitschrift. Wer es liest, dem wird klar, warum die Globalisierung des Krieges nicht ohne Folgen bleiben wird für die sich abschottenden Wohlstandsinseln des Westens. Frieden, sagt Münkler, ist heute ein Zustand "prekärer Stabilität".

Autor: Rayk Wieland

Buchtipp:
Herfried Münkler: "Kriegssplitter - Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert"
Rowohlt Berlin, 25.09.2015
400 Seiten
ISBN: 978-3-87134-816-7
Preis 24,95

Stand: 23.02.2016 21:23 Uhr

Sendetermin

So, 11.10.15 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.