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Was passiert in russischen "Troll-Fabriken"?

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Was passiert in russischen "Troll-Fabriken"? | Video verfügbar bis 27.07.2016

Organisierte Propaganda – gegen Bezahlung fluten Trolle das russische Internet mit zielgerichteten Kommentaren. Ljudmila Sawtschuk arbeitete undercover in einer "Troll-Fabrik" und will deren Existenz nun ans Licht der Öffentlichkeit bringen.

Propaganda aus dem "Business-Center"

"Business Center" steht einfach nur am Bürohaus in der Petersburger Sawuschkina-Str. 55. Bis vor einiger Zeit wusste man nicht, welchem Business hier nachgegangen wird. Bis es eines Tages einem Journalistenteam der Petersburger Stadtteilzeitung "Moj Rajon" (Mein Kiez) gelang, diese wenigen Bilder mit versteckter Kamera aus dem Innenleben der Petersburger Trollfabrik zu drehen.

Undercover in der Petersburger "Trollfabrik"

Und diese junge Frau hat anschließend mit dafür gesorgt, das Treiben der Petersburger Trollfabrik an die Öffentlichkeit zu bringen. Ljudmila Sawtschuk hat sich ganz offiziell um einen Job beworben und zwei Monate in der Trollfabrik gearbeitet.

»Zwölf Stunden, von 9 bis 21 Uhr, geht die Tagesschicht und von 21 bis zum nächsten Morgen 9 Uhr die Nachtschicht. Zu Beginn kriegt man eine sogenannte technische Aufgabe. Das ist eine Nachricht, immer unterschiedlich, weil sich ja die Nachrichten auch ständig ändern. Und die muss dann von einem bestimmten Standpunkt aus mit mehreren Leuten bearbeitet werden. Es steht alles fest: Wer gelobt wird, wer kritisiert wird und zu welcher Schlussfolgerung man die Leser bringen soll.«

Ljudmila Sawtschuk, Journalistin

Politisches Mobbing in großem Stil

Trolle kennt man eigentlich aus der Sagenwelt von J.R.R. Tolkien. Aber sie sind auch ein typisches Netzphänomen – normalerweise irgendwelche Einzelgänger, die im Internet notorisch provozieren. Aber diese Trollfabriken eskalieren den virtuellen Hass systematisch. Von dort werden die Kommentarspalten von Internetportalen mit vorgegebenen Meinungen gestürmt. Politische Stimmungsmache, persönliche Beleidigungen bis hin zu rassistischer Hetze. Hauptschlachtfeld: Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen. Es geht um politisches Mobbing in großem Stil.

Troll-Kommentare fluten das russische Internet

Die 34-jährige Ljudmila Sawtschuk hat erlebt, dass der Begriff "Trollfabrik" wirklich keine Übertreibung ist.

»Ich war drin und sah, wieviele Mitarbeiter dort arbeiteten und wieviele Accounts jeder betreut und das im Schichtsystem. Und wenn du ins Netz gehst, egal auf welche Homepages du schaust, von Massenmedien, sozialen Netzwerken, Nachrichtenportale, dann merkst du, wieviele diese 'Trollnachrichten' es gibt.«

Ljudmila Sawtschuk

Schaden für russische Medien

Welche Wirkungen die St. Petersburger Trollfabrik mit ihrer organisierten Meinungsmache hat, das spüren zum Beispiel auch Internetzeitungen wie "snob.ru" in Moskau. Das von dem Unternehmer Michail Prochorow finanzierte Portal ist populär und journalistisch weitgehend unabhängig. "snob.ru"-Journalisten wie Julia Dudkina sehen das "Troll-Unwesen" mit großem Frust: Die organisierte Meinungsmache, immer stramm auf Kremllinie, vergiftet die Debattenkultur auf den Kommentarseiten auch von "snob.ru".

»Patriotismus für Russland ist ja okay. Aber man muss Patriotismus von Hysterie unterscheiden. Unserer Redaktion schaden diese Trolle. Wenn vernünftige Leute diese Troll-Kommentare bei uns lesen, dann entscheiden sie sich womöglich, uns nicht zu abonnieren oder uns abzubestellen.«

Julia Dudkina, Journalistin bei "snob.ru"

Journalisten unter Dauerbeschuss

Golineh Atai
Golineh Atai, ARD-Korrespondentin in Moskau

Trollfabriken wie die in St. Petersburg "bearbeiten" vorrangig das russischsprachige Internet. Es gibt aber auch so was wie "Auslandsabteilungen" dort – und die machen Stimmung in englischer und deutscher Sprache. Die ARD-Korrespondentin in Moskau, Golineh Atai, zuständig auch für die Ukraine-Berichterstattung, steht seit Monaten unter Dauerbeschuss.

»Ich glaube, ich bin mittlerweile auf zahlreichen Listen vertreten, die diese Trolle abzuarbeiten haben. Ja, definitiv hat mich das beeinflusst. Ich habe angefangen, mich in Frage zu stellen, ich habe angefangen, die Argumente der anderen Seiten nachzuvollziehen, auch verstärkt in geopolitischen strategischen Weltbildern und Verschwörungsszenarien zu denken. Eine Zeit lang, muss ich sagen, war ich selbst wirklich sehr, sehr unschlüssig, was ich da mache und wie ich es mache.«

Golineh Atai, ARD-Korrespondentin Moskau

Kriegsführung mit gezielter Desinformation

Die Argumente der anderen Seite "nachzuvollziehen", wäre ja noch nicht mal das Schlechteste. Atai aber beklagt, dass die Trollfabriken Teil einer hybriden Kriegsführung geworden seien, die mit gezielter Desinformation Meinungen manipulieren wollen.

Wer aber bezahlt diese teuren Trollfabriken, die Büromieten, die Technik und die Gehälter? Immer wieder steht – natürlich – der Kreml im Verdacht. Der Sprecher des Präsidenten, Dmitri Peskow, teilte mit, dass er von solchen Einrichtungen nichts wisse. Überall hört und liest man aber, dass Jewgeni Prigoschin, ein vermögender Cateringunternehmer und guter Bekannter von Putin, die Petersburger Trollfabrik finanziert. Bewiesen ist das aber nicht.

Hintermänner der Trollfabrik an die Öffentlichkeit

Ljudmila Sawtschuk ist es mit ihrem Kampf gegen die Trollfabrik in ihrer Stadt ernst. Sie will jetzt ihren einstigen Arbeitgeber wegen Steuerhinterziehung verklagen, denn die Gehälter wurden ohne Arbeitsvertrag bar auf die Hand gezahlt.

Am Ende aber geht es Ljudmila Sawtschuk um eins: Sie will, dass die Hintermänner dieser Trollfabrik mit solch einem Gerichtsverfahren an die Öffentlichkeit gebracht werden und sie letztlich geschlossen wird.

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 23.02.2016 21:12 Uhr

Sendetermin

So, 26.07.15 | 23:40 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.