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"Die letzten Männer von Aleppo" – Auf der Suche nach Menschlichkeit inmitten der Barbarei

Ein Helfer mit weißem Helm in Aleppo.
Mit jedem Opfer, das die "Weißhelme" lebend bergen, kommen Erinnerungen an viele Tote mehr auf, die sie aus den Trümmern der Stadt ziehen: Mahmoud riskiert täglich sein Leben.

Als die Bomben fielen, Menschen verschüttet wurden, riskierten Freiwillige ihr Leben, um andere zu retten – die "Weißhelme" im syrischen Aleppo. Für die Dokumentation "Die letzten Männer von Aleppo" hat Regisseur Feras Fayyad die Arbeit der freiwilligen Helfer zwei Jahre lang begleitet, sie bei ihrem Einsatz gegen die täglichen Bedrohungen in den zerstörten Straßen, aber auch beim Kampf gegen die eigenen Ängste und für ein Stück Menschlichkeit und Hoffnung im Krisengebiet gefilmt.

Filmtipp
Die letzten Männer von Aleppo
Dänemark / Deutschland / Syrien, 2017
Regie: Feras Fayyad
Co-Regie: Steen Johannessen
Länge: 104 Minuten
Kinostart: 16. März 2017

Wenn Bomben einschlagen, rennen alle weg. Nur die "Weißhelme" fahren hin. Ganz normale Leute: Bäcker, Taxifahrer, Lehrer. Sie riskieren ihr Leben für andere. "Der Film beschreibt den riesigen Konflikt eines jeden Syrers: gehen oder bleiben", erläutert Regisseur Feras Fayyad. "Gehen ist eigentlich gar keine Entscheidung, es ist ein Zwang. Bleiben ist die Entscheidung. Khaled in meinen Film blieb mit seiner Familie, weil er sich sagte: Wenn ich auch noch gehe, dann sterben jeden Tag drei bis vier Kinder, weil niemand mehr da ist, der ihnen hilft."

Geblieben um zu schreiben

Für die "Weißhelme" war Flucht keine Option, ebensowenig wie für den Schriftsteller Niroz Malek (71). Er lebt nach wie vor in Aleppo. Trotz allem. Und er schreibt davon, wie es ist, trotz allem dort zu leben in seinem neuen Buch "Der Spaziergänger von Aleppo". "Man kann sagen, ich habe die Texte mit dem Blut meines Herzens geschrieben", sagt er. "Es sind ganz persönliche Eindrücke, die teilweise sehr hart waren. Hier gibt es überhaupt keine Sicherheit, ständig bist du vom Tod bedroht. Ich war oft gezwungen, lange zu Hause zu bleiben. Aber wenn ich dann wieder raus ging, war das ein noch viel größeres Gefängnis."

Der Krieg ist noch nicht vorbei, auch wenn Syrien aus den Nachrichten verschwunden ist. Malek beschreibt, wie er durch Aleppo streift, durch die Trümmer und Ruinen, Straßensperren umgeht, wie er vergeblich versuchte, einen Soldaten daran zu hindern, einen Jungen mit Down-Syndrom zu erschießen, bloß weil das Kind nicht erfasste, dass es stehenbleiben sollte. Neben all dem geschilderten Elend ist dieses Buch gleichzeitig auch ein Zeugnis für die Kraft der Kultur, die hilft, mitten in den Kriegsgräueln die menschliche Würde zu bewahren.

Buchtipp
Der Spaziergänger von Aleppo
Von Niroz Malek
Weidle Verlag, März 2017
ISBN: 978-3-938803-83-7
Preis: 17 Euro

Das Internet ist für Niroz Malek der einzige Kontakt zu seiner Familie. Alle sind weg – in Europa. Auf Facebook veröffentlicht er auch seine Geschichten. Eine behandelt die schmerzhafte Trennung von Tochter und Enkelkindern, die aus Deutschland fragen, warum er nicht auch komme. Niroz Malek wollte seine Freunde, seine Bücher, Bilder und Schallplatten nicht verlassen. Er bleibe hier, in seiner Wohnung, solange seine Seele weiterlebe.

Niroz Malek bleibt, wie sein Buch heißt: "Der Spaziergänger von Aleppo". Auch wenn er kein politischer Schriftsteller ist, an eine Veröffentlichung seines Buches in Syrien ist nicht zu denken. "Seit ich als Schriftsteller tätig bin, wird immer wieder Druck auf mich ausgeübt", erzählt er. "Manchmal ganz direkt. Dann werde ich zum Beispiel zum Verhör geladen. Das passiert öfter. Vielleicht werde ich noch einmal verhaftet, wie 1996. Wir sind es einfach gewohnt, unfrei zu sein. Und, ja klar, wird man dann vorsichtig als Schriftsteller."

"Ich möchte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zeigen"

Feras Fayyad, der Regisseur, hat kürzlich mit seinem Dokumentarfilm "Die letzten Männer von Aleppo" beim Sundance-Festival in den USA gewonnen. Verhaltene Freude. Für den Film ist er aus dem dänischen Exil immer wieder nach Aleppo gefahren. "Wir tun unser Bestes, um für die Redefreiheit und Gerechtigkeit in unserer Heimat zu kämpfen", sagt er. "Ich möchte mit diesem Film die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zeigen, das Verbrechen an humanitären Werten. Der Film soll auch ein Dokument für die Zukunft sein. Etwas, was dabei hilft, Gerechtigkeit wieder herzustellen, indem die Schuldigen vor Gericht gebracht werden." Der Regisseur wurde schon zwei Mal wegen seiner Arbeit eingesperrt und gefoltert.

In seinem Film schauen die "Weißhelme" ein brutales Video aus Assads Gefängnissen. "Wo ist die Welt? Wo sind die arabischen Nachbarn?", fragt einer von ihnen. "Niemand kümmert sich mehr um irgendjemanden. Alle Würde ist tot." Trotz aller Verzweiflung: sie machen immer weiter. Die letzten Männer von Aleppo halten Werte und Menschlichkeit hoch. Ein kleines weißes Licht im Tiefschwarz des Krieges.

(Beitrag: Gesa Berg)

Stand: 08.03.2017 01:18 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.