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Kunststandort Athen – Wie die Kulturszene der Dauerkrise trotzt und doch auf sie reagiert

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Wie reagiert Athens Kulturszene auf die Krise? | Video verfügbar bis 06.07.2016

Jahrelang war Berlin arm, aber sexy – jetzt bekommt die Stadt Konkurrenz: Athen scheint für Künstler das neue Berlin zu sein, mit viel Chaos, Freiräumen und gesellschaftlichen Debatten. Die wirtschaftliche Krise besteht schon so lange und so dauerhaft, dass die Künstler gar nicht anders können, als darauf zu reagieren – und der internationale Kunstbetrieb tut es schon längst. Man pilgert zum Greek Festival und zur Tessaloniki–Biennale, die nächste Documenta plant, nicht nur in Kassel auszustellen, sondern auch in Athen. Doch was macht die Krise mit der Kunst – und den Künstlern? Wie beurteilen griechische Ausstellungsmacher die Entwicklung?

Künstler lädt ein zur Begegnung

Prodromos Tsinikoris
Momentan spalte sich die Gesellschaft in Ja- und Nein-Wähler, sagt Künstler Prodromos Tsinikoris.

Athen diese Woche: Eine Demo jagt die nächste. Der deutsch-griechische Künstler Prodromos Tsinikoris ist von keiner Partei, wirbt nicht für oder gegen das Referendum, sondern lädt ein zu einer Begegnung: mit Obdachlosen, den stummen Opfern der Krise. Und das geht so: Erst hört er die Geschichte von dem Ex-Lkw-Fahrer Michalis, dann trifft er ihn persönlich, an dem Ort, der mal sein Leben war. "Im Moment hat sich die ganze Gesellschaft in Ja-Wähler und Nein-Wähler gespalten", sagt Tsinikoris. "Und diese Proben mit den Obdachlosen haben mir die Möglichkeit gegeben, es positiv zu sehen: Diese Menschen haben alles verloren über die letzten Jahre, aber sie wachen früh am Morgen auf und sagen: 'Ich bin am Leben, Gott sei Dank!'"

Graffiti als Krisenkunst

Plakat mit der Aufschrift: Europe without Greece is like a party without drugs.
"Europa ohne Griechenland!? Ist doch wie eine Party ohne Drogen" - Graffiti als Krisenkunst.

Auch die Kunst leistet Beistand, mit Farbe und Witz: "Europa ohne Griechenland!? Ist doch wie eine Party ohne Drogen" – Graffiti ist längst die Krisenkunst. Aber es gibt auch andere Orte: Am Omonia-Platz wurde kürzlich ein Ausstellungsgebäude eröffnet, ein seit 30 Jahren leerstehendes Hotel, eine Ruine im Zentrum, Sinnbild für den Moment. "Wir müssen endlich diese Krisen-Pornographie überwinden", sagt Xenia Kalpaktsoglou. "Es muss um mehr gehen, als dass Künstler die Medien befriedigen und immer nur Abziehbilder der Krise liefern." 

Kalpaktsoglou ist Kuratorin der Athen-Biennale, quasi der Institution der lokalen Kunstszene. Doch angesichts der Lage will man nicht wie sonst alle zwei Jahre, sondern zwei Jahre nonstop Krisen-Begleit-Programm machen. "Es bringt nichts, heute Künstler für übermorgen einzuladen, wo sich täglich alles ändert", sagt sie. "Athen ist ein Labor. Also müssen wir genau hier Leute zusammenzubringen, die sich mit all dem auseinandersetzen. Ganz Europa steckt in Schwierigkeiten – unsere sieht man halt gerade besonders gut."

Je mehr Krise, desto mehr Kunst?

Die Gruppe Underconstruction hat die erste Installation geliefert. Man will mitbauen an der Zukunft von Griechenland und Europa, und das geht nur gemeinsam. Je mehr Krise, desto mehr Kunst. Ein Teil dieser wachsenden Szene ist eine non-profit-Galerie. Sie arbeitet seit drei Jahren auf Spendenbasis. "Die meisten der klassischen Galerien schließen gerade, weil es hier nicht wirklich einen Kunstmarkt gibt", erklärt Myrto Katsimicha von der Galerie State of Concept. "Für uns geht's weniger ums Verkaufen, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen, sich produktiv zu verbinden." 

Die Szene probt Modelle des Überlebens, schafft sich Existenz-Räume, wo gezeigt wird, was gerade gezeigt werden muss: In der Ausstellung geht es um Formen und Symbole der Macht, wie sie die Menschen und deren Zukunft beeinflusst. "Hin und wieder bin ich auch verunsichert, weil die Medien so wahnsinnig gut darin sind, Angst zu schüren. Aber wenigstens vertritt die Regierung einen mutigen, ehrenwerten Standpunkt", sagt eine Künstlerin vor Ort, Margarita Bofiliou.

Parallele Documenta in Griechenland

Apropos Regierung, gleich um die Ecke steht das neue Museum für zeitgenössische Kunst, seit Monaten fertig restauriert. Doch mangels Geld fürs Personal ist es immer noch geschlossen.

Das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Athen
Das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Athen - fertiggestellt, doch nicht eröffnet.

Rosiger sieht's dagegen beim Documenta-Team aus. Es plant für 2017 eine parallele Documenta-Ausgabe in Griechenland. Motto: Von Athen lernen! "Athen steht heute da, wo Kassel im Nachkriegsdeutschland stand, bei der ersten Documenta 1955", sagt die Assistentin des künstlerischen Leiters der Documenta14. "Genauso stecken die Griechen heute in einer Krise, sie müssen sich neu finden. Was gleichzeitig hochspannend ist."

Alle hoffen auf einen produktiven Wandel

Alle hoffen hier auf einen produktiven Wandel. Der Künstler Angelo Plessas hat ihn bereits vollzogen. Gerade wurde er nominiert für den Kunstpreis einer der großen privaten Stiftungen. Dafür, dass er seine Internet-Kunst seit der Krise einer kritischen Prüfung unterzogen hat. "Neoliberale Strategien, wie die vom IWF, dominieren ja mittlerweile auch das Netz", erzählt er. "Dabei stand es doch am Anfang – genauso wie Europa – mal für Gemeinschaft, für Inklusion."  

Angelo Plessas
Angelo Plessas organisiert schon seit Jahren Künstlerfreizeiten und filmt sie.

Angelos aktuelle Installation erzählt davon, wie er der neoliberalen Krise entflieht: Laptop zu und raus in die Natur. Seit drei Jahren organisiert er Künstlerfreizeiten – und filmt sie. Den Kopf frei kriegen – der nächste Trip startet morgen. Vorher aber feiert Angelo mit seinen Kollegen nochmal. Abschiedsfest der Kunsthalle Athena, noch so ein Labor dieser einzigartigen Szene. Nach fünf Jahren kündigt jetzt der Vermieter.

"Dass unsere Schließung mit dem Referendum zusammenfällt, ist reiner Zufall", sagt Marina Fokidis, Künstlerische Leiterin Kunsthalle Athena. "Aber wenn man sich von allem, was einem wichtig war, verabschieden muss, sollte man das wenigstens feiern. Es gibt immer einen Neuanfang."

Abbruchstimmung in Athen. Die Künstler sehen es anders: So viel Aufbruch war nie.

(Beitrag: Sylvie Kürsten)

Stand: 06.07.2015 09:31 Uhr

Sendetermin

So, 05.07.15 | 23:25 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.