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Bausünde oder die hohe Kunst der Architektur? – Die Wiederentdeckung des Brutalismus

Bausünde oder die hohe Kunst der Architektur? – Die Wiederentdeckung des Brutalismus | Video verfügbar bis 05.11.2018

Sie sind einschüchternd groß, eckig, klotzig und ziemlich raumgreifend. Die Bauten des Architekturstils "Brutalismus" entstanden vor allem in den 60er- und 70er-Jahren und wirken bis heute faszinierend radikal. Erst recht, weil inzwischen der Zahn der Zeit an ihnen nagt. Die jahrzehntelang als Bausünde geschmähte Betonarchitektur, die ihren Namen der französischen Bezeichnung "béton brut" – "roher Beton" verdankt, erlebt ein Comeback.

Ihre neuen Fans sind jung, hip und lieben den rohen Beton, der sich gut auf Fotos macht und in sozialen Netzwerken wachsender Beliebtheit erfreut. Gerade rechtzeitig. Denn vielen Brutalismus-Bauten droht weltweit der Abriss, wie ab dem 9. November eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zeigt: "SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!"

Brutalismus-Ausstellung in Frankfurt

Zu sehen sind brutalistische Bauten auf der ganzen Welt. Ausgefallene Formen, dramatische Linien. Graustufen ohne Ende. Die Brutalismus-Architekten dachten groß – und man ließ sie das sogar bauen. Das fasziniert bis heute. Wie das Rathaus von Boston. "Der Bauingenieur der Boston City Hall war nicht wenig stolz darauf und meinte, um das Gebäude jemals wieder abreißen zu können, da bräuchte man schon eine Atombombe", sagt Kurator Oliver Elser.

"Das war eine junge Generation", erzählt er weiter. "Die hatten so eine Punk-Haltung. Also das Grobe, das Direkte, das Anti-Establishment. Und in diesem Brutalismus, in diesem Beton-Brut, steckt diese ganze Anti-Haltung, diese ganze Rebellion auch drin." Vielleicht ist es die architektonische Aufbruchstimmung von damals, die heute wieder neue Fans anlockt.

Brutalismusbauten sind fotogen

Seit einiger Zeit erlebt der Brutalismus nun ein Comeback im Netz. Er ist außen wie innen ziemlich fotogen. Fotograf Gregor Schwind sucht solche Betonmonster, lichtet sie ab und stellt sie ins Netz. Er liebt, was andere hassen. "Entweder die Leute mögen es sehr. Oder die Leute hassen es auf den Tod", sagt er. "Die sagen auch wirklich, das soll abgerissen werden. Das soll weg. Das ist ein Schandfleck, warum hat man das gemacht." Mit seinen Fotos erreicht Schwind auf Instagram Tausende User.

Er ist sich sicher: "Je mehr man was mitbekommt, wie diese Architekturrichtung, die lange Zeit unsichtbar war im Netz, dann kann man sich auch mehr darauf einlassen, auf diesen Stil. Und dann gefällt es einem auch irgendwann."

Die Ikone des Brutalismus: St. Agnes in Berlin

Einer, der nicht nur Fan ist, sondern vom Fach: der Architekt Arno Brandlhuber. Er hat die Ikone des Brutalismus, die Kirche St. Agnes in Berlin, in eine Galerie umgebaut. Ursprünglich ein Kirchenschiff aus Spritzbeton, kein Putz, keine Farbe. "Ehrlich, direkt, brutal, wenn man so will", sagt er. "Das ist im Grunde genommen eine ganz einfach konstruktive Ehrlichkeit, zu sagen: Das ist das Material, ich zeige das Material, mit dem ich baue."

Sogar sein Privathaus, die Anti-Villa, hat er im Stil des Brutalismus gehalten: "Es gibt überhaupt keinen Grund, weswegen wir nicht heute genau so direkt, günstig, mit echtem Material bauen, wie damals. Und jeder, der das nicht tut, ist völlig bescheuert."

(Beitrag: Stefan Mühlenhoff)

Ausstellungstipp
SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!
9. November 2017 bis 2. April 2018

Deutsches Architekturmuseum
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Tel. (069) 212 38844

Stand: 05.11.2017 19:21 Uhr

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So, 05.11.17 | 23:50 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.