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Ein Jahr ohne Freiheit – Neue Texte von Deniz Yücel

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Ein Jahr ohne Freiheit – Neue Texte von Deniz Yücel | Video verfügbar bis 11.02.2019 | Bild[1]: dpa - Bildfunk

Am 14. Februar ist es ein Jahr her, dass Deniz Yücel in Istanbul von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde. Ende Februar 2017 kam er in Untersuchungshaft, seitdem sitzt er im Gefängnis. Ihm werden "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung" vorgeworfen. Doch tatsächlich geht es wohl darum, den deutsch-türkischen Journalisten mundtot zu machen.

Neues Buch mit Texten von Deniz Yücel

Damit zumindest das nicht gelingt, veröffentlicht die Journalistin Doris Akrap jetzt gemeinsam mit Yücel ein Buch mit alten und neuen Texten von ihm: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier". Und zum Jahrestag ist eine große Solidaritätslesung in Berlin geplant. Es geht um Deniz Yücel und gleichzeitig auch um die vielen, vielen anderen Journalisten und Intellektuellen, die in der Türkei inhaftiert sind. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" ist die Türkei auf Platz 155 von 180 Ländern. "ttt spricht" mit Doris Akrap, die lange mit Yücel zusammengearbeitet hat, und mit Ilkay Yücel, der Schwester des Journalisten.

Buch-Tipp
Wir sind ja nicht zum Spaß hier
Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte
Von Deniz Yücel
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Doris Akrap
Nautilus Flugschrift (Mitte Februar)
ISBN: 978-3-96054-073-1
Preis: 16 Euro

Deniz Yücel widmet das Buch allen, die ihn im Gefängnis nicht vergessen haben

Dass Deniz Yücel noch immer in Haft ist, macht fassungslos. "Ich hätte mir vor einem Jahr nie vorstellen können, dass es solange dauern würde", sagt seine Schwester Ilkay Yücel. "Und es war immer irgendwie so eine Art Ausnahmezustand und immer in der Hoffnung, dass es bald vorbei ist, und es zieht sich aber seit einem Jahr."

Dass das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" überhaupt erscheinen konnte, ist ein kleiner Trost für sie. Yücel widmet es seinen Unterstützern: "Für alle, die mich im Gefängnis nicht vergessen haben." "Deniz ist weggesperrt worden, weil er geschrieben hat, wie er es für richtig hielt und weil man damit nicht klargekommen ist", sagt Ilkay Yücel. "Das Erscheinen dieses Buches zeigt einfach, dass es nicht reicht, dass es nicht so einfach ist, ihn wegzusperren und ihn damit mundtot zu machen."

Kontakt zu Yücel nur über Anwälte

Yücel sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Untersuchungshaft, bis vor Kurzem komplett isoliert und noch immer ohne Anklageschrift. Der einzige Fortschritt: Seit Dezember teilt er sich einen Hof mit einem Mithäftling. Regelmäßig besuchen können ihn nur seine Anwälte und seine Frau Dilek, die er im Gefängnis heiratete. Mit seinem Buch aus dem Knast beweist Yücel nun, dass er sich nicht unterkriegen lässt.

Auch Doris Akrap hält über die Anwälte Kontakt zu ihm. "Es hat ihn irgendwie gestresst, nicht schreiben zu können", erzählt sie. "Er hatte ja lange auch keinen Stift und keine Zettel in der Zelle. Das wurde ihm dann irgendwann erlaubt, und er hat dann eben angefangen."

"Der kleine Prinz" als Schmuggelware

Monatelang tauschte Akrap sich über Umwege mühsam mit Yücel aus. Das so entstandene Buch enthält alte und neue Texte. Darunter die Geschichte, wie Yücel seinen ersten Artikel aus der Haft mit Hilfe des Kleinen Prinzen rausschmuggelte.

"Er durfte zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht schreiben", sagt sie. "Er durfte lesen und hat dann eben in dieses Buch reingeschrieben. Und dieses Buch hat er beim nächsten Anwaltsbesuch seinem Anwalt gegeben, beziehungsweise er hat das in seinen Wäschesack gepackt. Und der Anwalt hat, als er diesen Wäschesack zu Hause ausgeschüttet hat, gesehen: Das ist ein Text, der zur Veröffentlichung gedacht ist."

Solidaritätsveranstaltung am 14. Februar

Seit seiner Inhaftierung organisiert der Freundeskreis "FreeDeniz" Solidaritätsveranstaltungen. Zum Jahrestag am 14. Februar werden Yücels Unterstützer die Buchveröffentlichung mit einer Lesung in Berlin feiern. Viele Prominente haben sich bereits für ihn eingesetzt.

"Als dann Prominente wie Thomas Gottschalk, diverse Journalisten und Journalistinnen, Schauspieler, Musiker am Brandenburger Tor auftraten am 3. Mai oder seine Texte gelesen haben, in München, Köln, Hamburg, Berlin, Frankfurt – das hat ihn dann, glaube ich, schon ziemlich beeindruckt und auch sehr gerührt", erzählt Akrap. "Und dann hat er irgendwann gesagt: Na ja, wenn das so ist, dass alle gerne meine alten Texte lesen wollen, dann würde ich doch vorschlagen, daraus einfach ein Buch zu machen."

Texte liefern neuen Blick auf Deniz Yücel

Für das Buch hat Akrap zusammen mit Yücel Texte aus 13 Jahren ausgesucht, durch die alle, die ihn nur als Türkei-Korrespondenten kennen, einen neuen Blick auf den Autoren bekommen: Deniz Yücels scharfe Satiren, seine umstrittenen Kolumnen über "deutsch-ausländisches"  Miteinander, über Fußball und Journalismus. Auch Berichte aus der Türkei enthält das Buch – darunter die zwei Texte, für die er angeblich verhaftet wurde.

"Das ist zum einen ein Interview, das Deniz geführt hat mit dem zweiten Chef der PKK in den Kandil-Bergen", so Akrap. "Das ist ein Interview, wo ich sagen würde, dafür kriegt man normalerweise Journalistenpreise. In der Türkei kriegt man dafür Knast und wird als Terrorpropagandist beschuldigt, worauf bis zu 15 Jahre Haft stehen."

Klage gegen Haftbedingungen bislang ohne Ergebnis

Gegen seine Haftbedingungen hat Yücel inzwischen Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht – bisher ohne Ergebnis. Und die deutsche Regierung? Hält sich bedeckt. Dass sie hinter den Kulissen mit der Türkei verhandelt, die Yücel als politische Geisel genommen hat, kann man vermuten. Ob das reicht?

Die Proteste gehen weiter – für ihn und alle inhaftierten Journalisten in der Türkei. "Die Lage der Journalisten oder der Pressefreiheit beziehungsweise der nicht mehr vorhandenen Pressefreiheit in der Türkei wäre in Deutschland nie so präsent gewesen", sagt Doris Akrap. "Das wäre nie so thematisiert worden, wie es ist, wenn Deniz nicht verhaftet worden wäre."

(Beitrag: Yasemin Ergin)

Stand: 11.02.2018 20:50 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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