SENDETERMIN So, 18.02.18 | 23:15 Uhr | Das Erste

Bedrohter Lebensraum – Ein Buch über den Stamm der Tenharim im Amazonasgebiet

PlayBuchcover: Thomas Fischermann Der letzte Herr des Waldes
Thomas Fischermann: "Der letzte Herr des Waldes" | Video verfügbar bis 18.02.2019 | Bild[1]: NDR

Im Amazonas-Urwald in Brasilien, auf einem Gebiet so groß wie Schleswig-Holstein, leben 900 Menschen vom Stamm der Tenharim. Ihr Wald wird von allen Seiten abgeholzt, doch der kriegerische Stamm wehrt sich gegen die Holzfäller – auch mit Pfeil und Bogen. Thomas Fischermann, Korrespondent der ZEIT in Rio, ist vier Jahre lang immer wieder zu den Tenharim gereist, hat das Vertrauen eines jungen Kriegers erlangt und seine Geschichte aufgeschrieben: "Der letzte Herr des Waldes".

Am Anfang stand ein Mord

"In den Nachrichten hörte ich 'Der mörderische Kannibalenstamm der Tenharim hat wieder neue Opfer gefordert!' An der Transamazonica wurden drei Leichen von Siedlern gefunden", erzählt Fischermann. Ein Mord, begangen – angeblich –vom Stamm der Tenharim. Ihr Lebensraum ist bedroht, weil die Holzfäller gewaltsam vorrücken. Thomas Fischermann machte sich auf den Weg: "Alle Anwohner haben uns gewarnt und gesagt: 'Fahrt da nicht durch! Es wird gefährlich werden!' Und das hat ein gewisses Urteil festgesetzt bei uns."

Hin- und hergerissen zwischen Moderne und Mythos

Thomas Fischermann steht in einem Wald.
Der Autor Thomas Fischermann hat vier Jahre lang immer wieder die Tenharim besucht. | Bild: NDR

Thomas Fischermann begegnet einem Stamm, dessen Lebensweise ihn beginnt zu faszinieren: hin- und hergerissen zwischen Moderne und den Mythen des Amazonas-Waldes. "Madarejuwa war ausgesucht, mich dorthin zu führen. Und dann sind wir losgefahren, und er schwieg. Und ich habe ihm tausend Fragen gestellt, wie das Journalisten so machen und wollte auch nett sein und Konversation machen, aber ich hatte den Eindruck, immer dann, wenn ich versucht habe, Smalltalk zu machen, wurde er ganz misstrauisch. Der damals 19-Jährige, der schweigend auf seinem Boot saß und ganz offensichtlich die Flüsse kannte sowie auch die Wege und die Tiere, wie er die Natur wahrnahm – der kam mir sehr echt vor."

Madarejuwa als Erzähler der Geschichte

Fischermann besucht Madarejuwa fortan regelmäßig, vier Jahre lang. Er beschließt, ein Buch zu schreiben. Über den "letzten Herren des Waldes" – Madarejuwa. Dieser ist auch Erzähler der Geschichte. Seiner Geschichte. "Das Gift, das wir auf die Spitzen unserer Pfeile streichen, ist unser Gift, unser eigenes Rezept", heißt es in dem Buch. "Meine Vorfahren haben es erfunden, es tötet sofort. Du kannst später meinen Großvater fragen, vielleicht verrät er dir, wie man es macht."

"Madarejuwa ist ein sehr unsicherer Mensch, wenn er mit Außenseitern in Kontakt kommt", sagt Fischermann. "Und das liegt daran, dass er in diesem Konflikt steht. Dass er einerseits in seiner Kultur aufgewachsen ist und den Wald kennt wie kein Zweiter, dass er andererseits aber in seiner Lebensweise bedroht ist. Dass er vielleicht ahnt oder weiß, dass sein Wald abgeholzt wird zu allen Seiten hin. Und dass er vielleicht, wenn er im Alter seines Vaters oder seines Großvaters ist, sich eine neue Identität suchen muss."

Durch die Transamazonica wächst nichts mehr

"Die Transamazonica brachte die Holzfäller in unsere Gegend, Goldsucher und Erzschürfer kamen. Dort ist es sehr schmutzig, der Wald ist kaputt. Es wächst nichts mehr", erzählt Madarejuwa im Buch. "Im Süden versucht die Regierung, einen Wasserstaudamm zu bauen, im Norden dringen Goldsucher ein und im Westen und im Osten sind große Siedlungen mit Großfarmern, Spekulanten und Holzfällern unterwegs", berichtet Thomas Fischermann. "Ich hab' bei diesen Holzfällern gelebt und die sagen ganz klar: Das ist jetzt das Holz, das als nächstes gefällt werden muss, weil es sonst keins mehr gibt."

Seit 1950 wurden 20 Prozent des Amazonas-Regenwaldes abgeholzt. "Der jetzige Präsident hat sich eigentlich nur an der Macht gehalten, obwohl er der Korruption und Verbrechen beschuldigt wird, indem er einen Pakt gemacht hat mit den Vertretern der Agrarinteressen, dass sie ihn noch einmal stützen, er aber gewaltigen Kahlschlag zulässt. Und das passiert jetzt", so der Autor.

Mordende Band löschen ganze Völker aus

Mordende Banden ziehen durch den Wald, im Auftrag der Holzfäller, und löschen ganze Völker aus. Sie haben Nachtsichtgeräte und Feuerwaffen. Aber auch die Tenharim setzen Waffen ein – Pfeil und Bogen. In dem Buch heißt es: "Wir bewegen uns unsichtbar im Wald, wenn wir nach Eindringlingen suchen. Manchmal fotografieren wir sie mit unseren Mobiltelefonen."

"Die Leute haben auch Mobiltelefone", sagt Fischermann. "Sie haben aber keinen Empfang. Das heißt, die Anwendungsgebiete sind manchmal etwas mysteriös. Manchmal wie eine Art Trophäen, die sie durch den Wald tragen. (...) Die Tenharim haben einen sehr starken Überlebenswillen. Und das macht auch ihre Existenz aus. Überleben und Kampf ist wichtig. Und sie haben schon lange begriffen, dass sie deshalb wissen müssen, was draußen in der Welt vor sich geht."

Wenn sich nichts ändert, wird es die Tenharim nicht mehr lange geben

Damit der Amazonaswald nicht irgendwann nur noch exemplarisch, unter Glas, existiert – wie in den Schaugewächshäusern in Hamburg. Wo wir Fischermann treffen. Er sagt, wenn es so weitergeht, dann gibt es das Gebiet der Tenharim in 10 bis 15 Jahren nicht mehr. Der Mord, den Fischermann ursprünglich untersuchen sollte, ist nie aufgeklärt worden. Stattdessen ist ein Buch über ein Volk entstanden, das uns seine Geschichte erzählt.

"Sie sagen selber, dass sie sich sehr gut wehren können und, dass sie immer noch all ihre Feinde besiegt haben" Aber Thomas Fischermann glaubt, dass die Tenharim sich etwas vormachen. "Ich glaube, dass es sehr, sehr schwer ist, so ein Gebiet zu verteidigen. 900 Mann? In einem Gebiet, das so groß ist wie Schleswig-Holstein?"

Im Buch heißt es: "Ich bin Madarejúwa, ein Krieger vom Volk der Tenharim, und ich habe keine Angst."

(Beitrag: Katharina Ricard)

Buch-Tipp
Der letzte Herr des Waldes
Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt vom Kampf gegen die Zerstörung seiner Heimat und von den Geistern des Urwalds
Von Thomas Fischermann
C.H.Beck (15. März 2018)
ISBN: 978-3-406-72153-3
Preis: 19,95 Euro

Stand: 18.02.2018 19:08 Uhr

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