SENDETERMIN So, 06.09.15 | 23:35 Uhr | Das Erste

Hass und Ausgrenzung – Sprache als Kampfmittel der neuen Rechten

Als "Volksverräterin" wurde Angela Merkel in Heidenau beschimpft, als "Viehzeug" und "Dreckspack" werden Flüchtlinge bei Facebook diffamiert. Das menschenverachtende Vokabular der NS-Zeit hat Konjunktur – auch wenn die, die sich einer solchen Sprache bedienen, betonen, sie seien ja "keine Nazis". Sie fühlen sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!". Sie sind gegen das Fremde, sie wettern gegen die "Lügenpresse". Wo ist der Ursprung dieser hetzerischen Wortwahl, und wer sorgt dafür, dass sie so erfolgreich verbreitet wird?

Wer sind die Anstifter?

Hierüber hat der Publizist Christoph Giesa gemeinsam mit Liane Bednarz das Buch "Gefährliche Bürger" geschrieben. So nennen sie Menschen, die derartiges Vokabular nutzen. Bürger, die immer mehr radikalisiert werden. Von einer neuen Rechten, die seit Langem versucht, unserer Gesellschaft ihren Hass einzuimpfen.

»Die Menschen, die ihn salonfähig gemacht haben, sind die, die tatsächlich in den Salons unterwegs sind. Die extrem bürgerlich auftreten, auch Wert auf ihre hohe Bildung legen, sich selbst als Bildungsbürgertum bezeichnen, aber gleichzeitig dieses bürgerliche Auftreten mit sehr antibürgerlichem Hass, mit Ressentiments verbinden. «

Buchcover: Gefährliche Bürger - Die neue Rechte greift nach der Mitte.
Das politische Buch "Gefährliche Bürger" analysiert die Prinzipien der rechten Rhetorik.

Doch wer sind diese Anstifter, die aus gestern noch harmlosen nun gefährliche Bürger machen? Laut Giesa zum Beispiel Alexander Gauland, Chef der AfD in Brandenburg, der sich über Flüchtlinge so äußert: "Meine Damen und Herren, das löst das Problem nicht, das nämlich darin besteht, dass am Ende oft zu viele und die Falschen bleiben." Oder Götz Kubitschek, Publizist und einer der maßgeblichen Akteure der neuen Rechten. Mit Zynismus und Hetze gegen Toleranz. "Jeder Ankömmling ist ein potenzieller Facharbeiter, jeder Ausländer macht unser graues, trauriges Deutschland bunt und fröhlich. Was für ein schrecklicher Irrtum."

Prinzipien der rechten Rhetorik

Mit geschickter Rhetorik haben die Brandstifter die nun gefährlichen Bürger verführt. Prinzip 1: Nazis. Nein, mit denen will man nichts zu tun haben. Ebenso wenig mit Adolf Hitler. Dafür zitiert man eben die, die damals Hitler beeinflusst haben. Zum Beispiel Oswald Spengler und sein Werk "Der Untergang des Abendlandes" aus den 1920ern. Daraus lässt sich gut ableiten und zitieren – ohne gleich als rechtsextrem zu gelten. So beklagte der schon damals eine "Vermassung, Dekadenz und Verlust der eigenen Identität".

Die Identität führt zu Prinzip 2 in der Rhetorik der neuen Rechten: das Volk. Nationale Identität wird betont bis zum geht nicht mehr. Schließlich sind sie ja das Volk – und nicht die anderen. Der Herausgeber der rechten Jugendzeitschrift "Blaue Narzisse", auch einer dieser Brandstifter, schlägt genau in diese Kerbe: "Wir haben ganz simpel das Problem, dass wir uns nicht mehr selbstbewusst zu unserer eigenen Nation, auch zu einem europäischen Werteverständnis, europäischer Tradition bekennen einfach." Frage: Wo sehen Sie das denn bedroht? Wir betonen doch unsere europäischen Werte. "Das ist jeden Tag durch Medien und Politik bedroht, indem es eben schlecht gemacht wird."

Und eben damit bringen sie sich – Prinzip 3 – in die perfekte Opferrolle. Die Bürger müssen sich schließlich ja nur verteidigen, weil sie angegriffen werden. Verführt von intellektuellem Sprachgebrauch. Christoph Giesa:

»Ein gutes Beispiel dafür ist sowas wie Ethnopluralismus. Das hört sich erst mal nicht so schlimm an, ist aber faktisch eine weltweite Apartheid. Man sagt nicht mehr, die Deutschen sind die Herrenrasse und alle anderen sind schlechter, sondern man sagt, alle Völker sind gleich viel wert, aber nur solange sie unter sich bleiben.«

"Wir müssen unsere Tabus verteidigen"

Diese Rhetorikmaschine, dieser intellektuelle Überbau funktioniert: Statt mit der "Lügenpresse" füttern die Brandstifter mit ihren "alternativen Medien" die Bürger mit ihrem braunen Gedankengut. Und die plappern es eifrig im Internet nach: "Ganz europa sollte man mit stacheldrahtzaun einzäumen!! Alle grenzen dicht machen! Denn an uns denkt niemand, wir sind ja völlig egal!! Echt traurig! Überfremdung ist auch eine art von völkermord!!"

Und selbst die geschmacklosesten Handy-Videos werden inzwischen offen bei Facebook gepostet: "Alle einsteigen, alle Ausländer, wir fahren nach Auschwitz", ruft ein Busfahrer. Bleibt die Frage: Was tun? Mit den "gefährlichen Bürgern" diskutieren? Sie als "Pack" abtun? Christoph Giesa:

»Wir müssen unsere Tabus verteidigen, die unsere Gesellschaft lebenswert machen. Wir müssen gegenhalten, wo der Hass auftritt, aber wir müssen eben auch in der Lage sein, tatsächlich Diskussionen abzubrechen, wenn es nur noch um Menschenfeindlichkeit geht. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass der Hass uns unsere Agenda bestimmt.«

Die neuen Rechten wollen die Debatte dominieren. Soweit sollte es nicht kommen.

(Beitrag: Melanie Thun)

Buchtipp
"Gefährliche Bürger"
Von Liane Bednarz und Christoph Giesa
Verlag: Hanser (24. August 2015)
ISBN: 978-3-446-44461-4
Preis: 17,90 Euro

Stand: 06.09.2015 19:52 Uhr