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Vakuum in Berlins Mitte? Neue Volten in der Debatte um das Humboldt Forum

Vakuum in Berlins Mitte? Neue Volten in der Debatte um das Humboldt Forum | Video verfügbar bis 24.09.2018

Nicht der BER, sondern in Berlins Mitte ist die wichtigste Baustelle Berlins, nein eigentlich der Republik. Hier wird das alte Hohenzollernschloss rekonstruiert. Ein Schloss, das keiner wirklich braucht! Und von dem zwar eigentlich klar ist, was da rein soll: Kunst und Kultur. Und dann soll in das Preußenschloss ja auch noch das "Humboldt Forum". Das ist nun Deutschlands größte Kulturbaustelle. Think big! Nach Ansicht der Staatministerin für Kultur, Monika Grütters: "Das wird der Ort der Orte sein."

Drei hochkarätige Gründungsintendanten fürs Humboldt Forum

Doch es ist schwierig: Irgendwie retro-feudal in der Verpackung, aber unbedingt weltoffen – was für eine Kulturgrätsche. Doch Hermann Parzinger, Gründungsintendant des Humboldt Forum ficht das nicht an: "Die Geschichte dieses Ortes können wir keinesfalls leugnen, und dadurch sehe ich das Gebäude selbst eigentlich nicht als Last, sondern als Herausforderung, ganz klar."

Seit 15 Jahren wird über das Innenleben des Schlosses diskutiert. Es gibt gleich drei hochkarätige Gründungsintendanten fürs Humboldt Forum. Vom British Museum wurde Neil MacGregor eingekauft. Der hat allerdings gesagt, dass er den Job nur bis 2019 machen will – dann wird das Humboldt Forum aber erst eröffnen. Von der Humboldt-Universität kommt Horst Bredekamp. Er will ein Humboldt-Labor und eine Humboldt-Akademie einrichten. Hauptsache Humboldt, aber nichts Genaues weiß man nicht. Und schließlich: Hermann Parzinger, Judokämpfer und Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er hütet mit Argusaugen seinen reichen Berliner Museumsschatz.

Von "Raubkunst" und einem "Dialog mit den Weltkulturen auf Augenhöhe"

Und was kommt jetzt rein? Teile der berühmten völkerkundlichen Sammlungen Berlins. Kulturgüter von allen Kontinenten. Das alles soll irgendwie neu präsentiert werden. Und das ist auch notwendig, denn darunter ist auch "Raubkunst" aus deutschen Kolonialzeiten. Im Modell wird alles ganz schön schick präsentiert, klar – aber bezieht man auch selbstkritisch die Herkunftsländer der Kulturschätze in das "weltoffene" Konzept ein? 

Ja, meint Hermann Parzinger: "Das Humboldt Forum muss ein Prozess sein. Wir beginnen, der Weg ist klar, auch, wo er hinführen muss." Und wohin der Weg führt, erläutert er erst auf Nachfrage: "Zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit, wenn wir von Augenhöhe sprechen, die wir herstellen wollen. Zu einem Dialog mit den Weltkulturen auf Augenhöhe."

Eklat: Das Humboldt Forum sei wie Tschernobyl!

Doch nicht alle glauben daran. In diesen Sommer kam es zum Eklat: Das Humboldt Forum sei wie Tschernobyl! Wie der dortige Sarkophag schütze der Berliner Betonklotz seinen historisch vergifteten Inhalt. Diese harsche Kritik kam von Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin, in einem Zeitungsinterview. Seitdem ist sie nicht mehr im Beirat des Humboldt Forums. Diese Woche stellte Bénédicte Savoy ihr neues, eigenes Projekt in Sachen Herkunftsforschung vor: "Translocations". Im Interview mit "ttt" sagt sie:

"Ich bin zurückgetreten, weil ich den Eindruck hatte, diesem schönen Projekt Humboldt Forum nützlicher zu sein, wenn ich außerhalb des Projekts Humboldt Forum bin, als wenn ich innerhalb bin. Und tatsächlich scheint es so der Fall zu sein, dass dieser Austritt etwas in Bewegung gesetzt hat, und das ist eine schöne Nachricht."

Mehr Geld für Herkunftssuche

In der Tat. Die schöne Nachricht ist: Plötzlich gibt die Kulturstaatssekretärin mehr Geld für die Herkunftssuche im Humboldt Forum. Und die Gründungsintendanten gehen in die Offensive. Auch in dieser Woche hat die erste Podiumsdiskussion zu dem Thema in Berlin stattgefunden, organisiert durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Das Haus will ungeahnte Maßstäbe setzen, wie Hermann Parzinger erklärt: "Vollkommene Offenlegung unserer Bestände, komplette Digitalisierung der Objekte und Unterlagen, da sind wir dabei. Ich glaub', da gibt es viel zu tun. Ich glaube, wir werden später, das würde ich mir jedenfalls wünschen, dem Humboldt Forum einmal dankbar sein, dass es all das und die Form der Zusammenarbeit intensivieren wird. Denn dann werden sich auch andere völkerkundliche Sammlungen in Europa dem dann nicht entziehen können."

Angst vor Restitution

Bleibt die Frage, warum nicht gleich so? Es ist die Angst der Museen vor Forderungen nach Rückgabe, nach Restitution. Mit lückenloser Recherche zu den Objekten wächst auch die moralische Verantwortung. Die sollte erst recht kein Hinderungsgrund sein, meint Bénédicte Savoy: "Es darf nicht sein, dass aus Angst vor Restitution historische Aufarbeitung nicht stattfindet. Das wäre fatal, und das würde uns schwach machen für die Zukunft. Das heißt, je besser man über sich selbst als Institution weiß und erzählt, dem Publikum, desto stärker und besser ist man."

Ein schwaches Bild gibt man dagegen ab, wenn man vollmundig von einem "Haus für die Welt" spricht, wie die Gründungsintendanten – aber seit Jahren dafür kein klares Konzept vorlegen kann oder will. Dagegen meint Hermann Parzinger: "Ich glaube, dass dieser Vorwurf des Unkonkreten uns verfolgen wird bis man Hineingehen kann."

Einst hieß es in Berlin: "Völker der Welt, schaut auf diese Stadt." Nun schauen alle auf dieses Haus, das neue, alte Schloss. Sein Innenleben. Wenn das man gutgeht.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 25.09.2017 14:58 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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