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Aufbruch oder Rückschritt? – Wie sich deutsche Innenstädte verändern

PlayFrankfurter Innenstadt
Wie sich deutsche Innenstädte verändern | Video verfügbar bis 02.07.2018

"Früher war alles besser", glauben die Frankfurter und bauen darum ihre Altstadt originalgetreu wieder auf. Im Krieg komplett zerstört, wachsen jetzt wieder Mittelalter und Renaissance. Geschindelte Fassaden, Fachwerkromantik, verspielte Ornamente. Handwerklich eine Meisterleistung. Und das alles in Sichtweite zur Skyline. Projektleiter Michael Guntersdorf steht auf einem Platz, den es seit mehr als 70 Jahren nicht mehr gab. Krieg und Nachkriegs-Aufbau hatten alles hier ausradiert. "Wenn Sie jetzt sehen, was in den 70er-Jahren hier an Dorf- und Stadtzerstörung angerichtet worden ist, das hat eine Lücke hinterlassen in den Köpfen der Leute", sagt er. "Und gerade in so einer Stadt wie Frankfurt, die als gotische Großstadt einen internationalen Namen hatte, ist es kaum mehr vorstellbar für den Normalbürger, wie es damals ausgesehen hat. Wie hat das funktioniert in so einer Stadt?"

Was tun mit den Kriegswunden?

Peter C. Schmal vom Deutschen Architekturmuseum
"Symbolische Beruhigung mit Formen, die uns vertraut sind": Peter C. Schmal vom Deutschen Architekturmuseum.

Das Problem aller deutschen Städte: Was macht man bloß mit den Kriegswunden? Frankfurt pragmatisch: zuerst ein Parkplatz, dann ein architektonisches Kleinod: das technische Rathaus – typischer Brutalismus der 70er-Jahre. Vor sieben Jahren dann wieder abgerissen. Anfang der 80er-Jahre bastelt sich die Stadt am Römerberg zum ersten Mal Fachwerkretorte . "Disneyland", schimpften die Kritiker. "Wir sind in Deutschland in der glücklichen Lage, genug Geld zu haben, um unsere Vergangenheit mehrfach überschreiben zu können", sagt Peter C. Schmal vom Deutschen Architekturmuseum. "Wir haben also bisher schon mehrfach unser städtebauliches Bild revidieren können, und dazu gehört natürlich die Nachkriegsmoderne, die meistens sehr sparsam ausgefallen ist." "Wertig", wie man heute sagt, soll es stattdessen in Frankfurt wieder aussehen. Zurück in die Zukunft. 

Sehnsucht nach der heilen Welt

Woher kommt diese Sehnsucht nach der heilen Welt? "Diese beruhigende Architektur, die wir uns gerade wünschen und bauen, die ist nicht unbedingt der Wunsch und die Rückkehr nach den Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg, die nicht viele persönlich miterlebt haben", sagt Schmal. "Sondern es ist eher eine symbolische Beruhigung mit Formen, die uns vertraut sind, um für die Zukunft gewappnet zu sein und nicht irre zu werden vor Veränderungen." Oder haben die Menschen einfach genug von gesichtsloser Architektur? Als Reaktion darauf: die Rückkehr zu einem Stadtbild, wie es vor dem Krieg aussah.

Zurück in die gute alte Zeit

In Potsdam wird - ganz nebenbei - die DDR-Moderne entsorgt.
In Potsdam wird - ganz nebenbei - die DDR-Moderne entsorgt.

Potsdam schwelgt wieder in preußischem Glanz und Gloria. Und entsorgt, ganz nebenbei, die DDR-Moderne. Kritiker sprechen vom Wegräumen der wechselvollen deutschen Geschichte. "Gute alte Zeit" auch in Dresden: der Neumarkt in Neo-Barock. Und auch die Hauptstadt bekommt ihr Stadtschloss zurück – wie ein Film, der rückwärts läuft. "Wir sind in einer alternden Gesellschaft, die eben nicht freudig in die Zukunft schaut, um etwas aufzubauen. Und so bauen wir dann auch, genau so", beschreibt es Schmal.

Lübeck will den Menschen mehr geben

Seit Jahrzehnten ist das das Bild unserer Innenstädte: konturlose Bürotempel und Shopping-Malls, mit denen sich niemand identifizieren kann. Den Menschen in der City wieder mehr geben – das will Lübeck schaffen. Im Herzen der UNESCO-geschützten Altstadtinsel. Vor dem Krieg war hier eines der ältesten und dichtest besiedelten Quartiere der Stadt: das "Gründungsviertel". Die Nachkriegs-Bebauung ist auch schon wieder abgerissen. Jetzt: eine riesige Brachfläche. Eigentlich perfekt für ein neues Einkaufszentrum. "Das wollten wir gerade nicht", betont Karsten Schröder vom Stadtplanungsamt Lübeck. "Natürlich braucht eine Stadt Investoren. Aber an dieser Stelle, in diesem historischen Umfeld, war es ganz wichtig, an diese Struktur anzuknüpfen. Und das ist diese Kleinteiligkeit." Lübeck geht einen anderen Weg als Frankfurt. Statt Rekonstruktion spielen junge Architekten mit alten Formen: Elementen aus Backsteingotik und Klassizismus. Ein lebendige Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Hanselook light. So entstehe für den neutralen Betrachter ein traditionelles Stadtbild, das aber modern sei, sagt Schröder.

Wohnen in der Retorte

August Heuser wird künftig in der neuen Altstadt wohnen.
August Heuser wird künftig in der neuen Altstadt wohnen.

Nochmal zurück nach Frankfurt: Gut 160 Menschen werden nächstes Jahr in die neue Altstadt ziehen.  Einer von ihnen ist August Heuser. "Meine Freunde fragen mich schon: 'Warum ziehst du denn in so eine Retorte, Rekonstruktion hinein?' Aber ich glaube, man muss das differenzierter betrachten. Die Stadt besteht im Übrigen aus solchen Zusammenschlüssen. Dieses Miteinander des Alten und Neuen, und so wird auch nur Stadt." Auch wenn es klein, eng und putzig wie in einer Puppenstube aussieht: Im Vergleich zu allem, was vorher hier stand - dieses Projekt gibt dem Römerberg das zurück, was ihm – vielleicht – jahrzehntelang gefehlt hat.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 03.07.2017 09:19 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.