SENDETERMIN So, 06.03.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Angstmacher aus Rottenburg – Der Kopp-Verlag in der Kritik

PlayBücher des Kopp-Verlages
Der Kopp-Verlag in der Kritik | Video verfügbar bis 06.03.2017

Wussten Sie, dass Michelle Obama vielleicht ein Mann ist? Kopp Online mutmaßt zumindest verschwörerisch: "Ist Michelle Obama eine Transe?" An Bord der abgestürzten Maschine MH 17: alte Leichen. So berichtet Kopp pseudo-investigativ: "Ausführlicher Augenzeugenbericht: Passagiere von Flug MH 17 definitiv "Dosenfleisch"."

Ein bisschen Verschwörung, ein bisschen krude Thesen – klingt soweit fast lustig. Doch dazu gesellt sich eines: Angst schüren. "Deutschland vor dem Kollaps", "Vorsicht Bürgerkrieg" und wenn nicht der, dann steht der "Dritte Weltkrieg" kurz vor der Tür.

Der drohende Dritte Weltkrieg und der Krisenrucksack

Wie ticken die, die so etwas schreiben? Peter Orzechowski hat drei Bücher über den angeblich drohenden Dritten Weltkrieg geschrieben hat. Der Autor rät, schon mal den Krisenrucksack zu packen. Das Praktische: Alles dafür gibt es beim Kopp-Verlag auch zu kaufen – ein cleveres Geschäftsmodell. "Ich habe einen Rucksack, der bereitsteht, sollte da was sein. Was ich wirklich jedem empfehlen würde, ist, sich einfach ein paar Vorräte anzuschaffen. Warum? Weil möglicherweise in irgendwelchen kriegerischen Auseinandersetzungen, in Unruhezeiten, die Versorgung nicht mehr so funktioniert, wie wir es gewohnt sind", sagt Orzechowski.

Ängste werden befeuert

Die Untergangsstimmung kommt aus dem beschaulichen Rottenburg am Neckar. Hier hat der Kopp-Verlag seinen Sitz. Hier macht er sein Geld – auch mit islamophober Stimmungsmache. Der Kopp-Verlag bringt jedes Jahr rund 50 Bücher selbst raus, verschickt aber auch die anderer Verlage. Nach eigenen Angaben versendet Kopp zwischen 10.000 und 25.000 Bücher pro Tag und hat rund 80 Mitarbeiter.

Wie gefährlich sind solche Verlage? "Die Autoren, die Herr Kopp präsentiert, befeuern Ängste. Angst ist ein schlechter Ratgeber, Angst soll sich nicht zu einer kollektiven Panik ausbreiten. Das war am Ende der Weimarer Republik so. Panik im Mittelstand ist im Grunde ein Wegbereiter für populistische und sogar faschistische Bewegungen. Insofern muss man sehr verantwortlich damit umgehen, was man an Verschwörungstheorie in die Welt setzt", sagt Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Er beschäftigt sich seit Langem mit den Neuen Rechten.

Islamophobe Stimmungsmache

Verleger Jochen Kopp ist ehemaliger Polizist und gründete seinen Verlag 1993. Wir hätten gerne ein Interview mit ihm geführt, doch er sagte zunächst ab. Auch Udo Ulfkotte, einer der prominentesten Autoren des Verlags, war zu keinem Interview bereit. Er kennt quasi nur ein Thema, das er nahezu alljährlich in ein neues Buch gießt: "Albtraum Zuwanderung", "Europa vor dem Crash", "Kein Schwarz, kein Rot, kein Gold - Armut für alle im lustigen Migrantenstadl". "Ich behaupte, dass die Bundesrepublik Deutschland vom Land der Dichter und Denker zum Land der Hilfsarbeiter wird – dank muslimischer Zuwanderung. Und ich bin gegen die Stoffkäfighaltung von Frauen auf den Straßen. Das stört mich, das beleidigt mich, Frauen in Stoffkäffige eingesperrt zu sehen", ist eines seiner Statements.

"Sie schießen nicht selber, sie lassen schießen"

Albert Bodenmiller war parteiloser Stadtrat in Rottenburg. Er beschäftigt sich seit gut fünf Jahren mit dem Kopp-Verlag und seinen Inhalten: "Die machen das sehr schlau. Sie liefern den radikalen Demonstranten, diese laut schreienden Demonstranten, sozusagen die geistige Munition. Sie schießen nicht selber, sie lassen schießen."

Was sagt Peter Orzechowski als Kopp-Autor zu solchen Vorwürfen? "Mittlerweile habe ich den Eindruck, wenn man irgendwas gegen die herrschende Meinung sagt, ist man entweder ein Terrorist oder ein Rechtsradikaler. Auf jeden Fall keiner mehr, der dazu gehören kann oder soll. Das ist für mich der Beginn, dass Demokratie abgeschafft wird."

Kein Rezepte für die Zukunft

Schließlich lässt sich Jochen Kopp doch auf ein Gespräch ein – allerdings ohne Kamera. Über zwei Stunden  in dem Verlag, der es sich zum Motto gemacht hat, Informationen zu verbreiten, die "ihnen die Augen öffnen." Und eben das – so sagt Jürgen Kopp – sei sein Anliegen. Meinungen und Sorgen der Menschen eine Plattform zu bieten, die anderswo nicht gehört würden. Ängste? Die wolle er gar nicht schüren. Er sagt, dass – wenn man das Problem erkannt habe – doch auch keine Angst mehr haben müsse.

"In den Büchern, die im Kopp-Verlag erscheinen, gibt es kein einziges Rezept für die Zukunft. Es gibt keine einzige Handlungsanweisung, wie wir aus der Krise rauskommen. Das ist ein Krisenbeschleuniger und kein Krisenretter", sagt Politikwissenschaftler Leggewie. Und das alles im Rahmen der freien Meinungsäußerung. Kopp und seine Autoren dürfen das, was sie tun. Und verdienen damit anscheinend richtig gut Geld. Genau hinsehen sollten wir trotzdem.

(Beitrag: Melanie Thun)

Stand: 07.03.2016 09:50 Uhr

Sendetermin

So, 06.03.16 | 23:05 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.