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Keine einfachen Erklärungen! Die Journalistin Souad Mekhennet über den Dschihad

Mekhennet über den Dschihad | Video verfügbar bis 24.09.2018

Für sie gibt es keine einfachen Erklärungen – und erst recht nicht über den Dschihad. Die Journalistin Souad Mekhennet reist zu den Gotteskriegern, berichtet seit Jahren aus einer Welt aus Hass und Finsternis, die sich immer mehr ausbreitet. Sie erzählt von den Menschen, die in dieser Welt leben – und vor allem von Menschen, die diesen Welten geopfert werden. Jetzt hat sie ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst: "Nur wenn Du allein kommst" (C.H. Beck). "ttt" trifft Souad Mekhennet und spricht mit ihr über ihre Einsichten in die Welt des Dschihad.

Aufklärung als Waffe gegen das Unrecht

Es war immer ihr Traum, bei der Washington Post, der Wiege des Investigativjournalismus zu arbeiten. "Ich bin in den Journalismus gegangen, weil ich so sehr geprägt wurde von dem Film 'All the President's Men' also der Watergate Affäre", erzählt sie. "Und es ging ja um zwei Journalisten der Washington Post und wie die etwas aufdeckten, was dazu führte, dass ein Präsident der Vereinigten Staaten zurücktreten musste."

Aufklärung als Waffe gegen das Unrecht. Das klingt geradezu naiv. Dabei ist sie keine Träumerin, sondern Terrorexpertin. Sie berichtet seit Jahren aus einer Welt aus Hass und Finsternis, die sich immer weiter ausbreitet. Wir treffen Mekhennet in ihrer Heimatstadt Frankfurt, sprechen mit ihr über ihr neues Buch. Es ist die Zeit kurz nach den Anschlägen von Barcelona. Sie recherchiert die Biographien der Attentäter. Die Muster gleichen sich, seit Jahren. Die Gesellschaft trauert. Hilflos. "Es gibt Leute, die glauben, der Islam sei Schuld an allem und der Islam ist die Quelle allen Übels. Und ich sage in dem Buch: Es ist nicht der Islam, der die Menschen radikalisiert, sondern es sind diese Menschen, die den Islam radikalisieren."

Mekhennet erzählt ihre eigene Geschichte

Deshalb erzählt sie im Buch ihre eigene, ganz andere Geschichte. Sie ist Muslimin, Vater Marokkaner, Mutter Türkin, in Frankfurt aufgewachsen. In einem gutbürgerlichen Viertel. In einer Gesellschaft, die Migranten gerne ausgrenzt, taten die Eltern alles für eine schnelle Integration. Im Rückblick weiß sie, wie viel Glück sie hatte. "Wenn Sie das Gefühl haben, Sie gehören sowieso nicht dazu, dann ist die Gefahr da, dass man sich selbst auch distanziert von der Gesellschaft. Und so fängt es eben an, dass die eine Seite mit der anderen nichts zu tun hat und wir dann nicht mehr das Wir sind sondern die und wir und die oder ich."

Es ist eine schöne Welt, in der sie groß wird. Sie zerfällt am 11. September. Der Anschlag zerreißt sie in zwei Teile. Hier der Westen. Die Opfer. Dort der Islam. Das Böse, die "Terrorbestie" aus Hamburg. Mekhennet, die junge Journalistin, will diese Zweiteilung nicht akzeptieren: "Ich wollte wissen, was passiert ist in Hamburg, dass ein Mohammed Atta, ein Said Bahaji, ein Ziad Jarrah, die aus arabischen Staaten nach Deutschland gekommen sind, um hier zu studieren, zu Massenmördern wurden."

Maßloser Hass auf den Westen

Diese Frage lässt sie nicht mehr los. Führt sie tief hinein in eine fremde Welt, zuerst in das Hamburg der Attentäter, dann in den Irak, durch den Nahen Osten, nach Afrika. Sie begegnet überall maßlosem Hass auf den Westen, ausgelöst durch Unterlegenheitsgefühle und die Angst, die Amerikaner wollten den Islam vernichten. Besonders gefährlich wurde es, als sie mit einem Kollegen unterwegs war.

"Nur der Fakt, dass mein Kollege Amerikaner war, hat diesen Hass hervorgerufen", sagt sie. "Es ist vielleicht für viele nicht möglich zu begreifen, aber wenn Sie jemandem ins Gesicht schauen und in die Augen und Sie sehen, dass die Person jedes Wort ernst meint. Es war nicht irgendwie ein schlechter Witz, sondern der hatte wirklich auf einmal die Idee: Da kommt ein Amerikaner hierher, dann lass uns ihn doch einfach entführen und köpfen."

Mekhennet und ihr Kollege kommen gerade noch davon. Viele Menschen aber sterben durch Krieg und Terror. Auch in Europa. Brüssel, Paris, Nizza, Berlin, Barcelona. Die Nachrichten reißen nicht ab, der Hass breitet sich aus. Die Biographien der Attentäter ähneln sich – wie Mekhennet auch nach Barcelona wieder feststellt.

Zuflucht in totalitären Gruppen

"Die Eltern waren entweder getrennt oder geschieden. Der Vater lebte ganz woanders, hat noch einmal geheiratet. Diese Kinder waren dann irgendwie bei diesen Müttern, die teilweise auch überfordert waren mit der Situation und sich im Prinzip freuten, ah, da ist eine Moschee. Da ist auch noch ein Imam, der ganz nett ist, dann halten sich die Kinder doch dort am besten auf." Fatal, wenn der Imam ein Islamist ist. Menschen, die zu Hause keinen Halt finden, suchen oft Zuflucht in totalitären Gruppen. Denn die bieten jedem Halt, der sich ihnen anschließt.

"Es ist nicht der Kampf gegen den Westen. Es sind Gruppen, die gegen all jene kämpfen, die anders denken und anders agieren als sie es für richtig halten. Und es ist egal, ob sie Christ, Jude oder Moslem sind. Wenn sie nicht so agieren, wie diese Gruppen es wollen, dann sind sie eben ein Feind."

Es gibt in der Welt Menschen, die spalten. Und es gibt Menschen, die Gemeinsamkeiten suchen. Mekhennet nennt sie die Brückenbauer. Für sie hat sie ihr Buch geschrieben.

(Beitrag: Caroline Schmidt)

Buchtipp
"Nur wenn Du allein kommst"
Eine Reporterin hinter den Fronten des Jihad
Von Souad Mekhennet
C.H.Beck (08.09.2017)
ISBN: 978-3-406-71167-1

Stand: 25.09.2017 14:55 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.