SENDETERMIN So, 06.03.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

So inszeniert sich Nordkorea – Der beklemmende Dokumentarfilm "Im Strahl der Sonne"

Nordkoreanische Mädchen in Uniform.
Für den Film "Im Strahl der Sonne" hat Regisseur Vitaliy Mansky die achtjährige Zin-mi aus Pjöngjang mehrere Wochen begleitet - immer unter Aufsicht.

Eine Familie beim Frühstück in Pjöngjang: Ganz normaler Alltag – so scheint es. Vater, Mutter, Kind essen und unterhalten sich. Unvermittelt drängen zwei Männer in gedeckter Garderobe ins Bild, sagen der Familie, wie sich verhalten soll: möglichst natürlich, nicht so steif.

Das Frühstück ist Teil einer Inszenierung – arrangiert und vorgeführt für den Dokumentarfilmer Vitaly Mansky, der den authentischen Alltag in Nordkorea zeigen will. Doch ihm wird ein kontrolliertes Schauspiel geboten, mit einem Drehbuch, einer ausgewählten Familie und Kontrolleuren, die alles überwachen. "Die Familie hat nur auf die Befehle der Kontrolleure reagiert. Zwischen uns und der Familie gab es keinerlei Kommunikation oder Aktivitäten", erzählt Mansky.

Mansky trickst die Kontrolleure aus

Alles ist Show. Die Menschen werden arrangiert wie Marionetten. Aber Mansky trickst die Kontrolleure aus: Er lässt die Kamera einfach immer laufen und baut die  Anweisungen in seinen Film ein. "Unsere Aufpasser haben nach einer Weile vermutet, dass irgend was nicht stimmt, dass wir tricksen. Aber sie konnten nicht rauskriegen, was. Es gab da eine Spannung", erinnert sich der Regisseur.

Zwei Jahre hat sich Mansky um eine Drehgenehmigung in Nordkorea bemüht. Der Russe musste ein festes Drehbuch vorlegen, Abweichungen waren verboten. Die Familie des Mädchens Zin mi, die er porträtiert, war ihm zugeteilt worden.

"Alles war in Szene gesetzt"

Der russische Regisseur Vitaly Mansky
Zwei Jahre hat sich Mansky um eine Drehgenehmigung in Nordkorea bemüht.

"Ich habe trotzdem immer versucht, etwas vom realen Leben zu zeigen. Beispielsweise stand im Drehbuch: Zin mi geht in die Schule. Mein Vorschlag:  Sie kann doch mit dem Bus fahren. Die Kontrolleure haben zugestimmt. Und ich habe gehofft, auf der Straße ganz normale Leute filmen zu können. Doch der Drehort war eine Straße, in der sonst niemals Busse fahren. Die Schulkinder warteten schon mit ihren Eltern. Alles war in Szene gesetzt worden", berichtet Mansky.

Die totale Diktatur

Es gibt in der totalen Diktatur Nordkoreas keinen Freiraum – das zeigt Manskys Film meisterhaft.  Ob beim Frühsport oder beim Tanzen – alles und jeder ist Teil der umfassenden Propaganda-Show zu Ehren des geliebten Führers Kim Jong-un. Ein Privatleben oder individuelle Freiheit scheint es nicht zu geben, alles ist ideologisch durchdrungen. "Wir sind in der Sowjetunion auch marschiert und haben Losungen gerufen. Aber wenn man das offizielle System verlassen hat und nach Hause ging, dann hatte man sein Privatleben, es wurden Witze gemacht und Gedichte und Songs geschrieben. In Nordkorea verlassen die Menschen niemals das System, auch zu Hause nicht", sagt Mansky.

Nur selten kann Vitaly Mansky ohne Kontrolle filmen. Er zeigt die Bewohner eines ärmlichen Landes. Jenseits der Inszenierungen ist hier alles trostlos grau und vieles funktioniert nicht – außer der umfassenden Manipulation. Es ist, als wäre George Orwells Überwachungsstaat hier Wirklichkeit geworden. Auf kleinen Speicherkarten schmuggelt der Regisseur das unzensierte Material nach draußen.

Ein Mädchen ohne Wünsche oder Träume

"Als die Nordkoreaner erfahren haben, dass der Film fertig ist und auf Festivals gezeigt wird, haben sie sofort  über das Außenministerium und das Kulturministerium eine diplomatische Note verfasst. Mit der Forderung, den Film zu vernichten und ihn nicht zu zeigen. Wohlgemerkt, ohne dass sie ihn gesehen haben", erzählt Mansky.

Beim Dreh mit der Familie gibt es einen einzigen authentischen Moment, der vielleicht die Tragik eines ganzen Volkes widerspiegelt: unbeobachtet von den Kontrolleuren wird Zin mi gefragt, was sie vom Leben erwartet. Sie weiß keine Antwort, dafür gibt es kein Drehbuch.

Kino-Tipp:
Im Strahl der Sonne
Eine Produktion von Vertov.Real Cinema in Koproduktion mit Saxonia Entertainment, Hypermarket Film, MDR und Ceská televize
Regie: Vitaliy Mansky
Kinostart: 10. März 2016

(Beitrag: Tom Fugmann)

Stand: 18.10.2016 14:39 Uhr

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