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Großes Theater, kleine Wirkung? Der Gipfel der G7 auf Schloss Elmau

PlayG7 Gipfel in Elmau
Großes Theater, kleine Wirkung? Der Gipfel der G7 auf Schloss Elmau | Video verfügbar bis 08.06.2016

In Oberbayern mag man's gern groß. Die Passionsspiele in Oberammergau: Riesen-Theater, eine uralte Geschichte. Dass man jetzt die Alpenkulisse auch für politische Großevents nutzt, ist da nur logisch! Auch das G7 Treffen: Riesen-Theater, eine uralte Geschichte. Und das vielzitierte Schloss, offenbar die ideale Bühne für die Großen der Welt, die sich bei der Generalprobe noch entschuldigen, also doubeln ließen. "Da wird etwas inszeniert, was es vielleicht gar nicht mehr gibt", kritisiert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian. "Und zwar auf beiden Seiten, sowohl auf Seiten der scheinbaren Machthaber als auch auf der Seite der Demonstranten."  

"G7 muss sich neu erfinden"

Dirk Messner.
Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn.

"Die G7 waren mal die mächtigsten Länder der Welt", sagt der Politikwissenschaftler Dirk Messner. "Das sind sie heute gar nicht mehr, weil wichtige Entscheidungen ohne China, Brasilien, Indien gar nicht gefällt werden, die wichtigsten Probleme ohne diese Länder gar nicht gelöst werden können. Insofern muss sich G7 eigentlich neu erfinden." Genau: Stopp dem Festspielwahn der G7, wie noch in Heiligendamm. Schluss mit dem pompösen Einzug der Hauptdarsteller, weniger Show und Abschottung, und bloß kein historisches Schlachtengetümmel zwischen Tausenden von Protestlern und Polizisten mehr. Und bitteschön: weniger vom Wasser-predigen-und-Wein saufen, mehr Weltpolitik statt Welttheater im Hause Müller-Elmau!

"Man kann dem Ganzen einen gewissen Zynismus nicht absprechen"

Armen Avanessian.
Armen Avanessian ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und Chefredakteur vom Merve-Verlag Berlin.

Man könne dem Ganzen einen gewissen Zynismus nicht absprechen, sagt Avanessian. "Dass diejenigen, die zum großen Teil verantwortlich sind für die Misere, in der wir stecken - ob das jetzt finanzpolitisch oder klimapolitisch ist - dass diejenigen sich dann als Retter-der-Welt-Think-Tank aufspielen." "Die G7-Staaten müssen in die Welt transportieren, dass sie gelernt haben, dass sie nicht mehr die Vorbilder sind, an denen sich andere orientieren müssen, sondern dass sie jetzt ernsthaft ihre Hausaufgaben machen, und globale Systemrisiken minimieren, zu denen sie selber beitragen, an deren Lösung ernsthaft zu arbeiten", fordert Messner.

Aber passt das? Sich der Welt zuwenden - im abgelegensten Alpental! Armut bekämpfen und bis zu 360 Millionen versenken! Klimawandel stoppen und dafür ein Naturschutzgebiet umgraben! Wo natürlich kein Demonstrant hinkommt. Wo Bürgerrechte hinterm Zaun bleiben und ganz bigott auf der Stelle getreten wird. "Wir brauchen in vielen Bereichen mehr Geschwindigkeit", so Messner. "Wir müssen Probleme endlich anfangen wirklich zu lösen, weil die Zeiträume, in denen wir sie noch gut lösen können, klein sind, wie zum Beispiel für das Klimaproblem, hier sind Vorreiterallianzen wichtig."

"Wir sind als Menschen nicht gut, langfristig zu denken"

Ja, theoretisch könnte G7 schneller entscheiden und handeln, schneller als etwa eine UN. Geschwindigkeit in die globale Politik - davon träumt Regisseurin Merkel wohl auch in Elmau. Doch wer bremst auf dem Weg? Konzerne, Konkurrenten!? Oder auch das Wahlvolk? Vielleicht sind wir alle noch gar nicht reif genug für die weltgrößten Krisenstücke, die hier auf dem Spielplan stehen? "Wir sind als Menschen, das sagen uns Psychologen und Kognitionsforscher, nicht besonders gut, langfristig zu denken", sagt Messner. "Wir sind eigentlich sehr kurzfristig denkende Wesen. Wenn sie in unser politisches System hineinschauen, dann ist das langfristigste System, was wir hinkriegen, das Rentensystem."

Was fehlt?

"Was in der Politik heute fehlt, sowohl in linker und offizieller Politik, ist etwas, das man Zukunft nennen würde", sagt Avanessian. "Und zwar nicht nur, dass die Zeit vergeht, sondern dass wir ein positives emphatisches Verständnis von Zukunft haben. Eine bestimmte Vision und zwar auch eine rational, technologisch und wissenschaftlich informierte Vision von Zukunft für eine Gesellschaft, in der wir tatsächlich leben wollen und nicht nur ein - wie man in Österreich sagt - weiterwurschteln und hoffen, dass es nicht allzu schlimm wird."

Der derzeitige Protest ist in der digitalen Welt auch nur gutgemeinte Nostalgie. Flugblätter verteilen ist im Zeitalter der NSA wirkungslos. Für alle, die nicht zu den Snowdens dieser Welt gehören, bleibt aber trotzdem mehr, als nur dem Theater zuzugucken und zu meckern. "Wir brauchen eine neue globale Verantwortungskultur", fordert Messner. "Dann erhöht man damit auch die Chance für internationale Konferenzen, zu besseren und durchgreifenderen Ergebnissen zu kommen."

Also: Mitmachtheater für Weltbürger, sobald sich in Elmau der Vorhang geschlossen hat. Ab Dienstag heißt es: Welt retten!

(Beitrag: Sylvie Kürsten)

Stand: 08.06.2015 11:21 Uhr