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Christenverfolgung in der Türkei - Massenhafte Enteignung von Kirchen und Klöstern

Christenverfolgung in der Türkei - Massenhafte Enteignung von Kirchen und Klöstern | Video verfügbar bis 23.07.2018

Aramäer sind die Urchristen: Sie sprechen bis heute die Sprache Jesu Christi. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten 300.000 Aramäer in der Türkei, heute nur noch wenige Tausend, denn sie wurden vertrieben, leben in der ganzen Welt verstreut. Und die letzten Verbliebenen schlagen jetzt Alarm, denn mehr als 50 Kirchen, Friedhöfe und Klöster sind ihnen vom Staat jetzt einfach weggenommen worden, im Zuge einer sogenannten Umstrukturierung der Verwaltungsbezirke. "Was bezweckt man mit diesen Enteigungen?", fragt der aramäische Rechtsanwalt Erkan Metin. "Hier wird uns gesagt, stellt eure Identität nicht in den Vordergrund, erhebt eure Stimme nicht. Andernfalls lassen wir euch hier nicht leben."

Mardin einst Hochburg der Urchristen

Im Südosten der Türkei wurden Kirchen, Friedhöfe und Klöster enteignet.
Im Südosten der Türkei wurden Kirchen, Friedhöfe und Klöster enteignet.

Bei Mardin an der syrischen und Irakischen Grenze ist das eigentliche Zuhause der Aramäer. Hier, im Südosten der Türkei, war einst die Hochburg der Urchristen, heute leben hier gerade noch 3.000. Viele Aramäer haben wegen der Christenverfolgungen ihre Häuser verlassen und sind ins Ausland geflohen. Ihre leer stehenden Kirchen wurden von den muslimischen Bewohnern teilweise als Stall genutzt, ihre Felder beschlagnahmt, ihre Häuser besetzt. Im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen verbesserte sich die Lage kurzfristig. Doch dann kamen die staatlichen Enteignungen. "Wir haben für die Rückgabe unserer Güter bei den Behörden bereits einen Antrag gestellt und hoffen, dass man uns erhört", sagt Priester Gabriel Akyüz. "Wie es in der Bibel steht: 'Klopfet an, so wird euch aufgetan.' Wir werden an der Tür des Staates klopfen, bis man sie öffnet. Wir geben nicht auf."

Viele Christen flohen ins Ausland

Eine Taufe in der Nähe von Mardin: Solche Bilder haben inzwischen Seltenheitswert. Denn die meisten Aramäer haben bereits ihre Wohngebiete verlassen, geblieben sind in der Regel alte Menschen. Wenn sie ihre Dörfer verlassen müssen, gehen die Aramäer oft zunächst nach Istanbul. Hier leben 20.000 von ihnen. Heute wird bei jeder Gelegenheit an die glorreiche Zeit des Osmanischen Reiches erinnert. Dabei wurde hier das Christentum schon im vierten Jahrhundert zur Staatsreligion erklärt, und bis zum Jahr 1000 war die Hagia Sophia die größte christliche Kirche der Welt. Nach der Eroberung durch die Osmanen wurde sie in eine Moschee umgewandelt, wie viele andere Kirchen. Die Christen flohen ins Ausland. "Wenn ein Baum keine Erde für seine Wurzeln hat, kippt er um", mahnt Tuma Celik von der Union der Europäischen Aramäer. "Die Aramäer im Ausland ähneln einem solchen Baum. Aber leider versteht sich die Türkei seit ihrer Gründung vor 100 Jahren als eine Nation und duldet keine religiösen Minderheiten. Sie versucht, sie auszulöschen.

Kampf ums Eigentum

So verschwindet eine jahrtausendealte Kultur. Die größten Probleme haben die Aramäer in den abgelegenen Dörfern, hier leben nur ein paar Familien. Nun, nach dem neuesten Gesetz, gehören ihre Kirchen, Klöster und Friedhöfe nicht einmal ihnen selbst, sondern dem türkischen Staat. Die Gemeinden und Stiftungen wollen auf alle Fälle den Rechtsweg gehen, um ihr Eigentum auf dem Land zurückzubekommen, doch optimistisch sind sie nicht. "Von türkischen Gerichten Gerechtigkeit zu erwarten ist nicht realistisch", sagt Anwalt Erkan Metin. "Unsere Justiz befindet sich momentan in keinem vertrauenswürdigen Zustand. Und der Weg zum Europäischen Gerichtshof würde bedeuten, dass man wegen der Überlastung mindestens zehn Jahre warten müsste."

Rückgabe im Parlament beantragt

Der aramäische Abgeordnete Erol Dora führt einen aussichtslosen Kampf im Parlament.
Der aramäische Abgeordnete Erol Dora führt einen aussichtslosen Kampf im Parlament.

In der Hauptstadt Ankara führt ein Mann einen aussichtslosen Kampf im Parlament: der aramäische Abgeordnete Erol Dora von der Oppositionspartei HDP, deren gesamte Führung im Gefängnis sitzt. "Alle Liegenschaften, die den christlichen Stiftungen entwendet oder dritten Personen übertragen wurden, müssen ohne Vorbedingungen den zuständigen Stiftungen zurückgegeben werden", fordert er. Obwohl Dora wenig zuversichtlich ist, hat er im Parlament die Rückgabe beantragt. Dabei bezieht er sich auf ein altes Abkommen aus dem Jahr 1923. "Die Grundrechte der Nicht-Muslime, deren Freiheit, der Schutz ihrer Stiftungen und ihrer Eigentümer in der Türkei stehen seit dem Vertrag von Lausanne unter Garantie", sagt er. "Die Gründung der türkischen Republik beruht auf diesem internationalen Vertrag. Daher sind die Enteignungen vollkommen falsch."

Ein verzweifelter Appell. Wenn die türkische Regierung den Aramäern ihren Besitz nicht zurückgibt und ihnen so die Grundlage für eine Rückkehr nimmt, werden die ersten Christen in der Türkei bald nur noch Geschichte sein.

Stand: 23.07.2017 19:55 Uhr

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