SENDETERMIN So, 06.11.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Ein radikales Krebs-Tagebuch – Jutta Winkelmann verarbeitet ihre Krankheit als Comic

Jutta Winkelmann fotografiert sich mit einem Handy im Spiegel.
Hat ihr Krebsleiden in einer Graphic Novel festgehalten: Jutta Winkelmann.

Mit ihrer Zwillingsschwester Gisela Getty wurde Jutta Winkelmann zur Ikone der 68er, in den Siebzigern gründete sie mit Rainer Langhans und einigen Frauen eine legendäre Kommune, genannt "Harem". Das Private war bei ihr schon immer politisch und öffentlich. Seit einigen Jahren verarbeitet Jutta Winkelmann deshalb auch ihre Krebserkrankung im Internet und in einem Film. Die jetzt gewählte Form ist radikal und ungewöhnlich: Aus Selfies und anderen Fotos macht sie den Comic "Mein Leben ohne mich": bunt, grell und laut. Sie zeigt sich leidend, kämpfend, hoffend, verzweifelnd, hadert mit dem Leben, mit Rainer Langhans und mit martialischen Schmerzen, die der Knochenkrebs ihr bereitet.

Wer bin ich? Das da im Spiegel, oder?

Die Frau, die das fragt, ist Jutta Winkelmann, Künstlerin und der eine Teil des berühmten Zwillingspaares: Sie und ihre Schwester Gisela Getty galten in der Hippie-Zeit als wild und unerschrocken. Elektrisierend durch die Beziehung mit dem Milliardärssohn Paul Getty. Dessen Entführung durch die italienische Mafia machte auch sie weltberühmt. Und ihr Hunger aufs Neue wurde noch größer. Nichts war bestimmt, das, was kommen sollte, erfreulich ungewiss.

Jutta Winkelmann wird nicht mehr lange leben

Nun ist nur noch eines gewiss: Jutta Winkelmann wird nicht mehr lange leben. Sie hat Knochenkrebs im Endstadium. Seite an Seite mit dem eigenen Tod erzählt sie ihre Krankengeschichte als Comic. Der Strahlendrache faucht. Die ätzende Chemotherapie frisst ihre Haare – das letzte Gefühl von Jugend. "Ich muss aufhören, mir Hoffnungen zu machen, ohne mich aufzugeben", sagt sie. "Ich muss mich hingeben, muss Verstand und Sprache und Körper hingeben. Sie gehören mir nicht, sind nur geliehen, und ich habe reichlich Schindluder mit ihnen getrieben."

Eine Art Krebs-Tagebuch

Sie hat über die letzten Jahre eine Art Krebs-Tagebuch kreiert. Splitter aus ihrer Kampfzone, immer am Abgrund entlang: anarchisch und rebellisch wie sie selbst. Kämpfend, hadernd, auch tanzend zwischen Geburt und jüngstem Gericht. Manchmal voller Reue über ein zu freies und damit unverbindliches Leben. Die Kranke betrachtet den eigenen Körper, verwundert fast, als durchgeknalltes Ereignis. Das Dokumentieren hilft ihr dabei, auf Distanz zu gehen, die Kontrolle nicht ganz zu verlieren. Die Hämmergeräusche des MRT sind der Soundtrack ihres jetzigen Daseins.

"Ich habe dann wie jemand geguckt, der das nicht ist", so Winkelmann. "Sondern da war dann diese Jutta für mich eine gewisse Kunstfigur, die in Anführungsstrichen diese Abenteuer mit der Krankheit erlebt. Und als ich die Comics gemacht und die Bilder bearbeitet habe, habe ich mich sogar ein bisschen wie Regisseurin und Figur gefühlt. Ich glaube, dass ich mich sehr als Opfer gefühlt hätte und sehr viel mehr rumgeheult hätte."

"Ich konnte immer hemmungsloser werden bei dem Comic"

"Mein Leben ohne mich" ist ein Drama mit Bühnenbild in Form des Comics, der Gemütszustände sichtbar macht – ohne viele Worte. "Im Comic kann man übertreiben. Man kann dramatische Dinge mit Wucht zeigen. Insofern konnte ich immer hemmungsloser werden bei dem Comic, und das hat mir gut gefallen."

Ein Buch übers Sterben, grell und bunt. Das entspricht ihr. Jutta Winkelmann hat viele Spielarten des Lebens ausprobiert. Sie lebte mit den Freunden in der Kommune eine Utopie der Offenheit. Freie Liebe. Keine Privatsphäre. Denn: Das Private ist politisch. Insofern ist der Comic konsequent: Alles ist öffentlich – auch Konflikte mit ihrem Gefährten Rainer Langhans. "Wir sind nun mal so eine Gruppe, die gesagt hat, wir zeigen auch unsere Schattenseiten", sagt sie. "Das war ja die Erfahrung, die wir gemacht haben, dass wir alle eins sind und deswegen alles voneinander wissen und es auch zeigen können und nicht voreinander verstecken", fügt Langhans hinzu.

"Wir tun halt so, als ob 68 weitergegangen wäre"

Die Gruppe und ihre Neurosen. Die Autorin entlarvt gnadenlos – auch im Bild. Darstellen und doch kein Ausstellen des schönen Scheins. Die Aufhebung der Privatsphäre gilt den 68ern als revolutionärer Akt – bis heute. "Wir tun halt so, als ob 68 weitergegangen wäre", sagt Rainer Langhans. "Dadurch, dass ich auch bei mir größtmöglich auf Eitelkeiten verzichtet habe, fand ich das für andere auch zumutbar", so Winkelmann. Sie zeigt sich leidend, zitternd, panisch-erstarrt, stellt den malträtierten Körper zur Schau.

Gedanken an die Endlichkeit

Die 67-jährige Künstlerin stellt sich in dem Comic ihren Gedanken an die Endlichkeit: verzweifelt und neugierig. "Es wird enger. Ich muss mich mehr um meine Seele kümmern. Also nix werden. Mich noch mehr abschaffen." Nichts mehr müssen oder darstellen. Pures Sein. Doch nicht einmal jetzt – so sterbenskrank – schafft sie das. Ist das pure Sein vielleicht gar nicht so erstrebenswert? Ist es nicht eher so, dass wir leben, solange wir noch etwas müssen? Erst das Leben gibt dem Überleben einen Sinn.

"Ich bin offen was passiert", sagt sie. "Ich habe es bis jetzt geschafft. Ich werde es noch weiter schaffen, also ich würde sagen: Ich suche gar nicht mehr."

(Beitrag: Tina Soliman)

Buchtipp
Mein Leben ohne mich
von Jutta Winkelmann
Verlag: Weissbooks.w (11.11.2016)
ISBN: 978-3-86337-112-8
Preis: 24 Euro

Stand: 07.11.2016 09:40 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.